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Renault Sport Spider Ein Auto der anderen Dimension

Die Suche nach dem Türöffner dauert nun schon Minuten. Von außen sind kein Knopf und kein Hebel zu finden. Erst als ein freundlicher Helfer den Tipp gibt, mal an der Innenseite zu schauen, schwenkt die Seitentür mit einem Aha-Erlebnis leise zischend nach oben. Der Renault Sport Spider ist anders als andere Roadster. Ganz anders.

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Der Renault Sport Spider ist eine pure Fahrmaschine.

Ursprünglich war der Zweisitzer als Arbeitsgerät für eine spezielle Rennserie im Vorfeld der Formel 1 gedacht. Mit extrem schmaler Windschutzscheibe, Aluminium-Rahmen, Gfk-Außenhaut und Mittelmotor fand er in der Rennszene schnell Beachtung. Zwischen 1995 und 1999 legte Renault deshalb auch eine zivilere Version des Roadsters auf. Doch bis auf eine höhere Windschutzscheibe blieb der Zweisitzer eher etwas für Puristen.

ABS, ESP, Servolenkung und einen hydraulischen Bremskraftverstärker sucht man hier ebenso vergeblich wie Seitenfenster, Verdeck, Radio und Lüftung. Lediglich kleine Heizdrähte sorgen für eine freie Scheibe und eine Persenning schützt im Stand vor Regen. Dafür mussten Fans damals fast 50.000 Mark zahlen, heute gibt es die wenigen auf dem Gebrauchtwagenmarkt offerierten Fahrzeuge ab 25.000 Euro. Denn kaum mehr als 2.000 Fahrzeuge liefen in den vier Jahren der Produktion in Frankreich von den Bändern.

Nichts für Laternenparker

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Ein Verdeck gibt es für den Roadster nicht.

Der gelbe Anschnallgurt wird ungewohnt über die rechte Seite nach links unten gezogen, mit der rechten Hand gleichzeitig der Zündschlüssel gedreht. Zurückhaltend, fast schon gelangweilt, meldet sich der 2,0-Liter-Vierzylinder aus der Mégane-Familie mit 108 kW/147 PS zur Stelle. Unter der dünnen und futuristisch gezeichneten Plastikhaut steckt ein breiter Aluminium-Hauptrahmen mit zwei Hilfsrahmen vorne und hinten. Der Rückwärtsgang verlangt zum Rangieren eine ungewohnte Zieh-Dreh-Schieb-Akrobatik und die schwergängige Lenkung eine beherzte Hand.

Der Spider ist nichts für Laternenparker und Cabriofahrer mit Fön-Frisur, sondern für Puristen, die den Asphalt riechen wollen und die sich auch vor einem Regenschauer während der Fahrt nicht fürchten. Und die die Waden eines Radprofis haben: Denn die Bremse aus dem Alpine 610 Turbo ohne Verstärker verlangt einen Tritt, bis die Adern hervorquellen, um das immer noch 965 Kilogramm schwere Gefährt sicher zu entschleunigen. Bei beherzter Fahrt, und nur die macht im Spider Spaß, ist deshalb ein kleines Workout gleich mitgebucht. Kein Wunder, dass das Auto in der Renault-Sportabteilung in Dieppe entstand.

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Nur rund 2000 Fahrzeuge entstanden in den vier Produktionsjahren.

Neben der körperlichen Herausforderung stellt sich nach wenigen Kurven eine Art von Bewusstseinserweiterung ein: Kann der physikalische Grenzbereich eines 16 Jahre alten Autos wirklich so weit außerhalb der eigenen Vorstellungskraft liegen? Ab wie viel Querbeschleunigung drückt sich das Gehirn aus dem Ohr? Und wie zum Teufel schaffen es die Schalensitze, die Insassen auf ihren Plätzen zu halten? Denn der Renault klebt am warmen Teer wie ein Dauer-EKG-Pflaster an der Brust. Kein Schütteln, kein Wackeln, lenken oder Bremsen kann es von der schwarzen Asphaltdecke lösen. Die fünf Gänge werden unter kurzen Zwischengasstößen schnell gewechselt, denn der Vierzylinder braucht ordentlich Drehzahl, um mit dem Fahrwerk zu harmonieren. Unter 4.000 Touren fühlt sich der etwas betagte Motor so schlaff an wie ein feuchtes Baguette.

Nacktes Alpenglühen

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Elektronische Helferlein sucht man vergeblich.

Mit Gebrüll aus dem mittig angeordneten Doppelauspuff geht es die Serpentinenstraße durch die Alpen rauf zum Gipfel. Der röchelnde Mittelmotor ersetzt dabei das Radio und die Heizung – das nennt man ökonomischen Aggregatebau. Schnell kommen die beiden Insassen auf Temperatur, ganz egal bei welchem Wetter. Auf gerader Strecke liegt unter Ausnutzung des Drehzahlbegrenzers nach weniger als sieben Sekunden aus dem Stand Tempo 100 an. Nur Hartgesottene ruinieren sich ohne Ohrstöpsel bei über 200 km/h ihre Ohren und vernichten gleichzeitig jede Haarwurzel.

Die ersten Tropfen schlagen auf die blanke Stirn, die vom Fahrtwind schon nach den ersten Kilometern taub massiert ist. Es juckt jetzt nicht nur im Gasfuß, doch ein Anhalten kommt nicht in Frage. Für den Griff zur Regenjacke im vorderen Kofferraum ist die Zeit zu schade. Mit zugekniffenen Augen geht es durch den kleinen Schauer, die Haare sind dank des Sport-Föns innerhalb weniger Minuten wieder trocken und der Spider kann wieder mit harter Hand geführt werden. Der Renault will, nein er muss gefahren werden. Für Männer mit Waschbrettbauch auch bei jedem Wetter. Wir wissen zwar, dass normale Cabrios mit Verdeck und technischem Schnick-Schnack im Alltag Vorteile haben. Aber das gilt schließlich auch für Lebertran.

Quelle: n-tv.de, sp-x

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