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Auf den Spuren von Queen Victoria: Elizabeth II.
Auf den Spuren von Queen Victoria: Elizabeth II.(Foto: dapd)
Samstag, 04. Februar 2012

60 Jahre und kein Ende in Sicht: Großbritanniens ewige Königin

Von Wolfram Neidhard

Die meisten Menschen kennen nur Elizabeth II. als britische Königin. Kein Wunder, denn seit nunmehr sechs Jahrzehnten sitzt sie auf dem Thron. Sie sprach als Staatsoberhaupt mit Winston Churchill, Harry S. Truman oder Konrad Adenauer. Der politische Erfahrungsschatz der Queen ist reich.

Elizabeth mit ihrem Mann Philip, ihren Eltern, ihrer Schwester Margaret sowie ihren Kindern Charles und Anne im August 1951.
Elizabeth mit ihrem Mann Philip, ihren Eltern, ihrer Schwester Margaret sowie ihren Kindern Charles und Anne im August 1951.(Foto: AP/AP/dapd)

Es ist der 6. Februar 1952: In London herrscht mildes Wetter. Den berühmt berüchtigten Londoner Nebel gibt es in der ersten Februarwoche kaum - ungewöhnlich viele sonnige Abschnitte erfreuen die Einwohner der damals größten Stadt Europas. Das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland kämpft noch immer mit den ökonomischen und sozialen Nachwehen des Zweiten Weltkrieges. Der bereits 77 Jahre alte Konservative Winston Churchill, der das Land erfolgreich durch den Krieg geführt hatte, leitet seit gut drei Monaten zum zweiten Mal die Geschäfte in Number 10 Downing Street. Eigentlich ein Tag wie jeder andere in Nachkriegsbritannien. Dennoch sollte er ein denkwürdiger werden: Am Morgen erschüttert der Tod von die Menschen zwischen Shetland-Inseln und Dover. Obwohl Eingeweihten bekannt ist, dass der 56-Jährige an Lungenkrebs leidet, kommt die Nachricht zu diesem Zeitpunkt überraschend. Georg VI. hatte am 31. Januar noch seine älteste Tochter Elizabeth und deren Ehemann Philip zur ihrer Weltreise, die sie unter anderem nach Australien und Neuseeland führen sollte, verabschiedet. Obwohl der König schwer von seiner Krankheit gezeichnet war, glaubte an diesem Tag niemand, dass die Thronfolgerin ihren Vater nicht mehr wiedersehen sollte.

Die Windsor-Prinzessin befand sich in einem Baumhaushotel im kenianischen Nyeri, als sie die Nachricht vom Tode des Königs ereilte. Der König ist tot, es lebe die Königin: Noch am selben Tag wurde die 25-Jährige vom Thronfolgerat als Königin Elizabeth II. proklamiert. Sie und ihr Mann zogen früher als gewünscht von Clarence House in den Buckingham Palast um. Die offizielle Krönung erfolgte allerdings erst fast 16 Monate später am 2. Juni 1953 in der Westminster Abbey.

Abreise als Kronprinzessin, Rückkehr als Königin: Elizabeth II. am 7. Februar 1952.
Abreise als Kronprinzessin, Rückkehr als Königin: Elizabeth II. am 7. Februar 1952.(Foto: AP/AP/dapd)

und gleichzeitig Staatsoberhaupt von Antigua und Barbuda, Australien, der Bahamas, Belize, Grenada, Jamaika, Kanada, Neuseeland, Papua-Neuguinea, der Salomonen, St. Kitts und Nevis, St. Lucia, St. Vincent und der Grenadinen und Tuvalu. Großbritannien, das zwar zu den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges gehörte, verlor in der Zeit des Königswechsels - geopolitisch gesehen - massiv an Einfluss. Das Empire befand sich im Prozess des Zerfalls; bereits 1947 war die wichtigste britische Kolonie Indien unabhängig geworden. In dieser schwierigen Zeit bestieg die junge Elizabeth den Thron. Verkrampft und gehemmt habe sie zu Beginn ihrer Regentschaft gewirkt, sagen Zeitzeugen. habe viel Kraft aufbringen müssen, um ihr durch gutes Zureden die Steifheit zu nehmen. Dabei ist sie auch mit Hilfe ihrer Mutter Elizabeth (Queen Mum), geborene Lady Bowes-Lyon, durch eine harte Schule gegangen. Die Mutter von zwei Kindern - 1948 wurde der heutige Thronfolger Charles geboren und 1950 Tochter Anne - hatte ihren kranken Vater bereits mehrmals im Ausland vertreten. So besuchte sie Italien und Griechenland und traf im Oktober 1951 in Washington mit US-Präsident Harry S. Truman zusammen.

Victorias Rekord im Visier

"Ich bete, dass Gott mir hilft, mich dieser so früh in meinem Leben auferlegten schweren Aufgabe würdig zu erweisen", sagte Elizabeth II. nach ihrer Rückkehr nach London. Sie spielte dabei auch auf ihre Funktion als Oberhaupt der anglikanischen Kirche an. Nach sechs Jahrzehnten auf dem britischen Thron kann konstatiert werden, die Hilfe von oben -  wenn es sie denn je gab -  war erfolgreich. Elizabeth II. ist die nach Queen Victoria, sie amtierte von 1837 bis 1901, am längsten amtierende Königin. 2016 könnte die Queen ihre Ururgroßmutter einholen.

