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Keine halben Sachen Goodwood - mit Vollgas in die Vergangenheit

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Nur in Goodwood fahren Oldtimer noch echte Rennen.

(Foto: Fabian Hoberg)

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Einmal im Jahr treffen sich die Besitzer der teuersten und schnellsten Rennwagen beim Goodwood Revival. Nicht, damit sich ihre Fahrzeuge die Reifen plattstehen, sondern um gegeneinander anzutreten und schnell zu fahren. Eben wie bei normalen Rennen.

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Der Besuch in Goodwood ist eine Reise in die Vergangenheit des Rennsports.

(Foto: Fabian Hoberg)

Tür an Tür donnern der Jaguar MK I und der Austin über die Rennstrecke. Die Rennfahrer schenken sich keinen Zentimeter, der Jaguar drückt den Austin über die Wiese, dreht sich dabei und fällt ein paar Plätze zurück. Rennsport eben. Motorsport kann Kontaktsport sein. Bei historischen Fahrzeugen ist das aber eher selten zu sehen. Die Ausnahme: das Goodwood Revival im Süden Englands. Hier feiert der 11. Duke of Richmond einmal im Jahr drei Tage lang die größte historische Motorsportparty der Welt - mit rund 200.000 Besuchern. Im Gegensatz zu anderen Oldtimer-Treffen schonen die Fahrer ihre Renngeräte nicht - es geht ums Gewinnen. Wie bei einem echten Rennen eben.

Dabei ist der Besuch in Goodwood eine Reise in die Vergangenheit, in den Motorsport der 1940er-, 1950er- und 1960er-Jahre. Nicht nur die Rennautos stammen aus längst vergangenen Tagen, sondern auch die Servicewagen rund um die Rennstrecke. Die meisten Gäste und Teilnehmer tragen historische Kleidung wie Tweed, Knickerbocker und Schirmmützen. Frauen in Petticoats, Armeeanzügen oder Arbeiterhosen der 1950er-Jahre schlendern mit Freunden Hand in Hand über den Rasen. Die Verkaufs- und Essensstände sind im Look der 30er- und 40er-Jahre gehalten, wie die Marktstraße Revival High Street, und wirken wie eine Filmkulisse, während ein Freilichtkino Filmklassiker zeigt. Zum 75. Geburtstag des D-Days stehen auf dem Rasen des Infields historische Militärfahrzeuge wie M4 Sherman Panzer, Harley-Davidson WLA, Amphibienfahrzeuge und Willys Jeeps.

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In Goodwood will man nicht nur teilnehmen, in Goodwood will man gewinnen.

(Foto: Fabian Hoberg)

Sponsoren aus der Autobranche halten sich vornehm zurück, zeigen nur ein paar historische Fahrzeuge. BMW präsentiert sich auf einem Messestand im Stil der IAA von 1959: mit den damaligen Neuheiten 700 Coupé, 600 und Isetta. Auf dem Rasen rund um die Strecke picknicken Familien und Cliquen, schauen sich die vorbeifahrenden Oldtimer oder die Besucher an. Kinder fahren in Tretautos um die Wette. Das Revival lässt die goldene Ära des Goodwood Motor Circuit zwischen 1948 und 1966 wieder aufleben.

Die Atmosphäre ist einzigartig

Den Motor Circuit entwickelte der 9. Duke auf Richmond, bekannt als Freddie March. Rund um die Startbahn und den Taxi-Way des alten Militärflughafens Goodwood baute er nach dem Zweiten Weltkrieg eine Rennstrecke. Das erste Rennen fand 1948 statt, im Laufe der Jahre fuhren hier Spitzenfahrer wie Juan Manuel, Fangio, Stirling Moss, Jim Clark und Graham Hill. Bis zum Sommer 1966: Weil der Duke befürchtete, dass die Rennwagen für seine Rennstrecke zu schnell wurden, schloss er den Circuit. Die 2,38 Meilen lange Rennstrecke fiel in den Winterschlaf, bis Freddie Marchs Enkel, der aktuelle Duke, sie gründlich restaurierte, Sicherheitsstandards hinzufügte und 1998 wieder eröffnete. Seitdem pilgern jedes Jahr rund 200.000 Besucher an einem Wochenende im September auf das Gelände von Goodwood House, dem Landsitz des Duke of Richmond.

