Praxistest

Mehr Gleiter als Sportler Seat Tarraco - Kodiaq-Bruder im Praxistest

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Der Seat Tarraco ist ein schnittiger und wirklich geräumiger Zeitgenosse, der sich die Plattform mit dem Skoda Kodiaq teilt.

(Foto: Holger Preiss)

Der Skoda Kodiaq ist in seinem Segment ein Bestseller. Warum also nicht auch bei Seat ein solches SUV anbieten? Bleibt ja alles in der Familie. Aber gerade das wirft die Frage auf, was an so einem Tarraco anders ist. Zum Test trat der 190-PS-Benziner an.

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Die schönste Seite des Seat Tarraco ist nach Ansicht des Autors sein Heck.

(Foto: Holger Preiss)

Der Diesel ist tot, es lebe die Elektromobilität. So könnte jedenfalls der Aufbruch der Autoindustrie interpretiert werden. Doch bevor es so weit ist, fahren wir noch einen Moment mit benzingetriebenen Fahrzeugen, denn die sind ja die Guten, während die Selbstzünder böse sind. Warum, weiß eigentlich keiner mehr. Der CO2-Ausstoß kann es ja nicht sein, denn der ist beim Diesel immer noch geringer als beim Benziner, ebenso wie der Verbrauch. Aber wie dem auch sei, dem allgemeinen Trend folgend hat n-tv.de eine immer noch beliebte Fahrzeuggattung in Form des Seat Tarraco zum Test gebeten.

Reichlich Platz

Der schnittige Spanier, der baugleich mit dem Skoda Kodiaq und dem VW Tiguan Alspace ist, wird in Wolfsburg zusammengeschraubt, misst 4,74 Meter in der Länge und ist wie sein tschechischer Kollege ein Raumwunder. Denn wie dieser ist er zwar lang, aber für seine Länge erstaunlich schlank. Der Spanier ist nämlich nur 1,84 Meter breit. Nur zum Vergleich: ein Mercedes GLE oder ein BMW X5 sind zehn Zentimeter breiter. Und der Tarraco hat das, was auch der Kodiaq reichlich im Innenraum bietet: Platz. Sogar so viel, dass ohne Weiteres eine dritte Sitzreihe mit zwei weiteren Plätzen geordert werden kann. Ja, die zwei Einzelstühle sind vor allem für die kleinen, wendigen Geister, und wenn sie aufgestellt sind, schrumpft das Volumen des Kofferraums auf 230 Liter.

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Eigentlich ist der Kofferraum mit 700 Litern riesig. Aber wenn die dritte Sitzreihe im Seat Tarraco steht, sind es nur noch 270 Liter.

(Foto: Holger Preiss)

Ohnehin muss bedacht werden, dass der Kauf der dritten Reihe einen Platzverlust von 60 Litern mit sich bringt. Für das Reisegepäck stehen dann aber immer noch 700 Liter zur Verfügung. Nur kann hier nicht mehr hoch gestapelt werden, weil das Gepäckabteil mit den zwei Zusatzstühlen vor allem in der Höhe verliert. Werden aber alle Lehnen flach gelegt, entsteht immer noch ein enormes Stauvolumen von 1775 Litern. Ohne dritte Reihe sind es gar 1920 Liter. Das sollte auch für größere Einkäufe und für den Besuch im Möbelhaus reichen. Insgesamt verträgt der Seat Tarraco mit dem 2,0-Liter-Vierzylinder-Benziner und 190 PS eine Zuladung von 607 Kilogramm. Und wer die schwenkbare Anhängerkupplung mit elektrischer Entriegelung für 850 Euro bestellt hat, kann zudem 2250 Kilogramm an den Haken nehmen.

Etwas grummelig und nicht immer sparsam

Das sind alles ordentliche Werte, aber was sagt der Turbobenziner mit seinen 190 PS dazu? Der wirkt trotz seines maximalen Drehmoments von 320 Newtonmetern, das bereits ab 1450 Kurbelwellenumdrehungen anliegt, immer etwas angestrengt. Nach dem ersten Kaltstart war sich der Autor ob der Geräuschkulisse nicht mehr sicher, ob er nicht versehentlich doch einen Diesel zum Test bestellt hatte. Aber nein, der Benziner ist am Anfang tatsächlich etwas sehr grummelig im Ton. Das legt sich nach den ersten zehn Kilometern, ändert aber nichts an der Tatsache, dass selbst der 190 PS starke Benziner mit den 1,8 Tonnen des Tarraco ordentlich zu tun hat.

