Praxistest

Höhere Gewalt für 130.000 Euro SL 55 AMG mit 500 PS

Gibt es ein Idealgewicht für Kraftsportler? Bei Autos liegt der Fall nicht so klar wie bei Boxern. Das Kürzel „SL“ stand bei Fahrzeugen von Mercedes Benz einmal für "Sport" und "Leicht". 500 PS lassen an sportlichen Ambitionen keinerlei Zweifel aufkommen, zwei Tonnen Gewicht allerdings schon. Eine Klärung des scheinbaren Widerspruchs konnte nur eine Probefahrt mit dem SL 55 AMG geben.

Auf die ganze Bandbreite menschlicher Reaktionen von Neid und Missgunst bis zu anerkennendem Wohlwollen sollte gefasst sein, wer am Steuer solch eines Boliden gesehen wird. Gewiss, 500 "Pferdchen" sind gegenwärtig schon wieder recht entfernt von automobilen Spitzenmotorisierungen, jedoch bleibt der SL 55 dank seiner elegant-aggressiven Linienführung stets eine auffällige Erscheinung. Kenner erblicken sofort den Chromschriftzug "V8 Kompressor" und können sehr wohl den Unterschied zu einem Turbolader benennen, den sie womöglich für modernistischen Firlefanz halten.

Die Kraft aus dem Kompressor

Der Kompressor trug weiland schon Renn-Legende Rudolf Caracciola von Sieg zu Sieg, die Leistung steigernde Wirkung des Luftverdichtens schon dem Mercedes-Modell "SSK" den Nimbus der Unbesiegbarkeit ein. Wieder entdeckt haben die Veredler von Mercedes und AMG die betagte Technik schon mitten in der Hochzeit des Turbos. Und seit das Wettrüsten der Hersteller um immer mehr PS bei immer gleich bleibender Endgeschwindigkeit (250 km/h, elektronisch abgeregelt) ungehindert läuft, treten aufgeladene Motoren immer öfter in Erscheinung.

Ehrfurcht gebietend brabbelt der 5,5-Liter-V8 im Leerlauf vor sich hin. Die 500 PS warten darauf, vom Zügel gelassen zu werden, der einem höchstens 0,6 PS starken Menschen in Gestalt zweier Pedale überlassen ist. Der Sound ist tief und typisch, satt und symphonisch und wird durch die von AMG montierten zwei Doppelendrohre auch optisch in die passende Form gebracht. Wer an nervösen Zuckungen im rechten Bein laboriert, steigt besser erst gar nicht ins opulent ausgestatte Cockpit, denn vorsichtiger Umgang mit dem Gaspedal ist in jedem Fall angeraten. Die kernigste Geräuschkulisse genießt der Fahrer unter freiem Himmel im Bereich von 1.800 bis 3.000 Umdrehungen.

Vortrieb in Airbus-Manier

Ob der Spurt von Null auf Hundert nun in 4,7 (Werksangabe) oder fünf Sekunden geklappt hat, liegt ohnehin nicht im spürbaren Bereich, wohl aber die 700 Newtonmeter Drehmoment, die dem Normalfahrer das Gefühl bescheren, er sitze in der Business Class eines startenden Airbus. Eine Form von höherer Gewalt presst ihn in die Multikontur-Sitze. Das erste Dutzend Kurven wird in gewohnter Manier noch respektvoll angebremst, später stellt sich die wohltuende Gewissheit ein, dass ein beherzter Dreh am Lenkrad es auch tut. Wie an der Schnur gezogen gleitet der SL 55 durch die Kehren, Seitenneigung wird zum Fremdwort – dafür sorgen Active Body Control und AMG-Sportfahrwerk. Auch das Cruisen beherrscht der Zweisitzer exzellent. Jedoch: Wer sich den Luxus erlaubt, gemütlich mit 120 auf der rechten Spur zu gleiten, muss darauf gefasst sein, von überholenden Kleinwagen-Fahrern für nicht ganz richtig im Kopf gehalten zu werden.

Ein Beispiel an Geschmeidigkeit gepaart mit vehementer Leistungsumsetzung ist die Fünfgang-Automatik, die sich bei Bedarf auch per Knopf am Lenkrad schalten lässt. Dank des stabilen Variodachs ist jeder SL ein Allwetterauto geworden, die intelligente Klapptechnik lässt selbst bei geöffnetem Verdeck noch einen respektablen Kofferraum von 235 Litern übrig. Das reicht zwar nicht für die Ferienreise, aber dieses Auto ist sowieso öfter auf der Strecke von der Vorstadtvilla zum Golfplatz unterwegs. Dass bei etwa 100 km/h das integrierte Windschrott zu schnarren anfing oder das Diagnosesystem einen Lichtfehler anzeigte, der gar nicht existierte, dürften individuelle Unzulänglichkeiten des Testfahrzeugs gewesen sein und mit der prinzipiellen Qualität der High-End-Maschine nichts zu tun haben.

Nicht ganz billig

Den SL 55 AMG sein eigen zu nennen, wird einem exklusiven Kreis vorbehalten bleiben. Wenigstens 130.000 Euro werden bei Vertragsabschluss fällig. Damit erhält der Erwerber erlesenes Ambiente, eine komplette Ausstattung und das Recht, das freundliche Lächeln der Tankstellenpächter öfter als andere Pkw-Fahrer erleben zu dürfen. Bei der ausgedehnten Testfahrt verfeuerte der V 8 mehr als 15 Liter Super plus je 100 Kilometer. Laut Hersteller soll er im Drittelmix auch mit derer 13,5 auskommen. Aber wer ist der SL-Pilot, dass er sich dem Diktat der Scheichs unterwerfe und auf Verbrauchsoptimierung fahre?

Bekanntlich ist die Schwergewichtsklasse nach oben offen, und wer genügend Muskelmasse aufbaut und austrainiert ist, darf ruhig ein paar Pfund mehr auf die Waage bringen. Kompressor befeuert und mit 500 zusätzlichen Kubikzentimetern aufgebohrt, wiegt der SL 55 sogar ein bisschen mehr als der SL 600. Der AMG ist in jedem Falle ein Ausnahmeathlet, dem man gewiss einiges nachsagen kann - nur nicht, dass er Gewichtsprobleme hätte.

Von Axel F. Busse

Quelle: n-tv.de