Leben

Firmenübernahme im Corona-Jahr "Buchbinden ist das neue Töpfern"

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Buchbinder binden keineswegs nur Bücher.

(Foto: Paperlux)

Soraya und Max Kühne haben nicht gesucht, aber sie wurden gefunden: Mitten im Corona-Jahr haben sie eine Buchbinderei übernommen und nach anfänglichem Zweifeln war klar: "Wenn nicht jetzt, wann dann?"

"Sind wir eigentlich verrückt?", hat sich Soraya Kühne gefragt, als sie in diesem denkwürdigen Jahr 2020, in dem so vieles anders gelaufen ist als gedacht, ihrer Website einen Relaunch verpasst hat. Als sie Geld investierte, um, wie sie sagte, "die perfekte Mund-Nasen-Bedeckung zu produzieren und gleichzeitig ein neues Geschäftsfeld zu eröffnen". Und dann überlegten sie und ihr Mann Max Kühne noch, ob sie es wagen sollten, eine Buchbinderei zu übernehmen, weil das der letzte Wille einer langjährigen Partnerin war, die dieses Jahr verstorben ist und die sich sehnlichst wünschte, dass ihre Mitarbeiter eine Perspektive haben.

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Die Kühnes sind ein Paar mit vielen Talenten.

(Foto: onna-mask/Michael Pfeiffer)

Soraya und Max Kühne mussten schon ein wenig überlegen, ob sie in "Papier" investieren wollten, in ein Handwerk. Vor allem Soraya Kühne, die gern auf die Zahlen schaut, während ihr Mann bereits die nächste Idee hat, geht normalerweise eher konservativ an die Dinge heran: "Ich dachte immer, für mich geht Sicherheitsdenken über alles andere." Dem ist anscheinend doch nicht so, "denn wäre ich sonst Unternehmerin?" fragt sie lachend im Interview mit ntv.de rein rhetorisch und antwortet sich auch gleich selbst: "Ich denke nicht."

"Anfang des Jahres sah unsere Umsatzerwartung und unsere Budgetplanung rosig aus", so Kühne, "und dann kam Corona". Aufgeben gibts aber nicht für die Hanseatin, die sich am "Mutausbruch" ihrer Freundin Verena Pausder ("Das neue Land") orientiert: "Wir segeln weiter, auch hart am Wind." Klar, sie ist genervt von diesem Jahr 2020, aber das bringt ja niemanden voran." Lieber versucht sie sich in Selbstmotivation. Und Neuem eben.

Das Projekt Buchbinderei ist aus einem traurigen Anlass entstanden. Die Frau, mit der die Paperlux-Macher bisher zusammen gearbeitet hatten, wusste, dass sie sterben wird und hat das Paar gebeten, das Unternehmen weiterzuführen. Der Blick geht dennoch nach vorn. "Wir haben jahrelang mit ihr für namhafte Firmen wie Hermès und Adidas und Events wie die Goldene Kamera zusammengearbeitet. Wir haben Folder und Schachteln bei ihr herstellen lassen und sie mit unseren Ideen herausgefordert. Und das fand sie auch immer toll, weil es eben auch mal etwas anderes ist, Kartons mit hauchfeinem Leder zu beziehen." Aber "Buchbinderei" - das hört sich tatsächlich ja erstmal an wie ein Handwerk aus den letzten Jahrhunderten. Und mal ehrlich, wer liest denn Bücher noch als Buch? "Zum Glück viel mehr Leutem als man denkt", so Kühne, "aber das ist ja nicht alles, was eine Buchbinderei leisten kann. Dort werden Schatullen, Etuis, Schuber hergestellt, Dinge, die man zur hochwertigen Verpackung ebensolcher Produkte braucht. Alles, was man 'beziehen' kann, mit Samt, Satin, es gibt so viele Möglichkeiten."

Trotz Corona. Oder gerade deswegen?

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Künftig könnte es Kurse geben.

