Auto

Coupé-Dämon und Stromlinienbaby Wenn Autos über die Seiten fetzen

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Der Sensationserfolg ihres Buches "Bonjour Tristesse" brachte Françoise Sagan dazu, sich einen Jaguar XK140 zu kaufen.

(Foto: Jaguar)

Christine entpuppt sich als automobiler Dämon, Tante Paula wird übel und ein Dodge bricht zu einer Höllenfahrt mit Nitroglyzerin an Bord auf: Auch in der Literatur hat das Auto seinen Platz gefunden. Ein Streifzug durch ganz besonders bewegte Seiten.

"Wir liegen in der Kurve wie Klebestreifen. / Unser Motor ist: / Ein denkendes Erz." Diese Zeilen sind nach über 90 Jahren durchaus wieder aktuell. Sie stammen aus einem Gedicht, das Bertolt Brecht seinerzeit nicht ohne Hintergedanken den Automobilen von Steyr widmete. Der österreichische Hersteller verstand und schenkte Brecht ein Auto. Bei einer Ausfahrt stellte sich ihm später allerdings ein Baum in den Weg. Der Dichter stieg mit wenigen Blessuren aus dem Auto und Steyr übergab ihm einfach noch eins. Bei aller Sozialkritik war Brecht durchaus fasziniert von der neuen, rasanten Form der Mobilität, die sich aber zunächst nur wenige leisten konnten.

Aber was, wenn zum Beispiel Goethe als gebürtiger Hesse seine italienische Reise in einem Opel angetreten oder Shakespeares Hamlet am Steuer eines Aston Martin (mangels dänischer Autobauer) über Sein oder Nichtsein räsoniert hätte? Wie die Literaturgeschichte dann verlaufen wäre, wird man nie wissen, denn Herr Benz hat das Auto dafür einfach zu spät erfunden. Weil aber seine Zeitgenossen, die Gebrüder Lumière, gerade an den ersten bewegten Bildern tüftelten, fand das Automobil als Ausdruck bisher unerhörter Geschwindigkeit früh Eingang in die Filmgeschichte. Es hat dagegen noch eine Weile gedauert, bis sich die Muse der Literatur von Benzoldämpfen inspirieren ließ. Aber dann hat das Auto manchmal sogar eine Hauptrolle spielen dürfen. Hier ein paar Beispiele, die vielleicht auch zur entschleunigten Feiertagslektüre anregen.

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Samuel Beckett fuhr einen Citroen 2CV - allerdings ein früheres Exemplar.

(Foto: Citroen)

Anders als Brecht sah Erich Kästner ("Das fliegende Klassenzimmer") in den wilden 1920er Jahren das Auto als Sinnbild für die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswüchse einer enthemmten Epoche. In seinem berühmten Gedicht "Die Zeit fährt Auto" vermerkt er: "Die Zeit fährt Auto. Doch kein Mensch kann lenken. / Das Leben fliegt wie ein Gehöft vorbei. / Minister sprechen oft vom Steuersenken. / Wer weiß, ob sie im Ernste daran denken? / Der Globus dreht sich und geht nicht entzwei." Wesentlich humorvoller bringt er in seiner Ballade "Im Auto über Land" den mobilen Wohlstand im Deutschland der Nachkriegszeit auf den Punkt: "Und er steuert ohne Fehler / über Hügel und durch Täler. / Tante Paula wird es schlecht. / Doch die übrige Verwandtschaft / blickt begeistert in die Landschaft. / Und der Landschaft ist es recht."

Eifersüchtige "Christine"

Zunächst war das Auto auch für Literaten eine angenehme technische Erfindung, welche die Fortbewegung enorm erleichterte und bisweilen auch als Statussymbol diente, an dem sich die steigende Auflage ablesen ließ. Der englische Nobelpreisträger Rudyard Kipling ("Das Dschungelbuch") entschied sich früh für einen Rolls-Royce Silver Ghost. Thomas Mann begann seine Karriere als Automobilist mit einem Achtzylinder von Fiat, avancierte später zu einer Mercedes-Limousine. Marcel Proust beschrieb in seiner monumentalen "Suche nach der verlorenen Zeit" nicht nur die Salons Pariser Herzoginnen. Der passionierte Beifahrer verewigte darin das Automobil als Vorreiter einer neuen, ungewissen Zeitrechnung. Samuel Beckett ("Warten auf Godot") schwor auf seinen Citroen 2CV, mit dem im Sommer ausgedehnte Touren durch seine zweite Heimat Frankreich gemacht wurden. Françoise Sagan kaufte sich nach dem Sensationserfolg ihres Buches "Bonjour Tristesse" einen Jaguar XK140 und meinte einmal, wenn man schon unglücklich sein müsse, dann lieber am Steuer dieses Sportwagens als in einem Bus.

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In echt wirkt der Plymouth Fury (hier die 57er-Version) viel harmloser als das Modell aus dem Horror-Roman.

