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"Wir machen den Geschmack von morgen" Peter Schreyer: Vom Audi TT zur Tigernase

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Peter Schreyer, Popstar und Chefdesigner von Hyundai und Kia.

Peter Schreyer ist der Mann, der für VW den Golf IV zeichnete. Der Mann, der den Audi TT entwarf und den Käfer in Form des Beetle zu neuem Leben erweckte. Er ist wohl auch der Einzige, dem VW-Chef Ferdinand Piëch öffentlich nachtrauerte, als er sich Richtung Asien verabschiedete. Denn seit 2006 zeichnet er für Kia und inzwischen auch für Hyundai. In Korea wird er wie ein Star gefeiert. n-tv.de sprach mit dem Chefdesigner über Tigernasen, Sportwagen, Retroautos und Visionen.

n-tv.de: In Korea sind Sie eine Art Popstar. Es wird gesagt, dass die Menschen Sie auf der Straße erkennen und Ihnen zujubeln. Stimmt das?

Peter Schreyer: (grinst) Naja, mir passiert es schon oft, dass Leute in Korea am Flughafen auf mich zukommen und ein Foto mit mir machen wollen.

Das wäre in Deutschland undenkbar. Wie geht man damit um?

Ganz natürlich. Ich mache das eigentlich ganz gerne. Weil die Leute sich einfach freuen, wenn ich mich mit denen fotografieren lasse.

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Den ersten Golf entwarf Giorgio Giugiaro und setzte damit Maßstäbe im Autodesign.

Sie waren schon immer ein Fan von den Fahrzeugen, die Giorgio Giugiaro gezeichnet hat. Als Sie 1979 bei VW einstiegen, hatte dessen Handschrift die Marke bereits geprägt. Beeinflusst das Design von Giugiaro Ihre heutige Arbeit noch?

Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Eins ist aber Fakt: Giugiaro hat damals den ersten Golf gemacht und damit eine ganz klare Form entwickelt, die bis heute ihre Gültigkeit hat. Insofern hat er nicht nur mich, sondern wahrscheinlich auch andere Designer irgendwie beeinflusst.

Aber Sie würden jetzt nicht so weit gehen, dass Sie sagen, Sie zitieren Giugiaro heute noch?

Nein, das kann man nicht sagen. Aber ich bewundere ihn sehr.

Wie kommt man auf eine Idee, wie die der Tigernase für Kia?  

Als wir damals die Studie zum Kee entwickelt haben, da habe ich mir überlegt, dass es auch ganz gut wäre, wenn wir etwas schaffen würden, was einen hohen Wiedererkennungswert hat und nicht nachgeäfft wirkt. Also etwas, was nicht nach Mercedes, Audi oder BMW aussieht. Dennoch sollte es ein starkes Gesicht sein. Ich hatte erst eine andere Idee. Fing dann aber einfach an auf dem Auto rum zu tapen. Und stellte fest, dass es etwas sein muss, dass das Auto in der Mitte zentriert und ihm, eben wie eine Schnauze, einen ganz eigenen Charakter gibt. Und in diesem Moment bin ich auf die zwei Einstülpungen gekommen. Die sind grafisch so stark, dass man das Logo auch oben auf die Motorhaube setzen konnte.

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Mit der Studie Kee präsentiert Peter Schreyer erstmals die inzwischen zum Markengesicht von Kia gewordene Tigernase.

Ford hat vor nicht allzu langer Zeit für sich ausgerufen, das Weltauto erschaffen zu wollen. Ein Auto, das sich über alle Kontinente hinweg verkaufen lässt. Betrachtet man Kia und Hyundai, glaubt man auch hier eine Art Weltauto erkennen zu können. Funktioniert Autodesign über Grenzen, Mentalitäten und Geschmäcker überall gleich?

Schreyer greift in seine Hosentasche, zieht  ein iPhone heraus und legt es auf den Tisch.

Das beantwortet Ihre Frage, oder kennen Sie jemanden, der keins will? (grinst) Es gibt doch schon viele Autos, die Weltautos sind. Jeden BMW oder jeden Kia Sorento können Sie auf der ganzen Welt kaufen und die sehen überall gleich aus. Weltauto klingt immer so, als sei es der einzige Gott, den es überhaupt gibt. Den gibt es natürlich nicht. Aber wenn wir ein Auto machen, dann machen wir das so, dass es eben ein gutes Design ist. Das ist ja auch das, was wir jetzt mit dem Intrado zeigen wollen. Und wenn es wirklich gut ist, dann hat es auch die Chance, überall in der Welt angenommen zu werden.

Die Arbeitsweise in Korea ist von Disziplin und klaren Hierarchien geprägt. Meinungsäußerungen gehören da nicht zum Programm. Das macht die Arbeit im kreativen Bereich nicht gerade einfach. Sie sollen Ihre Mitarbeiter in Seoul aufgefordert haben, durchaus ihre Meinung zu sagen. Verstoßen Sie da nicht gegen bestehende Betriebsgesetze?

