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Rennsportlegende Melkus Ostalgie im Hochdrehzahlbereich

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Flach, leicht, stark: Der neue Melkus hat ein Leistungsgewicht von nur 3,5 Kilogramm je PS.

(Foto: Textfabrik/Busse)

Mit dem handgefertigten Melkus RS 2000 setzt der Enkel des Firmengründers ein Stück Motorsportgeschichte made in DDR fort. Die Flügeltüren waren schon beim Opa Standard.

Die ruhmreichen Jahre sind allgegenwärtig: Hoch über den halbfertigen Autos, an den Seitenwänden der Halle, künden großformatige Schwarzweißfotos von der Zeit, als Heinz Melkus ein Superstar war. Zumindest bei denen, die sich in der DDR für Rennsport interessierten. Unten wird geschraubt, am Mythos und an seiner Fortsetzung.

Melkus ist die wohl exklusivste Automarke, die man in Deutschland kaufen kann. Gemessen an den neu zugelassenen Exemplaren ist dagegen sogar Rolls Royce ein Massenhersteller. "Wir haben bis jetzt sieben Autos ausgeliefert", sagt Sepp Melkus, Geschäftsführender Gesellschafter und Enkel des legendären Konstrukteurs und Rennfahrers, aus dessen aktiver Zeit die Schnappschüsse an den Wänden der Manufaktur stammen. Heinz Melkus hat mit seinem RS 1000 den ersten und einzigen Sportwagen der DDR auf die Straße gebracht, Sepp lässt die Legende mit dem RS 2000 wieder aufleben.

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Handarbeit pur: In der Montagehalle in Dresden wachsen Stück für Stück die nächsten drei RS 2000.

(Foto: Textfabrik/Busse)

Drei der knackigen Zweisitzer sind zurzeit im Bau, Ziel ist es, zwei Exemplare je Monat fertig zu bekommen. "Wir sind im Plan", sagt Sepp Melkus selbstbewusst. Voriges Jahr, auf der IAA in Frankfurt, hat die Firma ihren Prototypen gezeigt, von dort konnte sie schon die ersten Bestellungen mitnehmen. "Das waren Melkus-Fans von früher", sagt der Chef. Offenbar haben es diese Fans inzwischen zu solidem Wohlstand gebracht, denn der handgefertigte Melkus ist kein Schnäppchen. 115.000 Euro kostet der 1,15 Meter flache Renner, aber er ist damit immer noch der preisgünstigste Flügeltürer auf dem Markt.

Plastik-Flunder auf Wartburg-Basis

Die Flügeltüren waren es auch, die den RS 1000 so einzigartig machten. Auf der Basis eines Wartburg 353 und mittels glasfaserverstärkter Kunststoffkarosserie betrug das Leergewicht nicht einmal 700 Kilogramm. Da ging es sogar mit dem Dreizylinder-Zweitaktmotor des Wartburgs ganz schön flott zur Sache. Ein bisschen despektierlich, aber auch nicht ganz frei von Ehrfurcht, wurde das Auto im Westen schnell zum "Zonen-Ferrari" erklärt. "Was soll daran beleidigend sein, mit Ferrari verglichen zu werden?", schmunzelt Sepp Melkus.

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Von 101 jemals gebauten Melkus RS 1000 (links) existieren heute noch etwa 80 Exemplare.

(Foto: Textfabrik/Busse)

Die Plastikflunder hatte den für damalige Verhältnisse geradezu sensationell geringen Luftwiderstandsbeiwert von 0,29. "Da kann unser Neuer nicht mithalten", erklärt der gelernte Karosseriebauer Melkus, "heute geht es mehr um Abtrieb". Die erste Herausforderung an dem Arbeiter-und-Bauern-Sportwagen war nicht das Fahren, sondern das Hineinkommen. Über die breiten Seitenschweller mit den Beinen unter das ultraflache Lenkrad zu gleiten, war vor allem für Insassen über 1,80 Körpergröße eine echte Herausforderung. Bis 1980 wurden 101 Stück vom RS 1000 gebaut, 80 davon existieren noch. "Auch so ein Garagenfund", kommentiert Sepp Melkus das gelbe Exemplar, das gerade auf dem Hof steht, "der wird jetzt bei uns restauriert." Die Straßenversion des Sachsen-Express von damals hatte 70 PS, die Rennversion dank Sportvergaser und Drehzahlerhöhung 100 Pferdestärken.

