Essen und Trinken

"Blau machen" in Erfurt Ich bin dann mal kosten

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Die Krämerbrücke in der Erfurter Altstadt zur blauen Stunde.

(Foto: imago stock&people)

In New York nimmt die Idee ihren Anfang. In Berlin wird daraus der Tourenanbieter eat-the-world. Neuestes Schmeckerchen: die Erfurter Altstadt, wo man einst durchs Blaumachen stinkreich wurde und sich die Eingeborenen Puffbohnen nennen dürfen.

Wer als Tourist fremde Städte oder Regionen besucht, begibt sich gerne mal in die Hände von Stadtführern. Da kann man durchaus auf einen Baedeker auf zwei Beinen treffen, der zwar viele Zahlen und historische Zusammenhänge parat hat, was jedoch den normalen Touri schnell ermüdet. Zunehmend aber vermitteln Stadtführer Wissenswertes auf unterhaltsame Weise, wo es sich anbietet auch in historischen Kostümen. Oft stecken junge Leute darin, im bürgerlichen Leben Geschichtsstudenten.

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Eat-the-world bietet derzeit bei jeder Tour wöchentlich zwei Führungen an.

(Foto: ©Stefan Winterstetter)

Ungewöhnliche Stadtführungen bietet seit einigen Jahren in Deutschland auch eat-the-world an, inzwischen mehrfach ausgezeichnet. Besuchern und selbst Einheimischen den Weg zu leckerem Essen und kulturellen Einblicken fernab ausgetretener Touristenpfade zeigen - das war die Idee von Elke Freimuth, als sie 2008 eat-the-world in Berlin gründete. Nur kurze Zeit später wurde gemeinsam mit Katrin Buck eine GmbH daraus, die im vergangenen Jahr von Gruner+Jahr gekauft wurde.

Wir Deutschen verreisen gern. China hat uns zwar neuerdings den Titel "Reiseweltmeister" gemopst, das ist dem reisenden Deutschen aber wurscht: Er ist und bleibt rührig unterwegs. Und das am liebsten ein paar Mal im Jahr. Da die meisten von uns nur eine begrenzte Auszeit vom Job nehmen können,  wird gesplittet: Haupturlaub zwei Wochen plus ein paar Kurztrips. Vor allem bei Pärchen und Singles ist die Kurzreise sehr beliebt. Zwar fliegt man auch mal gerne übers verlängerte Wochenende nach Paris oder Amsterdam, aber vor allem das Inland profitiert von diesem Trend: Rund drei Viertel der Kurzreisen entfallen auf Deutschland. 35 Prozent führen in Städte. Dabei liegt Berlin ganz vorne, gefolgt von Hamburg, München, Köln und Dresden.

Doch auch andere Ecken Deutschlands haben einiges zu bieten - wie wär's denn mal mit Erfurt? Nicht zuletzt durch die im Vorjahr in Betrieb genommene ICE-Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Erfurt und München hat die thüringische Landeshauptstadt noch einmal spürbar an Anziehungskraft gewonnen. Wer Erfurt einmal anders erleben möchte, dem sei hier eine Kostprobe empfohlen: Eat-the-world hat sich auf kulinarische Probiertouren spezialisiert und lässt seine Gäste die Städte nicht nur angucken, sondern tatsächlich auch schmecken. Wie gut Thüringer Rostbratwurst (Nur die echte!), Rostbrätel oder Klöße munden, hat sich garantiert schon bis Ostfriesland und im Schwarzwald herumgesprochen.

