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Bier und Wurst: Die Vine Street des ausgehenden 19. Jahrhunderts war eine sehr deutsche Straße.
Bier und Wurst: Die Vine Street des ausgehenden 19. Jahrhunderts war eine sehr deutsche Straße.
Donnerstag, 26. Juli 2018

"Saufen hat die Stadt gerettet": Cincinnati liebt Bier - und Deutschland

Von Julian Vetten, Cincinnati

Auf der Must-See-Liste der meisten USA-Urlauber dürfte Cincinnati irgendwo unter ferner liefen rangieren. Dabei hat die Stadt am Ohio River vor allem für Bierliebhaber einiges zu bieten und ist mächtig stolz auf ihr deutsches Erbe.

Carrie Nation hatte eine Vorliebe für große Äxte und eine Abneigung gegen alles Alkoholische. Für US-amerikanische Kneipenbesitzer des beginnenden 20. Jahrhunderts eine alptraumhafte Kombination - immerhin bestand die Lieblingsbeschäftigung der alten Dame darin, mit ihrer Lieblingsaxt Pubs zu überfallen und Fenster, Flaschen und Fässer kurz und klein zu hauen, um ihre Landsleute vom Saufen abzuhalten. Ziemlich erfolgreich - innerhalb kürzester Zeit lebten die Kneipiers des Mittleren Westens in ständiger Angst vor einer "Hatchetation", wie Nations Überfälle getauft wurden. Im März 1901 schließlich wagte sich die Prohibitionistin ins Auge des promillehaltigen Sturms: Cincinnati.

Die Skyline von Cincinnati lässt die Stadt größer erscheinen, als sie eigentlich ist.
Die Skyline von Cincinnati lässt die Stadt größer erscheinen, als sie eigentlich ist.(Foto: Julian Vetten)

Die "Königin des Westens" war erst 1788 von deutschen Siedlern gegründet worden, hatte sich im darauffolgenden Jahrhundert aber zu einem bedeutenden Zentrum des Mittleren Westens entwickelt. Auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellten deutsche Einwanderer der ersten und zweiten Generation immer noch mehr als 60 Prozent der rund 255.000 Einwohner. Sie waren vor allem für zwei Dinge weit über die Grenzen Cincinnatis hinaus bekannt: ihren Fleiß und ihren Durst. Alleine im fast komplett deutschen Viertel Over-The-Rhine drängten sich 1414 Wirtshäuser auf nicht einmal sieben Quadratkilometern, im Schnitt trank jeder Bürger Cincinnatis damals rund 246 Liter Bier pro Jahr. Zum Vergleich: Heutzutage schafft der Durchschnittsdeutsche gerade einmal 100 Liter.

Für Carrie Nation war der Lebenswandel der bierseligen Exildeutschen ein rotes Tuch: Mit wehenden Röcken, rechtschaffenem Eifer und einer langstieligen Holzfälleraxt marschierte die Prohibitionistin schnurstracks mitten ins hopfengetränkte Herz Cincinnatis - um auf der anderen Seite der berühmt-berüchtigten Vine Street unverrichteter Dinge wieder herauszukommen. "Mein Gott, wenn ich versucht hätte, die Fenster aller Saloons auf eurer Vine Street zu zerschmettern, ich wäre schon nach dem ersten Block vor lauter Erschöpfung tot umgefallen", wird die völlig erschütterte Nation zitiert, bevor sie Cincinnati für immer den Rücken kehrte.

Das gefährlichste Viertel der USA

Ein kühles Rhinegeist auf einer Dachterrasse: Man kann einen Tag auch schlechter ausklingen lassen.
Ein kühles Rhinegeist auf einer Dachterrasse: Man kann einen Tag auch schlechter ausklingen lassen.(Foto: Julian Vetten)

"Unser Gesaufe hat unsere Stadt gerettet", fasst Jerome Gels auf ebenjener Vine Street, die heutzutage nicht mehr ganz so berüchtigt, aber immer noch so berühmt ist, die Ereignisse von damals zusammen. Gels ist, anders als Nation, stolz auf das alkoholische Erbe Cincinnatis und hat mit Freunden vor knapp zehn Jahren die American Legacy Tours gegründet, um interessierten Besuchern die Geschichte seiner Heimatstadt näherzubringen - und die hat nun mal größtenteils mit Bier zu tun.