(Foto: FCA)

Das erste Auto, dem ein ganzer Roman und sogar der Buchtitel gewidmet wurde, ist natürlich "Christine". Und weil der Autor Stephen King heißt, ist dieser Plymouth Fury, Baujahr 1958, ein eifersüchtiger, böser Coupé-Geist, der seinen Besitzer nicht teilen will. Es wirkt hier nicht nur die Liebe zum Automobil, sondern die dämonische Liebe des Automobils zu seinem Schrauber. Vergleichsweise gediegener geht es im "Großen Gatsby" zu. Für F. Scott Fitzgerald war der cremefarbene Rolls-Royce ein weiteres Indiz dafür, dass der geheimnisvolle Emporkömmling in der mondänen New Yorker Welt der 1920er Jahre ankommen wollte. Ein Autobuch ohne literarische Ambitionen, das eher zum Schmökern einlädt, ist Bill Morris' amüsantes Buch "Biographie eines Buick". Der Roman verfolgt die Geschicke eines Automanagers in Detroit im Jahr 1954 und einen möglichen Hochverrat in der Designabteilung. Sogar ein Lastwagen hat nicht nur den Film, sondern auch die Literatur bereichert. In Georges Arnauds Roman "Lohn der Angst" ist es ein Truck der Marke Dodge, mit dem die Desperados auf einer Höllenfahrt Nitroglyzerin zu einem brennenden Ölfeld bringen müssen.

Mit dem Königspudel im Pick-up durch die USA

Mit dem wachsenden Wohlstand nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Bau eines Highway-Netzes beispielsweise in den USA avancierte neben dem Roadmovie bald auch das Roadbook zu einem eigenen Genre. In seiner "Reise mit Charley" dokumentiert John Steinbeck ("Die Früchte des Zorns") seine Odyssee durch die Vereinigten Staaten. Seine Gefährten: der Königspudel Charley und ein zu einem Camper umgebauter Pick-up, den er wie Don Quixotes treues Ross Rosinante taufte. Er sucht 1960 das einfache, wahre Amerika auf dem Land und in den Kleinstaaten und stellt schon damals fest: "Ich frage mich, weshalb Fortschritt so oft wie Zerstörung aussieht."

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Der Rolls-Royce Silver Ghost kam - in einem Cremeton - beim Großen Gatsby zu Ehren.

(Foto: Rolls-Royce)

Der Kombi des britischen Herstellers Humbert dürfte das einzige Fahrzeug sein, das je in einen handfesten literarischen Skandal verwickelt war. Im Jahr 1955 erschien "Lolita" von Vladimir Nabokov. Die klinisch-ironisch erzählte Geschichte der Passion eines nicht mehr ganz jungen Mannes für eine Minderjährige wurde oft missverstanden und ist alles andere als ein Lob der Pädophilie. Humbert Humbert begibt sich im Lauf der Handlung auf einen verzweifelte, mehrwöchigen Roadtrip mit Lolita, der Dritte im Bunde ist eben dieser Humber Hawk, der im Roman Melmoth heißt - so wie in einem Schauerroman des frühen 19. Jahrhunderts ein Geist, der zum Wandern verurteilt worden war. Nabokov selbst besaß nach seiner Emigration in die USA einen dunkelgrünen Buick, in dessen Fond er stundenlang schreiben konnte.

Stromlinienbaby und Fliewatüüt

Ein Buch, das nicht nur Generationen von mobilen Rebellen als Bibel diente, ist immer noch Jack Kerouacs "On the Road" ("Unterwegs"), das natürlich auch die Macher des Films "Easy Rider" gelesen hatten. Wobei der führerscheinlose Kerouac und seine Spießgesellen mal auf Güterzügen, in Greyhound-Bussen oder gestohlenen Autos unterwegs waren. Wie in keinem zweiten Land haben die teils skurrilen Facetten des American Way of Drive auch Schriftsteller angeregt, im Auto den Träger einer ganzen Kultur auszumachen. Tom Wolfes ("Fegefeuer der Eitelkeiten") hinreißend betiteltes Werk "Das bonbonfarbene tangerinrot-gespritzte Stromlinienbaby" lässt in seinem typisch literarisch-journalistischen Stil das ganze Panoptikum der späten 1960er Jahre aufscheinen, von Tuningkünstlern, durchgeknallten Rennen bis zu den Werbestrategien der einst so siegessicheren amerikanischen Autoindustrie.

Der Film "Tschitti Tschitti Bäng Bäng" lief einst an Feiertagen im TV-Kinderprogramm. Aber das komische Auto mit dem unverkennbaren Motorensound erlebte sein Debüt in einem gleichnamigen Buch. Viele wissen vielleicht nicht, dass der Autor eher durch einen britischen Meisterspion mit Vorliebe für Bentley und Aston Martin berühmt wurde. Aber im Dienst der britischen Kinder hat Ian Fleming auch diese charmante Geschichte geschüttelt und gerührt. Einen festen Platz im Herzen der jungen Fernsehzuschauer hatte auch "Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt". Als Vorlage diente das 1967 erschienene Buch von Boy Lornsen, das dieses beeindruckend wandelbare Fliewatüüt liebevoll feiert.

Zurück zu Steyr. Wie Brecht war auch der junge Rennfahrer Enzo Ferrari von den Vorzügen dieser Marke begeistert. Damals durchquerte aber auch der romantische Abenteurer Graf Almásy in einem Steyr als erster Autofahrer die Sahara. Eine Leistung, die den kanadischen Schriftsteller Michael Ondaatje so nachhaltig beeindruckte, dass er ihn im - ebenfalls verfilmten - Roman "Der englische Patient" ein Denkmal schuf.

Quelle: ntv.de, kse/sp-x

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