Leben

Das Salz des Internets Self-Care als Geschäftsmodell

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Draußen spazieren gehen kostet nichts. Aber haben Sie auch die richtige Tasse dabei?

(Foto: imago stock&people)

Gibt es so etwas wie Self-Care wirklich? Unsere Autorin befasst sich mit dem Trendthema Selbstfürsorge im Internet und fragt sich, warum aus allen guten Ideen im Netz sofort eine Industrie entsteht.

Schlechte Nachrichten für Sonnenanbeter und gute Nachrichten für Vielschwitzer: Der Sommer ist vorbei. Zumindest bei uns. Wer jetzt keine durchtrainierte Strandfigur hat, braucht auch erst mal keine mehr. Der Herbst ist da und mit ihm beginnt die Saison der nassen Füße, des klebrigen Herbstlaubs und der ständigen Frage, warum es plötzlich schon am Nachmittag dunkel wird, obwohl es letzte Woche um diese Zeit noch hell und warm war.

Während ich mich also frage, wann es gesellschaftlich akzeptiert genug wäre, das erste Mal dieses Jahr die Heizung volle Kanne aufzudrehen, bietet sich im Internet und vor allem innerhalb der sozialen Medien ein völlig anderes Bild vom Herbst. Hier sieht man vor allem Orange- und Brauntöne, dicke, gemütliche Stricksocken vor riesigen gemauerten Steinkaminen und gut gelaunte Models mit absurd langen Schals, Handschuhen und Wollmützen, aber ohne Jacke. Während ich da an eine Blasenentzündung denken muss, verkaufen Influencer mit dieser Art von Posts aber wahrscheinlich so viele kuschlige Accessoires in Herbstfarben, dass sie sich davon vermutlich mehrere Hundert Übergangsjacken leisten können, die sie aber nie auf ihren Fotos tragen werden. Damit ihnen nicht kalt wird, trinken Menschen mit viel Reichweite anscheinend lieber Milchkaffee mit Kürbisgeschmack und verbrennen sich mit einem heißen Kakao die Zunge. Hauptsache, auf dem Bild sieht die Tasse gut aus.

Im Zuge der herbstlichen Wohlfühloffensive auf Instagram und Co. findet sich auch immer häufiger der Begriff Self-Care. Das bedeutet erst mal nur, dass man sich um sich selbst kümmern soll. Wer jetzt denkt, dass man das doch jeden Morgen macht, wenn man sich schlecht gelaunt unter die Dusche stellt, um danach zur Arbeit zu fahren, hat damit aber nur halb recht. Self-Care ist im Internet nämlich ein wachsendes Thema. Sogenannte Sinn-fluencer - ein furchtbares Wortspiel, das sich aus den Wörtern Sinn und Influencer zusammensetzt - haben sich auf die flauschigen Fahnen geschrieben, mehr Sinn in die sozialen Medien zu bringen und auch Themenkomplexe abseits der üblichen unrealistischen Urlaubs-, Essens- und Modefotos unter die Follower zu bringen.

Wald ohne WLAN

Diese Sinn-fluencer haben nicht nur eine massive Reichweite, sondern gewinnen auch täglich an Beliebtheit. Sie holen mit Posts zu Politik, mentaler Gesundheit und Nachhaltigkeit auch die Menschen ab, die normalerweise nur ironisch das nächste Katzenvideo anklicken. Eigentlich ist das eine sehr gute Sache. Statt einer perfektionierten Selbstdarstellung gibt es in dieser Ecke des Internets Informationen zu Depressionen, Tipps zur Meditation und Diskussionen über Feminismus. Ausgerechnet hier, wo alle perfekt aussehen wollen, suchen vor allem junge Menschen nach Antworten, die ihr Leben betreffen.

Eine der wichtigsten Fragen in diesem Kontext ist, wie man gut mit sich selbst umgehen kann. Self-Care oder eben Selbstfürsorge ist hier das Zauberwort. Hierzu gibt es nicht nur einen riesigen Katalog von Fragen, sondern auch einen noch größeren Katalog von Antworten, die uns dabei helfen sollten, ein gutes Leben zu führen. Fast ironisch finde ich dabei, dass in den Listen der Dinge, die man so tun kann, damit es einem körperlich und seelisch gut geht, immer ganz oben steht, dass man die Finger vom Internet lassen und lieber mal einen Spaziergang im Wald machen soll. Im Wald gibt es aber keine Antworten. Da gibt es nicht mal WLAN. Und Sachen kann man da auch nicht kaufen.

