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Renault mimt den kleinen Kraxler Captur lockt mit rustikaler Optik

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Die Verwandtschaft zum Modell Clio besteht nicht nur technisch.

(Foto: Renault)

Es ist nicht ohne Risiko, einem Serienmodell den Namen einer aufregenden Konzept-Studie zu geben. Jetzt, wo internationale Autotester Bekanntschaft mit dem neuen Renault Captur machen, wird eines klar: Auch die gewollte Emotionalisierung einer Marke hat ihre Grenzen.

Das verwegene Show-Car, mit dem Renault die Fachwelt zum Automobilsalon Genf 2011 verblüffte, sollte eine neue Designphilosophie zum Ausdruck bringen. Mit geblähten Backen, innovativen Sitzen und monströsen Rädern weckte die Konzept-Studie Captur Hoffnungen auf eine Überwindung der stilistischen Langeweile. Doch dann hat die Franzosen wohl der Mut verlassen, denn aus dem muskelbepackten Crossover ist eine Art Clio auf Stelzen geworden. Der passt aber als enger Verwandter eines B-Segment-SUV haargenau in die Fahrzeugklasse, der momentan die größten  Wachstumschancen gegeben werden.

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Zwei Benzin- und ein Dieselmotor stehen den Kunden zur Auswahl.

(Foto: Renault)

Wachstum ist dringend nötig, denn ebenso wie die beiden anderen französischen Massenmarken ist Renault arg gebeutelt von der europäischen Absatzkrise. Spanier, Portugiesen und Italiener haben den Autokauf fast komplett eingestellt, in Deutschland fielen die Renault-Neuzulassungen trotz der guten Nachfrage nach Dacia-Autos 2012 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als sechs Prozent oder rund 10.000 Einheiten.

Ausgeprägte Offroad-Attitüde

Neue Begehrlichkeit soll nun der Captur wecken, ein Auto, das laut Hersteller die Vorzüge eines Sports Utility Vehicle – wie die erhöhte Sitzposition und den guten Überblick über das Verkehrsgeschehen – mit der Variabilität eines Kompaktvans verbindet. Vom Renault Clio unterscheiden ihn nicht nur sechs Zentimeter mehr Außenlänge (von denen so gut wie nichts dem Radstand zugutekommt) und immerhin zwölf Zentimeter mehr Fahrzeughöhe. Diese 1,57 Meter gehen zum größten Teil auf das Konto einer auf 17 Zentimeter erhöhten Bodenfreiheit. Für eine ausgeprägte Offroad-Attitüde sorgen darüber hinaus die bis zu 17 Zoll großen Leichtmetallräder und die robusten Radlaufverbreiterungen aus schwarzem Kunststoff.

Die eingezogenen Seitenpartien kennt der Renault-Fan bereits vom Clio, großflächige schwarze Schutzleisten sollen den Naturburschen-Charakter unterstreichen. Um das  anvisierte jüngere Publikum zu ködern, gibt es ein umfangreiches Individualisierungs-Angebot für Exterieur und Interieur. Neben unterschiedlichen Farbkombinationen für Dach, Außenspiegelgehäuse, Nebelscheinwerfer-Einfassungen und Zierleisten können die Kunden auch verschiedene Farb- und Grafikkombinationen für das Interieur wählen. Ergänzend stehen Leichtmetallfelgen in verschiedenen Farben zur Verfügung.

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Hoch lebe der Kontrast: Außen und Innen können die Kunden viel Farbe mischen.

(Foto: Renault)

Umsteiger aus dem Technikspender Clio werden sich im Captur-Cockpit leicht orientieren können. Die beiden fächerförmigen Instrumenten-Gehäuse verbindet ein elliptisches Anzeigefeld für den digitalen Tachometer. Zentrales Element der Mittelkonsole ist der Touchscreen, der einem Tablet-Computer nachempfunden ist. Das in der Topversion Luxe enthaltene Navigationssystem wird von TomTom geliefert. Über den Bildschirm wird auch das R-Link-Infotainment-System gesteuert. Wer es bestellt, bekommt verschieden Funktionen wie E-Mail, Kalender, Parkplatz- und Tankstellensuche, die über spezielle Apps nachgerüstet werden. Natürlich gehört auch eine Öko-Applikation zum Angebot der Franzosen. Sie soll beim sparsamen Fahren helfen, indem Fahrdaten ausgewertet und grafisch im 7-Zoll-Monitor aufbereitet werden. Als Ergebnis gibt es Vorschläge, wie man sparsamer fahren kann. Eher der Unterhaltung dient die App "R-Sound Effect". Damit lassen sich im Innenraum sechs verschiedene Motorsounds erzeugen, die sich sogar der Motordrehzahl anpassen. 590 Euro berechnet Renault für das System, das auch in Clio und Clio Grandtour Einzug hält. Ebenso tief angeordnet wie beim Clio und damit unpraktisch platziert ist der Startknopf für den Motor.