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Das Cockpit des Seat Tarraco ist nicht nur schick, hier findet der Fahrer auch alles, was er braucht.

(Foto: Holger Preiss)

Klar, laut Datenblatt zieht der Spanier in glatten acht Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. Dafür wird auch in der Praxis der Fahrmodischalter - über den auch Eco, Normal, Offroad Schnee oder die Bergabfahrhilfe eingestellt werden kann - auf Sport gestellt, der Pin ordentlich in Richtung Blech gepresst und dem Doppelkupplungsgetriebe, das auch im Tarraco ausgezeichnete Arbeit verrichtet, überlassen. Da der Tester mit Allrad ausgestattet ist, stemmen sich alle vier Pneus in den Asphalt. Und während der Drehzahlmesser des volldigitalen Zentraldisplays bis an die 6000er Marke schnippt, schiebt der große Spanier an. Wer jetzt aber glaubt, dass das Ganze Sportwagen-Charakter hat, muss enttäuscht werden. Wie gesagt, der Katapultstart wirkt hier wie auch spontane Leistungsanforderungen eher bemüht als gekonnt.

Ein Sportler ist der Tarraco nicht

Umso alberner wirkt in diesem Zusammenhang die Möglichkeit, sich auf dem 10,2 Zoll großen Touchscreen über der Mittelkonsole ein Sportmenü aufrufen zu können, das neben den Kräften, die in der Kurve wirken, auch den Öldruck oder die anliegenden PS anzeigt. Ab 4500 U/min ist die Leistung übrigens komplett ausgeschöpft. Hilft aber alles nichts, denn auch die Endgeschwindigkeit von 211 km/h waren mit dem Testwagen nicht zu erreichen. Mit drei Mann besetzt, ging es bis auf Tempo 203. Dann war Schluss. Also, ein Sportwagen wird aus dem Tarraco definitiv nicht. Jedenfalls nicht oben raus. Was er aber dank des adaptiven Fahrwerks im Verbund mit dem Allradantrieb ganz hervorragend konnte, waren schnell gefahrene Kurven. Selbst bei schnellen Lastwechseln machte der dicke Spanier keine Sperenzchen, ließ sich dank der präzisen elektromechanischen Lenkung sauber ums Eck zirkeln und blieb in jeder Fahrsituation absolut stabil. An dieser Stelle ist der Spanier dann doch ein Sportwagen.

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4,73 Meter misst der Seat Tarraco in der Länge.

(Foto: Holger Preiss)

Seine Stärke liegt aber am Ende auf der entspannt gefahrenen Langstrecke, denn im Stadtverkehr und bei der exzessiven Nutzung des Gaspedals laufen hier locker mal 10,5 Liter Benzin auf 100 Kilometern durch die Schläuche. Wer cruist, kann sich hingegen über 9,8 Liter freuen, was allerdings ziemlich genau dem im Datenblatt angegebenen Wert entspricht. Dennoch, wer den Tarraco mit leichtem Fuß bewegt, wird entspannt am Ziel ankommen. Wenn da nicht der sehr sensibel arbeitende Notbremsassistent wäre, der während des Tests drei Mal Geisterbremsungen machte. Auf völlig freier Strecke zwischen 80 und 100 km/h, beide Hände am Lenkrad, griff er aus unerklärlichen Gründen ein. Eine Erklärung könnte sein, dass das System glaubte, der Fahrer sei eingeschlafen, und ihn auf diesem Weg wachrütteln wollte. Da der aber nicht schlief, bekam er nur einen großen Schreck.