Die gibt es aber natürlich bei unseren Sinn-fluencern. Diesmal auch ohne schlechtes Gewissen, denn die verkaufen uns ja nur Dinge, die unser Leben wirklich besser machen. Nicht so wie die normale Werbung, die uns das nur vorgaukelt. Ich schätze, das ist dann diese eine gute Art von Kapitalismus. Eigentlich ist es nicht überraschend, dass auch aus diesen guten Absichten eine Industrie entsteht. Schließlich geht es bei der Selbstfürsorge darum, sich selbst gut zu behandeln, und wer nicht bereit ist, dafür eine Menge Geld auszugeben, der ist sich wohl selbst nichts wert. Kleiner Scherz am Rande.

Darauf einen Kakao

Ich fürchte, das mit der Self-Care ist nicht so einfach. Wie schön wäre es doch, wenn man einfach die teuren Kosmetikprodukte, Bücher und Marken-Entsafter kaufen könnte, sich dann mit einem selbstgepressten Saft aufs Sofa setzt und ein Selbsthilfebuch liest, während die Heilerdemaske einwirkt und alle Probleme physischer und psychischer Natur über die Haut aus dem Körper befördert. Feierabend. So läuft das leider nicht. Selbstfürsorge ist ein langer und sperriger Prozess, der nicht immer Spaß macht. Leider reichen die guten Tipps aus dem Internet dafür auch nicht aus. Natürlich ist es angenehm, einen Spaziergang zu machen, mal ein Buch zu lesen und die Lieblingsmusik laut aufzudrehen. Damit lassen sich aber tiefergehende Probleme nicht langfristig lösen und wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, was übrigens auch zur Selbstfürsorge gehört, dann wissen wir das auch. Unser Körper kann nicht mit Gewalt dazu gebracht werden, sich doch jetzt endlich mal zu entspannen, wenn er wie sonst 24 Stunden am Tag vor Stress auf dem Zahnfleisch geht. Self-Care ist eine Menge Arbeit und sie hört nie auf.

Es sind vor allem die kleinen, nervigen Dinge, die uns in der Fürsorge für uns selbst voranbringen, nicht die gekauften. Die Routinen, die uns Halt geben, sind nicht besonders attraktiv, aber genau das, was wir wirklich brauchen, wenn wir ein gutes Leben führen wollen. Regelmäßige Arztbesuche, genug Schlaf und genug Wasser trinken. Davon kann man leider keine schönen Fotos machen. Auch nicht von unseren hochroten Köpfen nach dem Sport, trotzdem ist Bewegung wichtig für Körper und Geist. Nicht zwingend, um gut auszusehen, aber um sich gut zu fühlen.

Dazu gehört auch, dass wir schmerzhaft lernen müssen, wo unsere Grenzen sind. Öfter mal Nein sagen können, wenn man etwas nicht will oder kann, ist genauso wichtig, wie zu entscheiden, dass man ein Produkt nicht kaufen will, weil man es nicht braucht. Grenzen setzen heilt vieles und hilft dabei zu erkennen, dass die Welt nicht zusammenbricht, wenn wir Erwartungen nicht erfüllen. Es ist nicht egoistisch, an sich selbst zu denken. Es ist ein Akt der Liebe sich selbst gegenüber. Wer sich und seine Aufmerksamkeit ständig ausbeuten lässt, hat am Ende nichts mehr zu geben. Es scheint banal, ist es aber überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Die Realität ist anstrengend und nicht immer nett anzusehen, aber sie ist im Gegensatz zu den verzerrten Hochglanzbildern im Internet echt, spürbar und voller Überraschungen. Ich finde, das hat was. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, lieber Leserinnen und Leser, aber ich habe jetzt richtig Lust auf einen heißen Kakao.

Quelle: ntv.de