Verschiebbare Rückbank für mehr Platz

Da vor allem freizeitaktive Menschen für den Captur begeistert werden sollen, verwandte man viel Mühe darauf, einen flexibel nutzbaren Innen- und Gepäckraum zu schaffen. Bei der Ladekante ist das noch nicht komplett gelungen, denn die wuchs mit der Fahrzeughöhe auf 73 Zentimeter. Dafür gibt es hinter der Klappe 377 Liter Gepäckvolumen, die durch Umlegen der Rücklehnen bis auf 1235 vergrößert werden können. Die um 16 Zentimeter in Längsrichtung verschiebbare Rückbank gehört ebenso zu den guten Ideen wie der serienmäßige flexible Gepäck­raumboden: Um eine ebene Ladefläche mit den vorge­klappten Rücksitzlehnen zu schaffen, lässt sich dieser ausbauen und höher wieder einsetzen. Ab der Ausstattung Dynamique ist der Ladeboden beidseitig nutzbar – umdrehen genügt. Die eine Oberfläche besteht aus Teppichboden, die andere aus abwaschbarem Kunststoff.

Volumen wird ebenfalls groß geschrieben beim "Easy Life"-Handschuhfach: Es lässt sich wie eine Schublade weit aufziehen und schützt dank seiner elf Liter Inhalt auch größere Gegenstände wie Spiegelreflexkameras vor neugierigen Blicken. Traditionell wird bei Renault mit Ausstattung gepunktet. Bereits die Basisversion Expression verfügt über das schlüssellose Startsystem Keycard, das längs- und höhenverstellbare Lenkrad, einen Tempomat mit Geschwindigkeitsbegrenzer, einen Bordcomputer und die Berganfahrhilfe Hill Start Assist, die besonders auf losem Untergrund das Anfahren erleichtert, bzw. das Zurückrollen bei Stopps in Hanglage verhindert. In der mittleren Ausstattung Dynamique sind das schlüssellose Zugangs- und Startsystem Keycard Handsfree, die manuelle Klimaanlage und eine 4x20-Watt-Audioanlage mit Bluetooth-Schnittstelle sowie USB- und Klinken-Anschluss an Bord. Hinzu kommen Nebelscheinwerfer, Lederlenkrad und 16-Zoll-Alufelgen.

Sparsamkeit per Tastendruck

Die Motorenauswahl orientiert sich ebenfalls am Vorbild Clio: Für den Captur stehen zum Marktstart zwei Benzinmotoren und ein Dieselaggregat bereit, wobei die Variante TCe 90 die Kraft aus nur drei Zylindern schöpft. Mit dem ENERGY dCi 90 eco2-Dieseltriebwerk begnügt sich der Captur im kombinierten Verbrauch auf dem Rollenprüfstand mit 3,6 Liter Kraftstoff für 100 Kilometer Fahrstrecke. Das lässt einen Praxisverbrauch von fünf Litern/100km realistisch erscheinen. Es ist der gleiche Wert, den Renault seinem Dreizylinder-Ottomotor zurechnet.

Zum Technik-Paket des Vierzylinder-Turbodiesels und des Dreizylinder-Turbobenziners zählen unter anderem die Start-Stopp-Automatik sowie das Generatormanagement zur Rückgewinnung von Bewegungs­energie beim Bremsen und im Schubbetrieb. Zur Serienausstattung zählt ferner die ECO-Mode Taste. Per Knopfdruck lasse sich damit der Verbrauch je nach Motorisierung um bis zu zwölf Prozent senken, verspricht Renault. Hierzu werden Motorleistung und Drehmoment gedrosselt, gleichzeitig wird die Leistung der Klimaanlage zurückgefahren.

Wenn der Captur Anfang Juni auf den deutschen Markt kommt, kostet er mit 90-PS-Dreizylindermotor und Start-Stopp-Automatik 15.290 Euro. 2000 Euro teurer ist die Dynamique-Ausstattungslinie, in der dann auch der 120-PS-Benziner für 19.390 Euro zu haben ist. Bei 17.090 Euro beginnen die Preise für den Diesel, in der Luxe-Version kostet der Selbstzünder 20.590 Euro. Zwar sieht das Auto so aus wie ein kleiner Kraxler, doch im Unterschied zum Opel Mokka oder dem Chevrolet Trax ist ein Ausstattungsmerkmal weder für Geld noch für gute Worte zu haben: ein Allradantrieb. Dafür müsste sich der geneigte Kunde dem Renault-Vetter aus Korea namens Koleos zuwenden.

Quelle: n-tv.de