Hilfe aus England und Japan

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Für enge Parklücken bestens geeignet: Die Flügeltüren des RS 2000.

(Foto: Textfabrik/Busse)

Ein paar PS mehr müssen es heute schon sein. Genauer gesagt, fast die vierfache Menge. Der Vierzylinder-Motor der RS 2000, der in ähnlicher Form bereits das Modell Celica von Toyota befeuerte, erzielt mit Hilfe eines mechanischen Strömungsladers 270 PS. Die Firma Yamaha, die schon in den Sechziger Jahren die für die Abstimmung von Renntriebwerken notwendige Musikalität unter Beweis stellte, hat sich auf dem Gehäuse verewigt. Noch ein weiterer wohlklingender Name aus dem Motorsport ist mit Melkus verbunden, doch da schweigt Enkel Sepp sich aus. Es braucht allerdings nicht viel Phantasie, um im RS 2000 die Grundsubstanz eines Lotus zu erkennen - klein, leicht, giftig.

"90 Prozent sächsisch", nennt der Firmenchef den Ursprung seines Zweisitzers, denn schließlich sind Karosserie- und Sattlerarbeiten in großem Umfang zu erledigen, Lackierer und Mechatroniker zu beschäftigen, bis die Fuhre das erste Mal aus eigener Kraft losrollt. Zehn Mitarbeiter beschäftigt die Firma im Moment, Siegfried Anacker hat schon für den Großvater gearbeitet. "Im Mai 1966 hatte ich meinen ersten Arbeitstag", erinnert sich der 70-jährige, der immer noch gern mit aushilft, manchmal viermal die Woche.

Jedes PS bewegt nur 3,5 Kilogramm

Die Fortbewegung im RS 2000 hat mehr vom Tieffliegen als vom Autofahren. Beim Lkw-Überholen blitzen im Augenwinkel des Fahrers die Radnaben des Lasters auf. Drehzahlhungrig faucht der Vierzylinder im Rücken, eifriges Schalten im kurzwegigen Sechsganggetriebe ist Pflicht, Körperkontakt mit dem Beifahrer dabei unvermeidlich. Ab 5000 Umdrehungen macht der Verdichter so richtig Druck, jedes PS hat nur 3,5 Kilo zu bewegen. Akustisch ist auch das niedertourige Fahren ein Vergnügen, zittert die Nadel um die Marke 3000, grollt es mächtig hinter der kleinen Scheibe im Nacken.

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Alles im Griff: Sepp Melkus verfügt auch über eine Rennsportlizenz.

(Foto: Textfabrik/Busse)

Von keinerlei Servounterstützung verweichlicht, reagiert die Lenkung auf Millimeterbewegungen. Die nur 3,91 kurze Karosse geht damit präzise und schneidig ums Eck und das kernig abgestimmte Sportfahrwerk kündet vom Reparaturstau auf deutschen Landstraßen. Wenn's drauf ankommt, vergehen keine fünf Sekunden bis auf Tempo 100, kleine Lämpchen im Kombiinstrument helfen dabei, die Kurbelwellenrotation nicht allzu oft am Drehzahlbegrenzer anschlagen zu lassen. Für die Statistik: 265 km/h sind drin, bei 7800 Umdrehungen erreicht der Motor seine maximale Leistung.

Die technischen Daten sind nur die zahlenmäßige Hülle einer puristischen Fahrmaschine, gefüllt wird sie mit den Wünschen der Kunden. Bis zur Farbe der Nähte, die das geschmeidige Leder auf den Sitzschalen und den Verkleidungen halten, reichen die Individualisierungsmöglichkeiten. Und die Abstimmung lieber kommod statt bretthart? Auch ein Bilstein- oder ein einstellbares Sachs-Fahrwerk sind im Angebot. Wer die Sorgfalt und den Eifer sieht, mit denen in der kleinen Halle im Dresdner Gewerbegebiet gearbeitet wird, kann sich kaum vorstellen, dass sich die Firma langfristig mit nur einem Modell begnügen wird.  Ist der Roadster schon in Planung? "Wir haben noch jede Menge Ideen", sagt Sepp Melkus vieldeutig, "das Modell weiter zu entwickeln". Nur auf die Flügeltüren müssten die Kunden dann verzichten.

Quelle: n-tv.de

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