Praxistest

Mercedes CLS Hingucker mit 476 PS

Von Axel F. Busse

Nicht immer wird aus einer Vision Realität, im Automobilbau noch seltener als im „richtigen Leben“. Mercedes scheint das Verwirklichen von Visionen jetzt zum Prinzip erheben zu wollen. Die CLS-Klasse, die jetzt zu den Händlern kommt, ist auf der IAA 2003 in Frankfurt als „Vision CLS“ gestartet, auf dem Autosalon in Paris wurden kürzlich eine „B“- und eine „R-Vision“ präsentiert.

Ganz real auf der Straße macht die ehemalige Vision CLS einen sehr bodenständigen Eindruck. Das liegt einerseits am geduckten Design der Front- und Heckpartie, andererseits an der Luftfederung (im 500er Serie), die das Auto nach dem Abstellen leicht absinken lässt. Auch wenn die Werbe-Prosa des Herstellers glauben machen möchte, es handele sich um ein "völlig neues Fahrzeugkonzept“ (viertürige Coupés sind schon seit dem Mazda RX 8 keine Sensation mehr), so erfüllt es doch mindestens zwei Funktionen:

Zum einen füllt der CLS im Mercedes-Modellprogramm eine Nische und gibt eine Ahnung vom Design der künftigen S-Klasse. Zum anderen verfügt er über ein Innenraumangebot, das dem Hauptwettbewerber BMW 6er in vielen Punkten das Nachsehen gibt. Aus Sicht des Herstellers, so Vertriebsvorstand Schmidt, schließt der CLS "die Lücke zwischen Coupé und Limousine".

Zunächst wird das 4,91 Meter lange Auto mit zwei Motorisierungen angeboten. Der 3,5 Liter große Sechszylinder leistet 272 PS, der Achtzylinder mit fünf Litern Hubraum kann mit 306 PS aufwarten. Beide Aggregate entstammen der bekannten Benzschen Motorenpalette. Der für nächstes Jahr avisierte Dreiliter-Turbodiesel gibt mit seinen jetzt bekannten Daten (510 Nm Drehmoment, 280 PS) Anlass zu den kühnsten Erwartungen. Top-Motorisierung wird dann die 5,5-Liter große AMG-Variante sein, die 476 PS an die Kurbelwelle bringt.

Was die Anforderungen in Bezug auf Leistung und Komfort angeht, erfüllt der CLS sie in vollem Unfang. Zwar ist auch die "kleine" Variante mit 1.730 Kilogramm alles andere als ein Leichtgewicht, jedoch wird die noble Karosse mittels der serienmäßigen Siebengang-Automatik ebenso sanft wie kraftvoll in Schwung gebracht. Von der vehementen Leistungsentfaltung bekommt der im geschmackvoll eingerichteten Innenraum residierende Fahrer kaum etwas mit, nur der Drehzahlmesser gibt eine Ahnung von dem, was unter der Haube passiert. Von der Frontkonsole her ist der Mitteltunnel durchgängig bis zwischen die hinteren Sitz wie eine in Leder und mattes Holz gekleidete Welle geformt. Sie verleiht dem Interieur einen besonderen Charme.

Auf den ersten Testkilometern gefiel das Coupé durch spontane Gasannahme, unkompliziertes Handling und tadellosen Fahrkomfort. Die Geräuschkulisse ist gedämpft, erst ab etwa 150 km/h sind Windgeräusche zu vernehmen. Natürlich sind von Annehmlichkeiten wie Tempomat oder Klimaautomatik mit Motorrestwärmeausnutzung serienmäßig an Bord. Empfohlen sei die Anschaffung der Einparkhilfe (für 765 Euro), da die Sicht nach hinten bauartbedingt nicht die allerbeste ist. Mercedes gibt den Durchschnittsverbrauch des CLS 350 mit knapp über zehn Litern an. Wer die Fahrfreude nicht künstlich einschränken möchte, sollte lieber mit ein bis zwei Litern mehr kalkulieren.

Die Beinfreiheit im Heck steht der in einer Limousine in nichts nach, jedoch sind coupé-typische Einschränkungen nicht zu übersehen. Vor allem Passagiere mit mehr als 1,80 Meter Körpergröße müssen sich darauf einstellen. Die C-Säule könnte dem hinten Einsteigenden im Wege sein und die Kopffreiheit unterm Dach ist nicht gerade üppig. Beleibte Insassen dürften die hinteren Sitze als etwas schmal geraten empfinden. Gleichwohl bietet der CLS hinten deutlich mehr Platz als alles, was sich sonst "viersitziges Coupé" nennen lassen möchte.

Da der neue Schönling auf der E-Klasse basiert, konnte Mercedes Entwicklungskosten sparen. Der Einstieg ist für 54.346 Euro zu haben. Das ist gewiß kein Sonderangebot, jedoch liegt dieser Preis deutlich unterhalb des 6er-Coupés von BMW. Vor allem bei den Kollegen aus München wollen die Stuttgarter Kunden abwerben, gibt Joachim Schmidt unumwunden zu. Von den 30.000 Exemplaren, die Mercedes im ersten vollen Verkaufsjahr anvisiert, soll gut die Hälfte von anderen Marken erobert werden.

Quelle: n-tv.de