Leben

Wenn's nicht mehr knistert "Ein Seitensprung kann heilsam sein"

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Wer fremdgeht, tut dies häufig aus einem ungestillten Bedürfnis heraus.

(Foto: imago/Westend61)

Ein Seitensprung kann eine Beziehung zerstören - er kann sie aber auch retten. Im Interview mit n-tv.de erklärt Sex-Kolumnistin Paula Lambert, dass Fremdgehen nicht gleich Fremdgehen ist, wie Paare aus dem Betrug lernen können und warum es so wichtig ist, dass es knistert.

n-tv.de: Frau Lambert, ist Fremdgehen automatisch ein Betrug am Partner?

Paula Lambert: Nein. Ich glaube, es ist in erster Linie ein Betrug an sich selbst. Die wenigsten Fremdgeher fühlen sich wohl dabei. Der Drang zum Fremdgehen entsteht ja in der Regel aus einem ungestillten Bedürfnis heraus - und das muss nicht unbedingt etwas mit der Partnerschaft zu tun haben. Es gibt Paare, die sich durchaus von einem Seitensprung erholen und bei denen es danach besser läuft als vorher. Auch weil Sachen zur Sprache kommen, die vorher verschwiegen wurden. Ich würde das also eher als Chance sehen.

Für die Deutschen ist eine Affäre der Trennungsgrund Nummer eins - der Seitensprung kommt erst an fünfter Stelle. Warum ist der Faktor Wiederholungstat so entscheidend?

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Paula Lambert hat sich als Sex- und Beziehungsexpertin einen Namen gemacht.

Eine Affäre ist etwas völlig anderes als ein One-Night-Stand. Bei einer Affäre spielen Gefühle eine Rolle. Und da muss ich dann sagen: Wer so etwas über Jahre oder Monate durchzieht, der hat schon elementare charakterliche Schwächen. Man muss aber auch auf die Motive des Fremdgängers achten. Ist es eine Kurzzeitaffäre, die aus dem Gefühl heraus entsteht, dass sich einer der beiden Partner nicht mehr gesehen fühlt? Oder ist es eine Affäre, in der einer von beiden denkt, er hätte mehr verdient und er hätte vielleicht sogar das Recht auf mehrere Partner? Grundsätzlich verletzt eine Affäre aber das Ego viel mehr. Und Gefühle kann man schwer vorspielen. Insofern entwickeln die Leute natürlich Ängste und denken: "Wenn es einmal passiert, passiert es immer wieder".

Es heißt ja immer: Gelegenheit macht Diebe. Aber steckt nicht in der Regel mehr dahinter, wenn der Partner fremdgeht? Schlechter oder gar kein Sex zum Beispiel …

Absolut, ja. Es gibt Paare, die bewusst entscheiden, dass einer fremdgehen darf, weil der andere dessen Bedürfnisse nicht befriedigen kann oder will. Aber was alle diese Paare versäumt haben, ist miteinander zu sprechen. Häufig stecken hinter einem Seitensprung tiefsitzende Probleme - und die muss man aufarbeiten. Das macht Beziehungen aber auch so wahnsinnig anstrengend.

Experten raten ja regelmäßig dazu, mehr über die eigenen Vorlieben zu reden. Aber was, wenn man schon weiß, dass der Partner diese nicht teilt?

Wer ist Paula Lambert?

Paula Lambert ist Journalistin, Kolumnistin und Autorin. Noch unter ihrem bürgerlichen Namen Susanne Frömel wuchs sie in Bonn auf. Für eine Reportage über Berliner Straßenkinder erhielt sie 1999 den Axel-Springer-Preis. Zwei Jahre schrieb sie für "Die Welt". Als Paula Lambert schreibt sie ab 2005 eine Sexkolumne für das Männermagazin "GQ". 2012 war sie in der sechsteiligen Reihe "Paula kommt" bei ZDFkultur zu sehen. Dann wechselte sie zum Frauensender sixx, wo sie die Sendung "Paula kommt" moderiert. Mittlerweile hat sie auch eine eigene Call-in-Sendung.

Wenn es um Fetische geht, finde ich das nicht so schwierig. Fetische sind ja eher die Spitzen des Lebens, die man ausleben möchte. Jemand, der extreme Fetische entwickelt, zeigt damit häufig auch ein kompensatorisches Verhalten. Dann hilft ein guter Psychologe. Wenn aber einer sagt, ich hätte gern Sex und der andere sagt, ich hätte gern überhaupt keinen Sex, dann treffen da zwei Lebenskonzepte aufeinander, die möglicherweise nicht harmonieren. Dann ist es ein legitimer Trennungsgrund, zu sagen: "Ich will mehr körperliche Zuwendung". Das ist ja auch sehr wichtig.