Touren von Aachen bis Würzburg

Am Anfang von Elke Freimuths Idee stand genaugenommen New York. Als sie eine Zeitlang dort lebte, bemerkte sie das Verschwinden kleiner Familienbetriebe, die zunehmend von großen Ketten vertrieben wurden. Kommt Ihnen bekannt vor? Ist hierzulande nämlich auch nicht anders. Das empfand Frau Freimuth offenbar auch so, denn zurück in Deutschland nahm ihre Idee Gestalt an und im April vor zehn Jahren ging eat-the-world online. Das Konzept ist bislang einzigartig. Es gibt kulinarische Führungen oder Tapas-Touren in verschiedenen europäischen Städten, aber meistens sind es komplette Menüs in drei bis fünf verschiedenen Restaurants. Die Idee mit den vielen kleinen Kostproben unter dem Motto "Lern' die Region über das Essen und die Menschen kennen" ist neu. Inzwischen betreuen 350 Guides 89 Touren in 37 Städten: Aachen, Augsburg, Bamberg, Berlin, Bochum, Bonn, Braunschweig, Bremen, Dortmund, Dresden, Duisburg, Düsseldorf, Erfurt, Essen, Frankfurt am Main, Fürth, Hamburg, Hannover, Kiel, Köln, Leipzig, Lübeck, Lüneburg, Mainz, Mülheim a. d. Ruhr, München, Münster, Nürnberg, Oldenburg, Potsdam, Regensburg, Rostock, Saarbrücken, Stuttgart, Wiesbaden, Wuppertal und Würzburg.

Die Leidenschaft zum Essen steht im Mittelpunkt, und so zählen zu den Stationen der Führungen Kult-Lokale ebenso wie Feinkostläden, typisch deutsches Essen oder italienisches Eis. Eat-the-world besucht mit seinen Gästen ausschließlich inhabergeführte Betriebe, die für hohe Qualität und besondere Gastronomie-Konzepte stehen. Doch es geht selbstverständlich nicht nur ums Futtern, sondern auch um die Lebensart der Bewohner, um einen nicht-touristischen Einblick in Geschichte und Gegenwart - und in einige Histörchen einzelner Stadtviertel.

Mit einem Rundgang durch die Altstadt bietet eat-the-world neben dem Andreasviertel nun bereits die zweite Probiertour in Erfurt an: Premiere war am vergangenen Freitag. In der restaurierten Altstadt, die seit Jahrzehnten unter Denkmalschutz steht, zeugen Märkte vom mittelalterlichen Reichtum der Stadt. In den prächtigen ehemaligen Bürgerhäusern findet man heute Boutiquen, kleine Restaurants und Cafés, die zum Entdecken und Verweilen einladen. Die Gäste erfahren, welch fortschrittliche Gedanken in Erfurt geboren wurden, die die christliche Welt verändern sollten, und welche Bedeutung die Bettelorden für die Stadt hatten. Oder auch, was es mit dem "Schiffshebewerk" in dem heute grünen Hirschgarten auf sich hat.

"Ne rischdsche Buffbohne"

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Die Touren dauern etwa drei Stunden. Danach ist man satt.

(Foto: ©Meike Goebel)

Sollte Ihnen ein Erfurter begegnen, der von sich sagt, er sei eine richtige Puffbohne, zucken Sie nicht zurück, denn das ist nichts Unanständiges. Es handelt sich in dem Fall um einen Eingeborenen, einen echten Erfurter also. Dem Manne Vorlieben zu gewissen Etablissements zu unterstellen - das wäre unanständig. Puffbohnen wachsen rings um Erfurt und "Puff" kommt hier von ausgepufft, was so viel wie groß heißt. Denn die Ackerbohne (Vicia faba), auch Saubohne, Dicke Bohne, Pferdebohne oder eben Puffbohne genannt, gedeiht auf den hiesigen Böden ausgesprochen gut. Puffbohnen sind also etwas sehr Ehrenhaftes, deftig, schmackhaft und gesund allemal, und heute nicht nur als Erfurter Puffbohnensalat beliebt, sondern auch als Kabarett und Stadtmaskottchen.

Überhaupt: Im Sprücheklopfen sind die Erfurter dicke da. "Blau machen" und "stinkreich" zum Beispiel sind solche Redewendungen, die heute jeder kennt, aber tatsächlich aus dem mittelalterlichen Erfurt stammen. Mit der Färberpflanze Waid nämlich haben die Erfurter früher ein Schweinegeld gemacht. Damit die Stoffe aber schön blau wurden, war nicht nur Färberwaid nötig, sondern noch - Urin. Ansonsten löste sich der Farbstoff nicht aus den gemahlenen Waidblättern. In alten Rezepten heißt es, dass die Farbe besonders gut wird mit dem Urin von Männern, die viel Alkohol getrunken hatten. Also standen an den Wirtshaustüren Fässer, bis sie (die Fässer) voll waren und von den Färbergesellen abgeholt wurden - die auch ziemlich voll waren, weil sie sich gefälligst an der Pinkelorgie zu beteiligen hatten. Dafür bekamen sie jede Menge Bier zu trinken.