(Foto: Paperlux)

Eigentlich wollten die Kühnes für die Buchbinderei nur ein neues Corporate Design anbieten, einen frischen Look, aber die todkranke Buchbinderin sah mehr in dem Paar. "Ich soll meine Dinge regeln, sagen die Ärzte, und ich möchte, dass ihr den Laden übernehmt", sagte sie zu den beiden. "Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke", so Soraya Kühne. "Und natürlich habe ich geschluckt und dachte nur, dass ich das nicht kann, ich bin ja keine Buchbinderin." Immerhin vier Mitarbeiter und 25 Jahre standen da plötzlich im Raum - aber natürlich haben sie Ja gesagt. Trotz Corona. Oder gerade deswegen? "Es gibt ja immer noch Menschen, die dieses Handwerk lernen wollen. Also haben wir uns gesagt, wir machen das, das darf nicht aussterben", erzählt Kühne, die ab und zu selbst noch überrascht von ihrem eigenen Mut wirkt: "Ganz ehrlich - das hat viel Kraft gekostet, bis es dann tatsächlich unsere rechtmäßige Buchbinderei werden konnte, aber jetzt ist es so und wir sind sehr stolz und glücklich, diesen Schritt gegangen zu sein".

Und wie soll es jetzt weitergehen? Soraya Kühne wollte vor allem erstmal den Ist-Zustand wahren - ihr Mann Max, mit dem sie gerade den zehnten Hochzeitstag feierte, hatte gleich mehr im Sinn: "Erhalten reicht nicht, sagt mein Mann", lacht die 43-Jährige, "es geht darum, das Ding in die Zukunft zu führen und sexy zu machen". Er weiß auch schon wie: "Buchbinden ist das neue Töpfern", so Max Kühnes Idee. Er hat vielleicht ein bisschen zu oft "Ghost - Nachricht von Sam" mit Demi Moore und Patrick Swayze gesehen, aber grundsätzlich ist das natürlich eine gute Idee. Schließlich haben wir uns alle ja gerade wieder auf Traditionen, Selberkochen, Spiele-Abende und Stricken besonnen. Warum nicht Buchbinden? "Aus diesem Selbsterfahrungs-Töpfern sind inzwischen ja richtige Design-Objekte entstanden und überhaupt ist die Wertschätzung für Selbstgemachtes und Handwerk, dafür, etwas in den Händen zu halten, eine ganz andere mittlerweile", resümiert Kühne.

Dinge, die bleiben

"Was für uns superwichtig ist, ist nicht nur, dass Dinge mit einer schönen Verpackung besser aussehen und eben einfach gut und sicher verpackt sind, sondern es geht auch um diese neue Form der Nachhaltigkeit", ergänzt die Verlagskauffrau und Marketing-Kommunikationswirtin, die sich vor 15 Jahren selbstständig machte. "Wir wollen Dinge produzieren, die bleiben, die man nur ungern wegwirft, und deswegen ist es eigentlich, je länger ich darüber nachdenke, ein natürlicher und konsequenter Schritt gewesen, die Buchbinderei zu übernehmen." Und ergänzt: "Wir wollen Kurse in Buchbinden anbieten, damit jeder mal weiß, wie es ist, mit Leim und Papier etwas herzustellen."

Wenn das Corona-Jahr also etwas Positives hervorgebracht hat, dann vielleicht, dass wir alle uns wieder selbst ein bisschen nähergekommen sind? "Ich finde schon. Die Leute fragen sich doch, was sie in ihrem lokalen Umfeld machen, kaufen, verbessern können", glaubt Kühne. "Dieses 'heute hier, morgen dort' wird auch 2021 und wahrscheinlich auch 2022 nicht wieder so starten, wie wir es gewohnt waren", wagt die Gründerin, die in Kenia aufgewachsen ist, einen Blick in die Glaskugel.

Back to the roots

Für "Made in Germany" scheinen viele auf jeden Fall bereit zu sein, immer weniger hat man Lust, sich der Wegwerfgesellschaft hinzugeben. "Neulich war jemand in der Buchbinderei, der wollte seine Micky-Maus-Hefte gebunden haben", freut sich Soraya Kühne, "wie cool ist das denn? Viele kommen auch, um ihre Bücher reparieren zu lassen."

Back to the roots? Ein echtes Buch statt Kindle? Oder beides? Lesen mag in letzter Zeit vielleicht nicht sexy genug gewesen sein, aber das könnte man ja ändern, meint Soraya Kühne. "Vielleicht haben wir sogar genau den richtigen Zeitpunkt erwischt, um etwas 'neues Altes' zu starten."

Quelle: ntv.de

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