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Wichtig ist in Goodwood natürlich auch der Stil.

(Foto: Fabian Hoberg)

"Es sind nicht nur die Rennen, die das Revival so einzigartig machen, sondern das Drumherum, die Atmosphäre. Die ist einzigartig", sagt Scott Williams aus Kalifornien. Der US-Amerikaner reist zum ersten Mal mit einer historischen BMW RS 54 Oscar Liebmann von 1966 an. "Weltweit habe ich noch keine andere Veranstaltung erlebt, bei der Autos und Motorräder Rennen fahren, die Zuschauer so nah an die Fahrzeuge herankommen und gemeinsam eine große Party feiern. Das ist sensationell", sagt er. Hier riecht es nach Öl, Benzin und Gummi, dazu bollern in der Boxengasse die Motoren beim Warmmachen, donnern die Fahrzeuge mit Vollgas über die Rennstrecke. Nach den Diskussionen um Verbote von Verbrennungsmotoren und Innenstadtverbote rund um die IAA ist Goodwood ein Paradies für Petrolheads. Elektromotoren werden höchstens in Akkuschraubern benutzt. Es ist eine Reise in vergangene Zeiten - als Verbrennungsmotoren noch als zukunftsträchtig und modern galten.

15 echte Rennen an drei Tagen

Insgesamt 15 Rennen in verschiedenen Klassen verteilen sich auf die drei Tage, dazu kommen Demo-Läufe wie zum 60. Jubiläum von Mini und dem 90. Geburtstag vom ehemaligen Rennfahrer Sir Sterling Moss. Die Rennen dauern zwischen 20 und 60 Minuten, geschenkt wird den Fahrern nichts. Piloten wie Jochen Mass, Romain Dumas, Troy Corser, Steve Parris, Karl Wendlinger, Steve Soper, Tom Kristensen und Emanuele Pirro treten gegen Hobbyfahrer an, kämpfen um Startplätze und Sieg. Beim Kinrara Trophy Race gehen mit die teuersten geschlossenen GT-Fahrzeuge vor Baujahr der Welt an den Start: Aston Martin DB4 GT, Austin-Healey 3000, AC Cobra, Ferrari 250 GT SWB, Ferrari 250 GTO und Jaguar E-Type. Gemeinsam haben die Fahrzeuge einen Wert von mehreren hundert Millionen Euro.

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Für die Fahrer der historischen Gefährte ist es eine Ehre in Goodwood dabei sein zu dürfen.

(Foto: Fabian Hoberg)

Um einen Startplatz bewerben können sich weder die Besitzer der Autos noch die Fahrer. Der Duke wählt selbst aus, wer bei seiner Veranstaltung dabei sein darf. "Es ist für jeden Fahrer eine Ehre, hier dabei sein zu dürfen", sagt der ehemalige Superbike-Weltmeister Troy Corser. Der Australier gewann hier vergangenes Jahr spektakulär das Motorradrennen auf einer alten R57 BMW-Kompressormaschine von 1928. Dieses Jahr hatte er weniger Glück. Bei seiner BMW R50 S Kaczor von 1966 war ein Simmerring defekt. Es leckte Öl auf die Kupplung, die nicht mehr trennte. "Aber die Maschine hat eh nicht so viel Leistung, dass ich eine Chance auf den Sieg gehabt hätte", sagt der ehemalige Weltmeister. Das hielt ihn aber nicht davon ab, beim Rennen alles zu geben. "Das ist halt ein echtes Rennen, halbe Sachen gibt es nicht", sagt er.

Dieses Jahr nimmt er zum zehnten Mal teil - und ist immer noch von der Veranstaltung und vom Kurs beeindruckt. "Auf dem Hochgeschwindigkeitskurs fährst du von Anfang an Vollgas, sonst verlierst du den Anschluss. Hier gewinnt der Schnellste, nicht das schönste Fahrzeug. Es ist deshalb die einzige Klassik-Veranstaltung, an der ich teilnehme", sagt Corser. Das sei der große Unterschied zu anderen Oldtimer-Veranstaltungen - und genau das macht das Goodwood Revival aus.

Quelle: n-tv.de

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