Leben

1300 Kilometer Pilgern in Japan "Man wird von den Menschen getragen"

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Lena Schnabl wanderte auf dem japanischen Pilgerweg, um nach dem "Nichts" zu suchen.

(Foto: Lena Schnabl)

Lena Schnabl läuft nach einer langen Krankheit einfach los und weiß auf ihrem Pilgerweg durch Japan erstmal gar nicht, was sie sucht. Doch dann erlebt sie die "Trail Magic" und erfährt eine Hilfsbereitschaft, die sie zutiefst bewegt.

n-tv.de: Sie sind nach einer längeren Krankheit einfach losgepilgert - wie viel Mut mussten Sie dafür aufbringen?

Lena Schnabl: Ich musste mich gar nicht groß überwinden. Ich beschäftige mich seit 15 Jahren mit Japan. Reisen ist für mich relativ normal. Als ich dann krank war, habe ich mich gefragt, was ich noch machen kann, um mich wieder ins Lot zu bringen. Dann dachte ich wieder an Shikoku und bin da hängengeblieben.

Sie meinen den japanischen Pilgerweg. Wie sind Sie darauf gekommen?

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Schnabl freute sich über die "Trail Magic".

(Foto: Schnabl©Alex Dixon, AxDx Photography, Kawasaki)

Als ich vor Jahren eine Japan-Rundreise gemacht habe, war ich einen Tag auf Shikoku. Da bin ich zu einem Tempel gegangen und hatte dann diesen Räucherstäbchengeruch in der Nase. Ich war auch in einem Thermalbad. Dieser Ort ist dann später immer wieder in meiner Vorstellung aufgetaucht, sodass ich dorthin wollte. Als ich im Internet nach dem Tempel von damals gesucht habe, fiel mir auf, dass der Teil eines Pilgerwegs ist.

Sie haben beschrieben, dass Ihnen unterwegs immer schöne Dinge passiert sind, wenn Sie genau das brauchten.

Ja, ich glaube, dass das auch etwas Besonderes ist. Man nennt das Trail Magic. Es kommt dann immer das, was man braucht. Zum Beispiel läuft man durch den strömenden Regen und begegnet einer alten Frau mit zwei Regenschirmen. Sie fragt, ob man einen braucht. So etwas passiert die ganze Zeit. Das ist normalerweise in Japan nicht so üblich. Auf Shikoku ist das das Gegenteil, da ist man als Pilger schon fast so halb heilig (lacht).

Was war denn für Sie die wichtigste Erfahrung?

Ich glaube, dass man überall alles finden kann. Mich haben besonders die Dinge erfreut, die ich nicht erwartet hatte. Ich traf beispielsweise vor einem Laden einen Mann, der mir unbedingt ein Bild zeigen wollte. Darauf war er gemeinsam beim Judo mit John Lennon und Yoko Ono abgebildet und er erzählte mir seine Geschichte. Das war sehr überraschend und schön. Ich habe in vielen Momenten das pure Glück erlebt. Es war für mich auch sehr beeindruckend, auf den höchsten Berg der Insel zu klettern. Da habe ich gedacht: Wenn ich das schaffe, dann schaffe ich alles.

Ihr Buch haben Sie "Meine Suche nach dem Nichts?" genannt - warum haben Sie nach dem "Nichts" gesucht?

Das Nichts ist ein buddhistisches Konzept, das Nirwana, die große Leere. Die Reise war auch in vier Bewusstseinsstufen gegliedert - Erwachen, dann Askese und Erleuchtung und Nirwana. Im Prinzip dachte ich mir "einmal Nirwana bitte", weil es genau das war, was ich nach einer langen Krankheit brauchte.  

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Haben die Pilger, denen Sie begegnet sind, alle Erleuchtung gesucht?

Es gibt verschiedene Typen. Es gibt den sportlichen Typ, der locker 40 Kilometer pro Tag läuft. Aber die meisten sind schon an Schnittpunkten im Leben und haben gewisse Fragen, auf die sie Antworten suchen. Manche brauchen auch eine Auszeit, um gewisse Dinge wieder ins Lot zu bringen.  

Würden Sie das Pilgern jedem empfehlen, der etwas sucht?

Es gibt sicher Leute, für die das nichts ist. Aber da muss auch jeder den richtigen Pilgerweg für sich finden. Ich würde es auf jeden Fall empfehlen und es gibt auch in Deutschland viele Wege, die man laufen kann. Aber so im Nachhinein betrachtet habe ich total vergessen, wie weh das tat. Jeder "normal gesunde" Mensch kann eigentlich zwischen 20 und 30 Kilometer pro Tag laufen. Es ist superwichtig, auf den eigenen Körper zu hören. Meinen ersten Versuch habe ich nach nur zwei Tagen und mickrigen 24 Kilometern abbrechen müssen, weil ich noch nicht genug Kraft hatte für diese lange Reise.

Welche Probleme haben Sie erlebt?

Ich glaube, der Weg ist für jeden eine Herausforderung und für jeden gibt es auch andere Probleme - zum Beispiel, dass man gar nicht weiß, wo man abends immer unterkommt. Es gab auch Leute, die mit dem Alleinsein große Probleme hatten.

Kamen Ihnen während der Reise Zweifel, ob Sie es schaffen?

Ich hatte jeden Tag Zweifel. Ich bin auch ohne Karte immer dem roten Pfeil hinterhergelaufen und habe immer von Tag zu Tag geguckt, was passiert. Aber irgendwie ist man dann auch im Flow.

Haben Sie diesen Glückrausch im Alltag konservieren können?

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Als ich zurückgekommen bin, habe ich mein Buch geschrieben. Monatelang habe ich mich genau mit diesen Themen befasst. Ich habe versucht, alle schlauen Dinge, die ich gelernt habe, zu verinnerlichen. Manchmal habe ich mir auch ein Gebet angehört, das ich immer in den Tempeln gebetet habe. Außerdem habe ich ein paar Dinge in meine Wohnung mitgenommen: Mein Pilgerhut und mein Wanderstab hängen im Gang. Und das Gedicht des Bergpoeten hängt in meinem Wohnzimmer: "Heute ist es lustig. Morgen ist es lustiger." Ein bisschen Shikoku ist also immer nah.

Woran glauben Sie?

Ich bin konfessionslos und auch keine echte Buddhistin geworden. Ich wollte einfach wissen, was das mit mir macht. Das war für mich der Anstoß. Sicher bekommt man durch die verschieden Erfahrungen, die ich auf dem Weg sammelt, so ein gewisses Grundvertrauen und einen Glaube an die Menschheit, weil man auch von den Menschen getragen wird, die einem unterwegs begegnen.

Mit Lena Schnabl sprach Sonja Gurris

Quelle: n-tv.de

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