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"Das ist schon ein Kracher" Chevrolets Abgang ist Opels Freiheit

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Die Chevrolet Corvette Stingray soll neben dem Camaro auch nach 2016 in Europa vertrieben werden.

Mit Chevrolet verabschiedet sich eine der wohl amerikanischsten Automarken ab 2016 aus Europa. Verstehen kann die Entscheidung der Konzernmutter General Motors keiner. Freude dürfte der Abgang bei Opel auslösen. Den Rüsselsheimern wird der Knebel genommen.

Opel gegen Chevrolet - das war in der Vergangenheit ein ungleicher Kampf. Hier die kleine deutsche General-Motors-Tochter, die sich dem Willen der Konzernzentrale zu beugen hatte. Dort die mächtige Marke Chevrolet, die gerade in Europa wie kaum eine andere für den sprichwörtlichen Straßenkreuzer stand. Bis im Jahr 2005 jemand auf die Idee kam, das Chevrolet-Logo ausgerechnet an koreanische Daewoo-Erzeugnisse zu pappen. Das brachte einerseits das Image ins Wanken, war aber vom Konzept her so erfolgreich, dass es einmal mehr Opel in Bedrängnis brachte.

Chevrolet gegen Ford

Und nun der Rückzug - dorthin wo alles angefangen hat, nach Amerika. Ausgerechnet ein aus der Schweiz stammender Mann mit französisch klingendem Namen legte dort Anfang des 20. Jahrhunderts den Grundstein für die vielleicht amerikanischste aller amerikanischen Automarken. Der 1878 geborene Louis Chevrolet gründete 1911 seine Firma und baute Autos, mit denen er dem legendären T-Modell von Ford Konkurrenz machen wollte. Mit einigem Erfolg: Vom Erstling Chevrolet Classic Six setzte er zwischen 1912 und 1914 immerhin rund 10.000 Exemplare ab.

Schon 1918 kaufte General Motors die Chevrolet Motor Company und formte sie zur Volksmarke. Bis zum Ende der 1920er Jahre hatte Chevrolet den ewigen Marktführer Ford vom Spitzenplatz verdrängt. Überraschend daran: Während Chevy heute auch als Synonym für mächtige V8-Motoren aus den USA gilt, stand man zunächst solchen Motoren ablehnend gegenüber. Sogar viele Jahre und Jahrzehnte - erst 1954 wurde der erste Achtzylinder der Marke eingeführt.

Corvette war der erste Kracher

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Im Film Turbo besiegt eine Schnecke einen Camaro. Das Sinnbild für Opel?

Genau zu jener Zeit begann auch der endgültige Aufstieg Chevrolets zu einer amerikanischen Ikone. Ein Jahr zuvor hatte man 1953 die erste Generation des heute legendären Sportwagens Corvette präsentiert. Gleichzeitig gingen die Modelle der Bel-Air-Reihe an den Start, die über viele Generationen und nicht zuletzt durch den Einsatz in unzähligen Hollywoodfilmen zum weltweiten Synonym der amerikanischen Familienkutsche werden sollten.

Doch ein wirklicher Vorreiter war die Marke Chevrolet im Grunde nie. Ihr Erfolgsrezept bestand darin, dass sie Antworten auf Ideen der Konkurrenz gab. Oft waren die richtig, manchmal aber auch falsch. Nicht wirklich richtig war etwa der Chevrolet Corvair von 1959 als Antwort auf den VW Käfer: ein Auto in großzügigem US-Format mit luftgekühltem Heckmotor. Berühmt und berüchtigt wurde der Corvair vor allem wegen seines Fahrverhaltens, das sich bestenfalls als gewöhnungsbedürftig bezeichnen lässt.

Die letzten Mohikaner

Die meisten Antworten gab Chevrolet jedoch auf Ford-Aktivitäten: Führte der Konkurrent ein neues Mittelklassemodell ein, zog man nach, feierte Ford mit einem Sportwagen Erfolge, musste ebenfalls einer her. Viele diese Modelle sind heute kaum mehr der Rede wert. Doch Chevrolets Antwort auf den Ford Mustang wurde ebenfalls zu einem Klassiker: der Camaro. Dieses Modell wird künftig wie auch die Corvette vermutlich allein das Chevrolet-Banner in Europa hochhalten müssen. Denn ab 2016 will man hier allein jene Fahrzeuge anbieten, die der Europäer als echte US-Ikonen ansieht.

Warum Chevrolet den Abflug macht und nur noch seine Muscle Cars in Europa anbietet weiß keiner. Selbst ausgewiesene Experten zucken mit den Schultern: "Wir haben das mit Verwunderung zur Kenntnis genommen. Das ist schon ein Kracher", sagt etwa Andreas Bremer vom IfA Institut für Automobilmarktforschung.

Opel ist erfolgreicher

Überrascht zeigt sich Bremer vor allem vor dem Hintergrund, dass General Motors in den vergangenen Jahren sehr viel Geld in die Wandlung von Daewoo zu Chevrolet steckte. Es wurde reichlich Werbung gemacht, für teures Geld ein Händlernetz installiert. Andreas Bremer ist gespannt, wie das Unternehmen nun mit den Händlern umgehen wird - schließlich beraubt der Sinneswandel die im Grunde ihrer Existenzgrundlage. In Rüsselheim dagegen dürfte man sich die Hände reiben, ist vielleicht auch etwas stolz auf eventuell geleistete Lobbyarbeit im Hintergrund.

Doch noch etwas anderes wird deutlich, wenn man sich die Verkaufszahlen des letzten Jahres ansieht. Während Chevrolet über die Segmente hinweg lediglich 23.488 Fahrzeuge von Januar bis November verkaufte, waren es bei der Rüsselsheimer Konkurrenz 191.800 Fahrzeuge. Der Abzug von Chevrolet wird Opel nicht per se an die Spitze katapultieren, aber die Bewegungsfreiheit der Rüsselsheimer sollte in allen Belangen deutlich zunehmen.

Quelle: n-tv.de, hpr/sp-x

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