Aber gut Ding' will Weile haben, denn das Blau im Stoff entstand erst durch das Sonnenlicht. Deshalb war das Blaufärben, abgesehen vom bestialischen Gestank und der Abwasserbelastung, eine launige Tätigkeit: Nur morgens und abends mussten die Gesellen die Brühe im Bottich vorsichtig umrühren und den von der Sonne verdunsteten Urin wieder auffüllen (Sie wissen ja, wie!). Und ansonsten auf das Ergebnis warten, solange die Stoffbahnen auf der Leine trockneten. Immer, wenn die Gesellen und Knechte am Montag besoffen in der Sonne lagen, wusste jeder, dass blau gefärbt wurde: Sie machten "blau". Auch der "blaue Montag" hat hier seinen Ursprung. Die Waidhändler aber wurden "stinkreich", zumal sie vom 14. bis ins 17. Jahrhundert hinein arme Lausitzer Sorben als Saisonarbeiter für sehr wenig Geld beschäftigten. 300 Dörfer rings um die fünf Thüringer Waidstädte Erfurt, Gotha, Arnstadt, Langensalza und Tennstedt hatten das alleinige Recht, Waid anzubauen.

Jetzt aber machen wir nicht blau, sondern etwas zu essen. Für einen "ausgepufften" Salat brauchen Sie nichts weiter als dicke Bohnenkerne, rote Zwiebeln, Weinessig, Öl, Salz, Pfeffer, Zucker und gehackte Petersilie. Kombiniert werden kann der Salat entweder mit hartgekochten Eiern bzw. Streifen von Rot- oder Sülzwurst. Spitzenreiter der Thüringer Küchenspezialitäten ist und bleibt aber neben der Rostbratwurst das Rostbrätel:

Thüringer Rostbrätel

Zubereitung:

Zutaten (4 Pers):

4 Schweinenackensteaks, je etwa 150 g
½ l dunkles Bier
2 EL Öl + etwas zum Braten
2-4 EL Senf
3 Zwiebeln + 8 Stück
Salz, Pfeffer

Die drei Zwiebeln pellen und in Scheiben schneiden. Die Fleischscheiben leicht klopfen und mit Pfeffer und Salz würzen. In ein Gefäß schichten, dazwischen immer Zwiebelscheiben platzieren. Bier, Senf und wenig Öl zu einer Marinade verquirlen und damit das Fleisch übergießen. Alles gut abdecken und 12 bis 24 Stunden kühl stellen.

Nach der Marinierzeit das Fleisch gut abtropfen lassen und in einer Pfanne in Öl sehr saftig braten. Die Zwiebeln pellen, in dünne Scheiben schneiden und in heißem Öl schmoren, bis sie leicht Farbe angenommen haben. Dann auf die fertigen Rostbrätl häufen. Traditionell werden dazu kräftiges Schwarz- oder Mischbrot oder Kartoffelsalat und noch ein Klecks Senf gereicht.

Tipps:

- Das Öl in der Marinade kann auch weggelassen werden. 
- Statt nur 3 Zwiebeln für die Marinade zu verwenden, können alle Zwiebeln geschnitten und in die Marinade gegeben werden. Dann nach Entnahme der Steaks die eingelegten Zwiebeln in einem Sieb gut abtropfen lassen, in einer Pfanne in Öl oder Butter weich schmoren und auf die Rostbrätel häufen. 
- Die fertigen Rostbrätel ganz dünn mit Senf bestreichen und dann erst die Zwiebeln darauf häufen.
- Am aromatischsten sind natürlich Rostbrätel vom Holzkohlegrill. Aber wer will schon so lange noch warten?

Viel Spaß beim Kosten auf Ihren Erlebnistouren und Erfolg beim Rostbrätel-Braten wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de