Das können die Chinesen nicht Volkswagen ID.3 TX Fire+Ice weckt Erinnerungen an die 90er und fährt schnell
Von Patrick Broich
Ein bisschen 90er-Kult gefällig im neuen Gewand? Gibt es mit dem ID.3 Fire+Ice. Erinnern Sie sich noch an das violett-bunte Golf-II-Vergnügen aus dem Jahr 1990? Hat VW jüngst in die Neuzeit überführt. ntv.de war mit dem GTX Performance unterwegs.
Immer dann, wenn deutsche Hersteller ein bisschen Heritage in ihre aktuellen Modelle mixen, wird klar, welches Asset sie im Vergleich beispielsweise zu chinesischen Labels haben. Sicher, es handelt sich nicht um direkten Nutzwert, aber vielen autointeressierten Menschen geht das Herz auf. Das mag nicht in jedem Markt funktionieren, aber dort, wo Generationen vorher schon automobile Freude erlebt haben mit kultigen Modellen, sind Geschichte und Tradition eine schöne Sache.
Wie cool ist denn bitte, dass die Wolfsburger einen ID.3 Fire+Ice aufgelegt haben? Und zwar in einer markanten Stückzahl von 1990 Exemplaren als kleinen Reminder, dass der entsprechende Golf II im Jahr 1990 auf den Markt kam.
Und nun also die elektrische Kompaktklasse als Sondermodell in der prägnanten Lackierung "Ultra Violet Metallic". Entspricht quasi dem früheren "Dark Violett Perleffekt". Aber ein bisschen weiterentwickelt haben die Gestalter das Thema Fire+Ice schon, so sitzt der stilisierte Kompass (Symbol für diese Edition schon bei der ersten Auflage) jetzt nicht mehr auf den beiden C-Säulen, sondern auf dem Dach.
Im Bereich der hinteren Seitenflächen gibt es stattdessen ein auffälliges Muster, das abhängig vom Sonnenstand mehr oder weniger gut erkennbar ist. Und weil wir heute in modernen Zeiten leben, spielt Volkswagen mit den zum Fire+Ice gehörenden Badges, macht eine kleine Licht-Inszenierung daraus. Öffnet man die Fahrertür, wird die Flamme auf den Boden projiziert. Und im Falle der Beifahrertür ist es der Eiskristall.
Nur das feuerrote ("Flaming Red") "Fire+Ice"-Signet samt "GTX"-Logo auf den Vordertüren hätten die Kreativen ruhig eine Spur graziler gestalten dürfen. Das spezielle Rot ist dann auch die in dezenter Form eingesetzte Kontrastfarbe zum Violett - macht sich gut auf dem Dachrahmen.
Der GTX performt richtig gut
Und was besagt das unübersehbare GTX-Badge? Dass dieser Hecktriebler nicht nur extravagant aussieht in seiner Farbenpracht, sondern auch noch richtig Schmalz hat. Bei der Performance-Ausführung wüten da 326 PS an den Pneus, und die könnten vielleicht sogar den einen oder anderen Elektro-Skeptiker überzeugen nach dem Motto "Performance schlägt Vierzylinder-Geräusch".
Schön auch, dass der schnelle Wolfsburger nicht bloß zackig auf Landstraßentempo schnalzt (rund fünfeinhalb Sekunden), sondern auch noch 200 km/h in der Spitze rennt - für einen Elektrokompakten immer noch speziell, zumal die meisten Stromer viel früher abregeln. Der Heckantrieb der MEB-Plattform kommt dem 4,26 Meter langen Allrounder als sportliche Speerspitze übrigens zugute, da Antriebseinflüsse einfach nicht existent sind.
Was die Fahrwerksabstimmung angeht, regiert der Kompromiss. Dass dieser ID.3 eine absolute Sänfte wäre, lässt sich trotz elektronisch regelbarer Dämpfer kaum bestätigen, aber Langstrecke kann man ruhig mal machen. Zumal die Sportsessel schön komfortabel anmuten, das sind richtige Fauteuils mit ausgeprägten Sitzwangen und Integralkopfstützen - und die haben auch eine optische Komponente.
Jetzt gewinnt plötzlich das Thema Fire+Ice wieder an Relevanz, denn beim historischen Vorbild waren gerade die Polster ein optischer Aufhänger mit ihren schon fast kitschigen Violetttönen. Auch wenn eine etwas näher am Urmodell orientierte Gestaltung Charakter gehabt hätte - so weit wollten die Marketingexperten offenbar doch nicht gehen. Einfach zu knallig. Aber Verwandtschaft bekundet man dann doch; so sind die Seiten der Lehnen im inneren Bereich farbenfroh gehalten. Und zwar auf der rechten Seite in Blau (dort erscheint ja auch der Eiskristall auf dem Boden) und links in Rot - passend wiederum zum Feuer.
Wer sich überlegt, mit dem flinken Zweitonner mehrere Hundert Kilometer am Stück abzuspulen, sollte sich noch ein paar Infos zum Ladegeschehen auf der Zunge zergehen lassen. Knapp unter einer halben Stunde muss man schon einplanen, um von einem niedrigen Ladestand irgendwo zwischen 8 und 15 Prozent aus wieder auf rund 80 Prozent zu kommen.
Schön an den Kandidaten des modularen Elektrobaukastens ist das Lade-Handling. So lassen sich die fahrzeugseitig akut mögliche Ladeleistung sowie Batterietemperatur permanent überwachen. Das ist im Kontext einer manuell aktivierbaren Akkukonditionierung nützlich: Überraschungen an der Ladestation bleiben auf diese Weise in der Regel aus. Reißt man sich halbwegs am Riemen, hält der 79-kWh-Stromvorrat rund 400 Kilometer. Das geht für ein kompaktes Fahrzeug in dieser Leistungsklasse ziemlich in Ordnung.
Wer sich für einen ID.3 interessiert und diesen konfigurieren möchte, kommt bald in den Genuss der Evo-Modelle - die zeichnen sich vor allem durch eine bessere Bedienbarkeit aus. Mehr physische Tasten und so. Die spezielle Fire+Ice-Variante muss vielmehr aus dem Bestand heraus erworben werden - sämtliche Exemplare wurden bereits gebaut. Mit der Stückzahl von unter 2000 Editionsausführungen weltweit (selbst nach Südamerika wurde er verkauft) darf man sich auf ein besonders rares Sondermodell inmitten einer volumenstarken Baureihe freuen.
Dennoch mangelt es in den einschlägigen Internetbörsen tatsächlich kaum an Fire+Ice-Angebot - knapp 100 Exemplare sind annonciert zwischen rund 40.000 und 60.000 Euro. Deutlich schwieriger wird es, ein gutes Exemplar von den ehemals knapp 17.000 produzierten Golf Fire and Ice zu ergattern. Sie können bei etwa 15.000 Euro oder sogar darüber liegen. Und eigentlich würden sich die beiden Kandidaten in der Garage nebeneinander gut machen.