Die riesigen Tunnelsysteme, die Over-The-Rhine durchziehen, werden gerade erst peu á peu wiederentdeckt.
Die riesigen Tunnelsysteme, die Over-The-Rhine durchziehen, werden gerade erst peu á peu wiederentdeckt.(Foto: Julian Vetten)

36 Brauereien produzierten zur Blütezeit Cincinnatis am Ohio River Bier, bis die Prohibition 1919 dem Ganzen ein jähes Ende bereitete. Traditionsbetriebe mussten über Nacht schließen, die riesigen Tunnelsysteme zur Kühlung der Bierbestände, die Over-The-Rhine wie einen Schweizer Käse durchlöchern, verfielen langsam und gerieten in Vergessenheit. Jahrzehntelang ging es mit dem Bezirk, der Anfang der 2000er sogar als gefährlichstes Viertel der USA in die Schlagzeilen geriet, den Bach hinunter. Dann kam die Craft-Beer-Revolution - und mit ihr die Wiederauferstehung von Over-The-Rhine.

Heute merkt man dem Bezirk seine Problemviertel-Vergangenheit nicht mehr an: Die Straßen sind sauber und gepflegt, hübsche kleine Szeneläden dominieren die einstmals so verrufene Vine Street. Und, am wichtigsten für die Bewohner: Das Bier ist zurück. Eine unüberschaubare Anzahl an Klein- und Kleinstbrauereien - in den Vereinigten Staaten gibt es insgesamt mehr als 70.000 - hat das hopfige Erbe von Cincinnatis Gründervätern wieder aufgenommen und produziert eine noch unübersichtlichere Zahl von Craft-Bieren.

Die "Church of Beer" hält, was sie verspricht.
Die "Church of Beer" hält, was sie verspricht.(Foto: Julian Vetten)

Den schönsten Ausschankort dafür hat sich wohl die Taft-Brauerei ausgesucht: "Church of Beer" klingt zwar reichlich eingebildet, trifft den Nagel aber auf den Kopf - die Brauerei ist tatsächlich in einer alten deutschen Kirche unweit der Vine Street untergebracht und überzeugt Bierconnaisseure mit mehr als 16 eigens gebrauten Biersorten, darunter größtenteils Exoten wie ein Summer Ale mit Koriandergabe.

"Better Beer" nach dem Reinheitsgebot

Überhaupt muss man klassische Biere, wie sie hierzulande größtenteils genossen werden, in den USA allgemein und in Cincinnati ganz speziell mit der Lupe suchen: Auch wenn die bekannteste Brauerei am Platz, Moerlein mit Wurzeln im fränkischen Truppach, Klassiker wie Dunkles, Helles und Weißbier auf der Karte führt, haben die Biere doch fast alle einen ungewohnt fruchtigen oder bitteren Beigeschmack. Das liegt vor allem an der Verwendung spezieller Aromahopfen. Die kommen in Deutschland eher selten zum Einsatz und bescheren dem mitteleuropäischen Besucher komplett neue Geschmackserlebnisse. Nur erwähnen sollte man den eklatanten Unterschied zwischen den transatlantischen Bieren nicht allzu laut, wenn man die Gefühle seiner Gastgeber nicht verletzen möchte.

Denn nichts geht in Cincinnati über den Beweis, sich so nahe wie möglich an der Kultur der deutschen Gründerväter zu orientieren: Das fängt bei der jährlichen Produktion eines Maibocks mit zugehörigem Fest an, geht mit den mittlerweile allgegenwärtigen lokalen Oktoberfestablegern weiter und endet nicht zuletzt bei der Zugehörigkeit zu einem deutschen "Soccer"-Verein wie Bayern München. Wer dennoch auf die allerorts deutlich sichtbaren Unterschiede zwischen den (Trink-)Kulturen hinweist, sollte sich für den anrollenden Shitstorm wappnen, schließlich wähnen die Brauer von Cincinnati das Recht auf ihrer Seite: "Mein Vorgänger hat 1983 das erste Bier in den USA gebraut, das nach deutschem Reinheitsgebot zertifiziert wurde, das 'Better Beer'", sagt Greg Hardman, Chef der Moerlein-Brauerei stolz.

Dass sich die Einhaltung des Reinheitsgebots und unterschiedlicher Geschmack gegenseitig nicht ausschließen, will der Braumeister aus Leidenschaft zunächst nicht gelten lassen. Erst nach der Verkostung der 17 Spezialbiere aus dem Moerlein-Portfolio zeigt sich Hardman milder: "Natürlich ist das hier nicht Deutschland. Wir haben unsere eigenen Traditionen und Vorlieben - und auf die sind wir stolz." Und das können sie in Cincinnati getrost sein: Auch heute wäre die Stadt noch ein Graus für Carrie Nation und ihre Prohibitionisten - alle anderen dürften in der oft unterschätzten "Königin des Westens" ihren Spaß haben.

Unser Reporter flog auf Einladung von WOW air nach Cincinnati.

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Quelle: n-tv.de