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"Ich habe spirituellen Stress" Die Lehren aus dem Dschungelcamp 2012

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Kam, zog sich aus und siegte - irgendwie: Micaela Schäfer musste am vorletzten Tag ihre Koffer packen.

(Foto: RTL / Stefan Menne)

Es wurde Buschschweineafter und Buschschweinevagina aufgetischt. Es tauchten Sprüche auf wie "Die spricht mit mir, als wäre sie der Führer". Mit knurrenden Mägen wurde am Lagerfeuer über Nichtiges gestritten. Die Moderationen verhöhnten passgenau Wulff, die komplette Ochsenknecht-Dynastie und viele mehr. Und noch dazu drängten sich ständig riesige Brüste ins Bild. Doch trotz alledem blieb die sechste Staffel von "Ich bin ein Star holt mich hier raus!" hinter den hohen Erwartungen zurück.

Liebhaber des gepflegten Trashs, der die Grenze zwischen Guilty Pleasure und Muss-Man-Gesehen-Haben aufweicht, sahen sich dieser Tage einem Backlash ausgesetzt. Hatten letztes Jahr noch die Sarah-Knappik-Festspiele allen Kritikern des Spektakels den Wind aus den Segeln genommen, ja, selbst diese vor das Empfangsgerät genötigt, musste man diesmal das Format schon mögen, um die komplette Dauer dabeizubleiben. Und durfte sich so einiges an Häme oder gar ehrlichem Entsetzen anhören, wenn man sich zum Jour Fixe um viertel nach Zehn bekannte. Das hätte sich letztes Jahr um diese Zeit niemand getraut. Diesen Etappensieg des anständigen TVs und seiner Jünger muss man anerkennen und sportlich sehen.

Berufswunsch C-Promi

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Das Wetter wurde ganz ohne Drehbuch zur Herausforderung.

Hegte man bis zu dieser Staffel stets nur Hohn oder Mitleid für die Kandidaten und ihren verblassten TV-Ruhm, war diesmal von vornherein klar: Wer hier dabei ist, der zählt (wieder) was. Auch die Promis wussten, dass sie in einer so beliebten Sendung zwangsläufig mehr sind als nur tragisches Kanonenfutter, und lieferten fast eine Spur zu souverän ab.

Das Wetter war die neue Dschungelprüfung

Nachdem die Prüfungen keinen der Beteiligten mehr an seine Grenzen führten, sorgte plötzlich das Wetter für den fehlenden Thrill. Die ernsthafte Angst einer Überflutung, die Abgeschnittenheit des 150 Personen umfassenden Teams von der Außenwelt - auf einmal wankte die Kontrollierbarkeit der Show. Auf einmal gab es tatsächlich etwas zu diskutieren, dessen Ausgang nicht schon im routinierten Skript stand.

Rhythm of the Jungle

Nicht neu, aber nicht genug zu loben: Die Musikauswahl. Statt des sonst unvermeidlichen Whitney Houston-, "Mad World"-Kanons wurden dieser Tage Stücke von Casper, Der Junge mit der Gitarre, M83 oder den Editors angespielt. Geschmackvoll und erfrischend.

Es ging auch ohne Peer Kusmagk - oder nicht?

Dessen Heldenreise in einem kongenialen postmodernen Dschungel-Theater letztes Jahr blieb unerreicht. Dass so etwas auch unter dem strengen Entertainment-Regiment der Show nicht planbar, nicht wiederholbar ist, bewiesen die letzten Tage. Trotzdem, auch die aktuellen Figuren besaßen ihren Reiz.

Die Gewinner dabei:

Radost Bokel: Sonja Zietlow fragte sich anfangs der Show noch, ob jene wirklich Momo und nicht doch nur die Schildkröte gespielt hätte. Die Frankfurterin mit den großen Augen war nicht nur deshalb heißer Kandidat für den frühen Auszug, hielt sich aber tapfer. Die unangenehme Erpressung mit dem Sex-Tape eines Ex-Freundes verlieh ihr später zusätzlich Tiefe. Da bei aller Lust auf Ekelprüfungen und Zusammenbrüche die Zuschauer sich darin geeint fanden, dass hier der Spaß wirklich aufhört - und die so unter Druck geratene Intimität anfängt.

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Gewinnerin von Anfang an: Brigitte Nielsen.

(Foto: RTL / Stefan Menne)

Micaela Schäfer: Ihre ständige Übererfüllung der Rolle der stets verfügbaren sexy Fee erschien derart überzeichnet, dass man sie irgendwann nur noch als Persiflage darauf sehen musste. Mit dieser feministischen Aufwertung im Nacken machte sie richtig Spaß. Auch wenn es am Ende nur für Platz vier reichte.

Brigitte Nielsen: Laut "Bild am Sonntag" vom 8. Januar bereits vor Einzug die absolute Gagen-Siegerin (150.000 Euro Antrittsgeld, Vincent Raven erhielt lediglich 30.000). Die Investition von RTL hat sich gelohnt. Anekdotenreich ("Ich hatte eine One-Night-Stand mit Sean Penn") und sympathisch zog sie alle Strapazen durch. Und sah dabei erstaunlich oft aus wie Wolfgang Joop.

Rocco Stark: Nutzte die Show zum Showdown mit seinem Vater. Und machte den Zuschauer zum Komplizen des Wunschs, jener würde sich endlich bei dem Sonnyboy wieder melden.

Aber nicht für alle lief es so gut.

Auf der Verliererseite bleiben zurück:

Martin Kesici: Überwand sein Phlegma bloß beim überraschenden Auszug. Somit blieben seine Sendungs-Highlights nur Wildpinkeln, Nasebohren und Rotz ausspucken.

Vincent Raven: Schräg bis jähzornig seine Auftritte, homophob und sexistisch seine Geisteslage. Nein, danke.

Ramona Leiß: Hatte sich bereits vor dem Camp bedrückend herabgewirtschaftet und präsentierte das jetzt eben dem Publikum - und zwar in einer passenden zickigen Art.

Ailton: Brachte sich nach Berichten von sport1 nach seinem Auszug sofort ins Gespräch für den Zweitligisten Eintracht Frankfurt. Dass ihm nach dieser Sendung noch eine Weiterführung der Karriere als Fußballprofi vorschwebt, zeugt von ziemlichem Realitätsverlust.

Nach dem Dschungel ist vor dem Dschungel

Die sechste Staffel geht in keine Annalen ein, der Reiz des Formats indes hat sich trotz aller Kritiken nicht überholt, die Quoten zeigten sich stabil und weiterhin hoch. Und so werden sich auch in der siebten Auflage wieder die Fronten aufbauen.

Interessant, genial, unerträglich? Diese letzte Entscheidung kann einem niemand abnehmen.

Quelle: n-tv.de

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