Intimität verläuft in deutschen Schlafzimmern oft nach Schema F: Fast jeder fünfte Deutsche hat sogar einen festen Sex-Tag in der Woche. Samstag. Sind wir einfach zu langweilig?

Nein, wir sind eher zu kompliziert. Viele Deutsche haben einfach noch nicht verstanden, dass Sex ein Grundbedürfnis ist. Keine andere Nation sagt, es sei "die schönste Nebensache der Welt". Es geht nicht um den Orgasmus, es geht darum, dem anderen Zuwendung zu schenken - und sie sich selbst auch zu holen. Es geht um Körperkontakt. Das wird hierzulande immer so ein bisschen kleingeredet - als wäre Sex etwas, was man so nebenbei macht. Darum sind auch alle so schrecklich unzufrieden damit. Ich fände gut, wenn wir da eine Natürlichkeit finden würden: Dass es eben nicht immer die große Riesennummer sein muss, sondern einfach ein liebevoller Austausch sein kann.

Dass ein Seitensprung etwas Schlimmes ist, darüber herrscht ja eigentlich ein allgemeiner Konsens. Wie zügelt man sich denn am Besten, wenn es schon kräftig knistert?

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Man kann es doch knistern lassen. Das finde ich erst einmal nicht schlimm. Wie öde wäre das Leben, wenn es nicht mehr knistern dürfte? Meistens bedeutet es ja auch gar nichts. Meistens lässt dieses Knistern etwas anklingen, was im Alltag ein bisschen verschüttet wurde. Das ist auch völlig normal. Früher hatte man eine Person für jedes einzelne Bedürfnis - damals lebte man noch in großen Gruppen zusammen. Niemand musste alles in einer Person sein. Das kann man vom Partner auch nicht erwarten. Und darum sage ich: Lasst es knistern! Das ist doch schön!

Unter dem Stichwort "Micro-Cheating" wird derzeit schon derjenige zum Fremdgeher erklärt, der nur ein bisschen auf Whatsapp flirtet. Ist das jetzt der Gipfel der Prüderie?

Um ehrlich zu sein, finde ich den Flirt auf Facebook oder Whatsapp total doof, wenn es ein gewisses Maß überschreitet - denn er ist eine Art Realitätsflucht. Mir wäre lieber, wenn die Leute im echten Leben flirten würden, als ihre Zeit in sozialen Medien zu verschwenden. Sie sollen wenigsten etwas erleben! Ein tolles Mittagessen zum Beispiel. Oder dass sie plötzlich gern zur Arbeit gehen. Schöne Profilbilder anzuschreiben und dann mit Fremden rumzuschäkern - das hat nichts mit der Realität zu tun. Lieber draußen üben. Dann sind die Leute auch freundlicher zueinander.

In einer Ihrer Sendungen erklären Sie, dass ein Seitensprung sogar eine Beziehung retten kann. Wie meinen Sie das?

Es geht darum, dass eine Beziehung im Alltag verschüttet werden kann - dass sie nur noch eine funktionale Geschichte ist. "Was machst du heute, was erledige ich heute?" Manchmal fehlt den Leuten die Sprache, um zu sagen: "Stopp, irgendwas stimmt hier nicht." Dann fangen sie an, sich unwohl und einsam zu fühlen. Und keiner redet miteinander. Kommt es dann zum Seitensprung oder einer kleinen Affäre, finden sie plötzlich wieder eine Sprache für ihre Bedürfnisse. Das kann heilsam sein. Aber es kommt immer darauf an, wie man damit umgeht. Wenn der Betrogene dem anderen den Betrug immer wieder vorwirft, dann kann man es gleich lassen. Aber wenn beide wollen, dass es funktioniert, dann kann ein Seitensprung etwas wirklich Fruchtbares sein.

Was raten Sie, wenn es schon passiert ist: beichten oder verschweigen?

Das kommt drauf an. Wenn es auf einer Dienstreise oder nach einem witzigen Abend an der Bar war, würde ich es verschweigen. Wenn es aber tiefer geht und man merkt: "Oh, das berührt mich auf eine Weise, die meine Beziehung beeinflusst", dann würde ich es ansprechen. Es ist zwar unehrlich, aber bei unbedeutenden Sachen richtet man mehr Schaden an, wenn man es sagt.

Mit Paula Lambert sprach Judith Görs

Quelle: n-tv.de