Ja, es sind aber eher ungeschriebene Gesetze. Widerspruch und Meinungsäußerung sind in der asiatischen Kultur halt nicht üblich. Ich gehe aber gern direkt zu den Designern ans Modell und arbeite mit ihnen. Das ist auch wichtig. Ansonsten kann man sein Ding nicht durchbringen.

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Mit dem Intrado präsentiert Peter Schreyer seine erste Arbeit für Hyundai.

Sie sagen, dass Sie Dinge durchbringen müssen. Ist Ihre Arbeit für Hyundai schwieriger als die für Kia? Schließlich sind Sie hier an eine bereits durch Thomas Bürkle geprägte Designsprache "Fluidic Sculpture" gebunden.

Nein. Das sehe ich eher als gute Basis. Kia ist eben keine "Fluidic Sculpture" und man muss ja letztlich die Marken voneinander unterscheiden können. Insofern bin ich ganz froh darüber, dass das hier anders ist.

Sie sagten einmal, dass gutes Design ein Mix aus Chic und Langlebigkeit ist. Glauben Sie, dass das von Ihnen geschaffene Design für Kia so unverwechselbar wird wie das von Audi zum Beispiel?

Weiß ich nicht! (lacht) Schauen Sie es sich an und beantworten Sie die Frage.   

Wenn man Kollegen von Ihnen glauben darf, dann sind die nächsten vier bis sieben Jahre schon fertig gezeichnet. Was machen Sie dann in dieser Zeit? Planen Sie das Design für 2030?

Nein, natürlich nicht. Wir sind froh, wenn wir die Sachen, die wir im Augenblick planen, fertigbringen. Für mich ist es wichtig, für Hyundai eine Vision zu haben, wo es mit dem Design hingehen wird. Was ich mir hier vornehme ist, diese "Most loved Brand" zu entwickeln. Ein Design, das die Leute bewegt, sich das Auto zu kaufen, weil es einfach gut aussieht und nicht nur nach dem Gedanken zu wählen: Die sind halt billig. Aber wie ein Auto im Jahr 2030 aussieht? Damit will ich mich gar nicht beschäftigen. Und außerdem bin ich da 80.

Sind Sie als Designer ein Visionär? Können Sie Geschmäcker voraussehen?

Nein, wir machen den Geschmack von morgen. Mit dem was wir entwickeln und was wir tun, beeinflussen wir auch andere Designer. Und eben dadurch bilden wir Geschmäcker oder besser: kreieren Trends. Das gilt aber für alle Designer, nicht nur für das Autodesign. Das ist wie ein eigener Organismus, der sich da entwickelt. Viele Leute meinen, wir ahnen den Geschmack der Menschen im Jahr 2018 voraus. Aber die können ja gar nicht wissen, was sie für einen Geschmack haben sollen, wenn man ihnen nicht etwas anbietet. Deswegen finde ich sogenannte Kliniktests extrem schwierig. Da werden Leuten Sachen gezeigt und daraus soll abgelesen werden, ob das der richtige Weg für die Autos von morgen ist. Die lehnen es aber einfach ab, weil sie es nicht kennen. Wenn man immer so denken würde, dann gäbe es keinen Fortschritt.

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Mit 40 Jahren ist der Pony das älteste Auto von Hyundai. Vielleicht wird ja daraus ein von Schreyer gezeichneter Retrosportwagen.

Meinen Sie, dass Sie sich den Traum für Kia, oder jetzt auch für Hyundai, einmal einen Sportwagen zu entwerfen, noch erfüllen werden?

Das möchte ich gerne! Aber was ist ein echter Sportwagen? Ein Wagen, der offen ist und richtig Spaß macht? Ja, das hätte ich gerne. So etwas zu haben wäre auch für die Marke gut.

Es gibt ja immer mal Retrowellen. Ist es vorstellbar, dass es ein solches Fahrzeug auch in absehbarer Zeit bei Hyundai geben könnte? Schließlich haben Sie damals für VW den Beetle gezeichnet.

Das ist schwierig. Es gibt bei Hyundai nichts, was einem Käfer gleichkommt. Der ist eine Ikone, eben der VW. Der hat sich ja mehr oder weniger von selber gezeichnet. Allerdings, und da geht der Gedanke dann wohl doch ein wenig in diese Richtung, feiert der Pony in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag. Das war das erste Auto, das Hyundai gebaut und exportiert hat. Das war es dann aber auch schon mit unserer Geschichte. Die ist nicht älter. Natürlich haben wir mit dem Gedanken gespielt, den Pony auf diesem Weg noch einmal aufleben zu lassen. Allerdings ist eine Reminiszenz an dieses Auto sehr schwer zu machen, weil das schon aus einer Zeit stammt, wo Autos nicht mehr diesen Wiedererkennungswert hatten. Aber eine Herausforderung wäre es schon!

Mit Peter Schreyer sprach Holger Preiss

Quelle: ntv.de