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Mittwoch, 25. März 2009

"Als Arbeitskraft willkommen": Arbeiter aus Vietnam in der DDR

Stolze 8000 DDR-Mark sammelten die Mitarbeiter des VEB Möbelkombinat Zeulenroda in Thüringen. Damit wollten sie ihren vietnamesischen Kollegen unterstützen, der mit einer deutschen Frau ein Kind hatte. Nach Ablauf seines Vertrages sollte er zurück in die Sozialistische Republik Vietnam (SRV). Um die Trennung von seiner neuen Familie abzuwenden und eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, waren 12.000 DDR-Mark fällig. Doch für die Hauptabteilung Konsularische Angelegenheiten der DDR war die Solidarität der Kollegen "nicht erwünscht".

"Wenn die offiziell propagierte Solidarität konkret wurde, gab es Ärger", sagt Martina Schellhorn von der Landeszentrale für politische Bildung in Potsdam. "Als Arbeitskraft willkommen - Vietnamesische Vertragsarbeiter in der DDR" heißt die Ausstellung, für die sie Äußerungen von Zeitzeugen, Fotos und offizielle Dokumente gesammelt hat. Eines wird in der Ausstellung schnell klar: Die Arbeiter aus dem befreundeten sozialistischen Ausland hatten es nicht leicht im deutschen Arbeiter- und Bauernstaat. Aber manche von ihnen waren dennoch zufrieden.

Limonade und Vita Cola: "Das war wie in der Luxusklasse. Wir kannten ja nur Krieg", sagt H. Nguyen Thi, die als Dolmetscherin in der DDR arbeitete. Im Vergleich zur SRV waren auch die Gemeinschaftsunterkünfte mit fünf Quadratmetern pro Bewohner komfortabel. Toiletten gab es in der Heimat nur in Großstädten. Außerdem waren die vietnamesischen Arbeiter in der DDR, um mit dem verdienten Geld ihre Familien zu unterstützen. Dafür reichte eine einfache Unterkunft mit Bett, während zu Hause oftmals nur harte Pritschen standen.

Keine Kontakte zu den Einheimischen

Begonnen hatte die Zusammenarbeit der beiden Staaten zunächst mit jungen Vietnamesen, die an den Hochschulen der DDR studieren konnten. Seit Anfang der 1960er Jahre kamen zudem bereits ausländische Arbeiter aus anderen Staaten in die DDR. Weil der Bedarf der VEB an Arbeitskräften anders nicht zu decken war, schlossen die SRV und die DDR am 11. April 1980 ein Abkommen über die Beschäftigung von Vietnamesen in den Betrieben der DDR. Bis zur Wende stellten Vietnamesen in der Folge mit knapp 60.000 Arbeitern die größte Gruppe unter den sogenannten "Vertragsarbeitnehmern".

Das Leben der vietnamesischen Vertragsarbeiter war insbesondere durch strikte Regeln und Kontrolle bestimmt. Ihren Pass behielten die Behörden ein, sie durften während ihres vier- oder fünfjährigen Aufenthaltes nur einmal ihre Heimat besuchen. Die Stasi öffnete und las ihre Post. Einen Teil ihres sowieso schon geringeren Gehaltes mussten sie zwangsweise an die SRV abführen. Kontakte zur DDR-Bevölkerung wurden weitestgehend unterbunden. Für einen in der Ausstellung zitierten Vietnamesen hieß DDR vor allem: "Allein leben und arbeiten".

Geldstrafe für ungewollte Mütter

Zu den besonders düsteren Kapiteln der Ausländerbeschäftigung in der DDR gehören die Fälle der schwangeren vietnamesischen Frauen. Sie wurden vor die Wahl gestellt, entweder ihr Kind abzutreiben oder in ihr Land zurückzukehren. Brachten sie dennoch in der DDR ein Kind zur Welt, wurde eine Geldstrafe verhängt, die Mutter ausgewiesen und zur Rückzahlung ihrer Aufenthaltskosten verdammt. Bis 1988 traf dieses Schicksal etwa ein Prozent der vietnamesischen Arbeiterinnen.

Offiziell wurden Ausländer in der DDR nur zu "Ausbildungszwecken" beschäftigt. Die wahren Gründe ihres Aufenthalts verschleierten Regierung und Presse. "Das förderte Neid und Missgunst", sagt Ausstellungsleiterin Schellhorn. Nach der Wende entlud sich bei einigen die unterdrückte und angestaute Fremdenfeindlichkeit: Die Brandanschläge auf ein vietnamesisches Wohnhaus in Rostock- Lichtenhagen im Jahr 1992 gelten dafür weltweit als Symbol.

Dauer der Ausstellung: 25. März bis 10. Juli 2009, Mo.-Mi. 9-18 Uhr, Do. und Fr. 9-15 Uhr

Ort: Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Heinrich-Mann-Allee 107 (Haus 17), 14473 Potsdam

Quelle: n-tv.de