Entspannung gibt es auch

Für mehr Entspannung sorgen da andere Beigaben aus der Optionsliste. Zum Beispiel der im Fahrassistenzpaket für 510 Euro enthaltene Spurhalteassistent und das Abstandsradar, die im Zusammenspiel mit dem Bremsassistenten für teilautonomes Fahren auf der Autobahn oder im Stau sorgen. Ob das Navigationssystem für 1140 Euro eine Empfehlung ist, darf bezweifelt werden, da sich Smartphones, egal mit welchem Betriebssystem, auf dem Monitor über Apple Car-Play oder Android Auto spiegeln lassen. Selbstverständlich kann der Tarraco auch zum rollenden Hotspot gemacht werden, so dass mindestens fünf Endgeräte ins mobile WLAN eingeloggt werden können. Ausreichend USB-Anschlüsse sind jedenfalls vorhanden. Für die hinteren und vorderen Sitze gibt es jeweils zwei. Schade, dass sich hier die Smartphones noch nicht über Bluetooth mit der Multimedia-Einheit koppeln lassen, wie das im Skoda Kamiq, im Golf 8 und im neuen Skoda Octavia möglich ist.

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Sportsitze und viel Platz in der zweiten Reihe sind beim Seat Tarraco mit eingepreist.

(Foto: Holger Preiss)

Zudem ist es fast schon ärgerlich, dass das Fach zum kabellosen Laden in der Mittelkonsole mit 220 Euro extra bezahlt werden muss. Dann doch lieber das Ablagenpaket für 130 Euro. Dafür gibt es dann unter anderen auch ein Brillenfach im Dachhimmel. Löblich ist insgesamt die Bedienbarkeit aller elektronischen Einheiten über das Lenkrad oder den Touchscreen. Da kommen keine Fragen auf. Auch die Sitze verdienen, was Langstreckentauglichkeit, Platz und Seitenhalt betrifft, uneingeschränktes Lob.

Der Preis ist gleich

Jetzt wäre es natürlich ein Träumchen, wenn an dieser Stelle verkündet werden könnte, dass der scharfe Bruder des Skoda Kodiaq preiswerter als dieser wäre. Ist aber nicht so. In der Ausstattungslinie Xcellence kostet der 190-PS-Benziner mit 7-Gang-DSG und Allrad 40.380 Euro. Inklusive gibt es Klimaautomatik, elektrische Heckklappe, Parkpiepser vorn und hinten sowie einen Parklenk-Assistent und Sport-Komfortsitze. Voll-LED-Scheinwerfer und LED-Rückleuchten. Die digitalen Instrumente hat er ohnehin und der Spurhalter ist auch schon drin. Dennoch stehen für den Testwagen mit zusätzlicher Standheizung, Sitzwärmer für die Fondpassagiere und Beats-Audio-System unterm Strich 52.000 Euro.

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Die dritte Sitzreihe im Seat Tarroco ist was für Kinder. Für Erwachsene wird sie schnell zur Strafbank.

(Foto: Holger Preiss)

Fazit: Der Seat Tarraco ist im Bund der Brüder Skoda Kodiaq und VW Tiguan Alspace der Schärfste. Insofern darf man sich, da er mit dem Tschechen preislich auf einer Höhe liegt und etwa 1500 Euro preiswerter ist als der Wolfsburger, beim Kauf durchaus von der Optik leiten lassen. Technisch sind die drei nämlich weitgehend identisch. Ein Sparwunder ist der Benziner nicht und auch hier sollte, wer viel Strecke macht, über einen Diesel nachdenken. Oder aber warten, bis auch hier ein Plug-in-Hybrid zu bekommen ist. In Summe ist der Seat Tarraco aber ein rundum gelungenes SUV, das im Vergleich mit dem Premiumanbietern viel Auto zu einem immer noch vernünftigen Preis bietet.

DATENBLATTSeat Tarraco Xcellence 2.0 TSI 4Drive
  
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,73 m/ 2,12 m/ 1,67 m
Radstand2,79 m
Leergewicht (DIN)1773 kg
Anhängelast2250 kg
Sitzplätze7
EmissionsklasseEU 6 DG
Motor/HubraumR4-Turbobenziner mit 1984 ccm Hubraum
GetriebeSiebengang-Automatik
Leistung190 PS (140 kW) bei 4500 U/min
KraftstoffartBenzin
Kofferraum700 - 1920 Liter
Höchstgeschwindigkeit211 km/h
max. Drehmoment320 Nm bei 2250 - 3250 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h8,0 s
Normverbrauch (kombiniert) WLTP9,3 l
Testverbrauch9,8 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
211 - 204 g/km
Grundpreis40.610 Euro
Preis des Testwagens52.269 Euro

Quelle: ntv.de