Praxistest

"S" geht voran - mit 517 PS Mercedes stellt die nächste Generation seines Flaggschiffs vor

Niemand kann das Rad neu erfinden, ebenso wenig das Auto – selbst wenn man Benz heißt. Aber bei Mercedes Benz ist der Wunsch, den Produkten nie da gewesene Eigenschaften zu verleihen, Kernwert der Marke. Die neue S-Klasse hat, ebenso wie die sieben Vorgängergenerationen, solche Eigenschaften – auch wenn es immer schwieriger wird, sie ohne Computererfahrung zu nutzen.

Nichts weniger als die beste Oberklasse-Limousine der Welt wollen die Stuttgarter bauen. Laut Entwicklungschef Uwe Hörnig ist die S-Klasse „der Maßstab im Luxussegment“. Wer schon Gelegenheit hatte, das gerade zu den Händlern gekommene Fünfmeter-Schiff zu steuern, fragt sich nach wenigen Kilometern: „Wo ist die Spitze, wenn nicht hier?“ Dabei strahlt der neue Luxusliner weniger distinguierte Erhabenheit und mehr kraftvolle Dynamik aus, als die Vorgänger.

Vergrößerter Kühlergrill

Das liegt vor allem an der Optik, die nicht mit sportlichen Akzenten spart. Da ist die rundlich-flache Dachlinie, die an die CLS-Reihe erinnert, da sind die zum Rad hin wulstig ausgeformten Kotflügel, die ihr Vorbild bei großen Viertürer der Konzernschwester Chrysler haben mag. Und auch wenn Mercedes es heftig dementiert: Der aufgesetzte Kofferraumdeckel könnte vom 7er BMW inspiriert sein. Durch den gegenüber dem Vorgänger noch vergrößerten Kühlergrill wirkt die S-Klasse zwar harmonisch-elegant, aber auch muskulös und markant.

Die Muskeln rühren zur Markteinführung von zwei Motorvarianten her. Die beiden Benziner haben entweder sechs oder acht Zylinder, 272 oder 388 PS und sind mit 3,03 oder 3,16 Metern Radstand zu haben. Im nächsten Jahr erhält First-Class-Familie Zuwachs durch einen 3,2-Liter-Diesel (235 PS) und das V12-Topaggregat, das aus 5,5 Litern Hubraum mittels zwei Turboladern sagenhafte 517 PS holen wird. Mit deutlich unter fünf Sekunden für 0-100 km/h wird dieser rund 2,2 Tonnen schwere Gigant im Spurt auch die meisten Sportwagen hinter sich lassen. Für die Sechs- und Achtzylinder-Modelle wird später auch ein Allradantrieb angeboten.

Ansammlung von High-Tech

Wer mindestens 70.760 Euro (für den S350) aufbringen kann, darf Eintauchen in die S-Klassische Welt einer gediegenen und fast geräuschlosen Überfluss-Gesellschaft, wo rund 170 Isolierbauteile vom Lärm des Gewöhnlichen abschotten. Einer von edlen Materialien wie samtigem Leder, fein gemasertem Holz und blitzendem Chrom bestimmten wohnlich-warmen Atmosphäre steht eine Ansammlung von High-Tech-Systemen gegenüber, wie sie gegenwärtig kein anderer Hersteller zu bieten hat. Der Nachtsicht-Assistent, der dort, wo sonst die Tachoskala ist, bei Bedarf per Infrarot-Bild für mehr Sichtweite sorgt, der Abstandsregel-Tempomat, der nun auch Stop-and-go-Verkehr selbstständig übernehmen kann oder das Multikanal-Soundsystem, das Surround-Klang für jedem Sitzplatz ermöglicht.

So weit, so gut: Wer aber Audio- und Navigationssystem, die Multikontur-Sitze, das Raumklima oder die Reisedaten des Bordcomputers von den Funktionstasten des Lenkrades aus steuern will, dem sollten die Grundprinzipien digitaler Datenverarbeitung nicht fremd sein. Verschachtelte Menüs und Untermenüs, Funktionen mit kryptischen Namen sind die Kehrseite eines Komfort-Overloads, dem der Fahrer ohne entsprechende Vorbereitung erst einmal ratlos gegenüber steht. Erinnerung an Vertrautes bietet allenfalls die Analog-Borduhr im Art-Deco-Stil, die es bei Bedarf natürlich auch fürs Handgelenk gibt

Doch nur beste Absichten stehen hinter dem Technik-Zauber: Mercedes will die „intuitive Bedienbarkeit“ in die Praxis umzusetzen, hat die die Zahl der Schalter, Rädchen und Knöpfe rund um den Fahrer zugunsten eines ästhetischen Cockpit-Design reduziert und die Bequemlichkeit damit optimiert.

Gipfel des Automobilbaus

Ach ja, fahren kann man mit der S-Klasse auch noch. Und zwar auf höchstem Niveau. Energisch und ohne großes Getöse schnellt der S 500 in die Spur, die Siebengang-Automatik überwindet die Schaltpausen ohne spürbaren Vortriebsverlust und der auf Wunsch erhältliche Fahrwerkstabilisator Active Body Control lässt nicht einmal mehr Karosserieneigungen zu. Sänften-sanft chauffiert oder sportlich-aktiv gelenkt erleben die Insassen, wie die Welt draußen eine andere zu sein scheint. Und nach hunderten von Testkilometern in den südlichen Alpen steigt der Fahrer dank Massagefunktion in den Polstern mit entspannter Rückenmuskulatur zurück in die Realität.

Kaum ein Exemplar der S-Klasse wird in der Basisversion den Hof des Händlers verlassen. Um die 100.000 Euro dürften die im Schnitt 55-jährigen und zu 90 Prozent S-Klasse-loyalen Kunden wohl für ihre Komfort-Kalesche anlegen in der Gewissheit, ihr Steinchen vom Gipfel des Automobilbaus gesichert zu haben. Immerhin: Fast alles, was der Sicherheit der Passagiere dient, wird ohne Aufpreis geliefert. Aber es ist auch kein Problem, allein für gegerbte Tierhaut auf den Sesseln 5620 Euro Aufpreis zu zahlen.

Seit Kanzler Adenauer in seinem 300er Platz nahm, war die S-Klasse immer ein Signal in zwei Richtungen: Der Besitzer zeigte, dass er es geschafft hat, und der Hersteller, was möglich ist. So ist es geblieben – ob mit 160 – wie bei Adenauer – oder 517 PS.

Axel F. Busse

Daten S 500

Länge/Breite/Höhe 5076/1871/1473 mm
Motor V8 / 32 Ventile
Hubraum 5461 ccm
Leistung 285 kW/388 PS
Drehmoment bei 530 Nm / 2800 U/min
V-max 250 km/h (abgeregelt)
Kofferraum 560 Liter
Tankinhalt 90 Liter
Verbrauch (Werkangabe) 11,8 Liter/100 km
Preis 89.668 Euro

Quelle: n-tv.de

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