Pflichten einer Königin: Weihnachtsansprache 1977.
Pflichten einer Königin: Weihnachtsansprache 1977.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Nicht weniger als elf britische Premierminister, zwölf amerikanische Präsidenten, alle deutschen Bundeskanzler und sechs Päpste hat Elizabeth II. bislang als Königin erlebt. Kein Staatsoberhaupt der Welt kann so viel diplomatische Erfahrung aufweisen wie die Queen. Elizabeth, die in ihren ersten Jahren auf dem Thron sehr vom Wissen Churchills profitierte, ist heute für ihre Regierungschefs eine gefragte Ratgeberin. Seit Jahrzehnten empfängt sie den Premierminister in der Regel dienstags um 18.30 Uhr zu einer Unterredung im Buckingham Palast. Zum Inhalt der Gespräche wird nichts bekanntgegeben. Der von 1997 bis 2007 amtierende Labour-Premier Tony Blair ließ nur einmal durchblicken, dass die Queen zu bestimmten Problemen innen- und außenpolitischer Art ihre Meinung zwar sehr höflich, aber dennoch klar und deutlich artikuliere. Obwohl in einer konstitutionellen Monarchie der Premierminister die größeren Machtbefugnisse hat, ist die Queen - der "Heimvorteil" spielt dabei natürlich eine Rolle - diejenige, die das Gespräch dominiert. "Sie sagte mir, ihr erster Premierminister sei Winston Churchill gewesen. Das machte mir klar, wo ich stehe", sagte Blair nach seinem Amtsantritt. Die Queen genoss beziehungsweise genießt bei ihren Regierungschefs Respekt. Gravierende Meinungsverschiedenheiten, die Elizabeth II. mit der von 1979 bis 1990 amtierenden Margaret Thatcher gehabt haben soll, wurden seitens des Palastes und der Downing Street diskret behandelt. Beide Damen sollen sich nicht sonderlich gemocht haben, wurde in der Presse lediglich orakelt. Das war es dann aber auch.

Die lange Regentschaft von Elizabeth I., die von 1558 bis 1603 auf dem englischen Thron saß, ist als elisabethanisches Zeitalter in die Geschichte eingegangen. Obwohl die zweite Elizabeth mittlerweile länger amtiert, wird es kein zweites Zeitalter mit dieser Bezeichnung geben. Denn anders als die Tudor-Monarchin vor mehr als 500 Jahren besitzt die Windsor-Elizabeth keine absolute Macht. Seit der vom Parlament 1689 verabschiedeten "Bill of Rights" ist Großbritannien eine konstitutionelle Monarchie. "Der König verwaltet nicht, er regiert nicht, er herrscht", sagte der französische Politiker und Historiker Adolphe Thiers (1797-1877) einmal. Auf Elizabeth II. bezogen, trifft die Äußerung nicht mehr zu. Die Zeit des Herrschens ist für Großbritanniens Monarchen mittlerweile vorbei - sie repräsentieren ihr Land mit der ihnen gegebenen Würde. Bei der alljährlichen Thronrede im Ratssaal des House of Lords vor Mitgliedern des Ober- und Unterhauses verliest die Monarchin das Programm der amtierenden Regierung. Was die Queen über den Inhalt denkt, lässt sie sich nicht anmerken.

Kritischer Blick: Besuch eines Krankenhauses in Kings Lynn, Norfolk, im Jahr 2002.
Kritischer Blick: Besuch eines Krankenhauses in Kings Lynn, Norfolk, im Jahr 2002.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Elizabeth II. ist ein Glücksfall für eine konstitutionelle Monarchie - ihre Regentschaft ist durch ein großes Maß an Disziplin und Pflichtbewusstsein geprägt. Sie wahrt Distanz zu den Repräsentanten der Politik, wird aber dennoch als Institution hoch geachtet. Damit unterscheidet sie sich von einigen anderen europäischen Regenten. Eine scharfe Kritik, wie durch Schwedens König Carl XVI. Gustaf an die damalige sozialdemokratische Regierung von Ministerpräsident Göran Persson wegen der zögerlichen Hilfsmaßnahmen bei der Tsunami-Katastrophe 2004 in Südasien gerichtet, wird man bei ihr nie erleben. Auch der Carl Gustafsche Fauxpas, als er den diktatorisch regierenden Sultan von Brunei, Hassanal Bolkiah, für dessen angebliche Bürgernähe lobte, würde der Queen nie unterlaufen. Ihr Credo: Die Politik macht die Regierung, aus dem politischen Tagesgeschehen wird sich herausgehalten. Für das Staatsoberhaupt springen dafür andere Familienmitglieder in die Bresche. So engagiert sich Thronfolger Charles in Umweltfragen und regt sich über architektonische Sündenfälle auf. Auch der mit einem losen Mundwerk ausgestattete Ehemann Philip wird nicht müde, mit teilweise drastischen Formulierungen den Finger auf gesellschaftliche Wunden zu legen. Die Königin dagegen schweigt.

Familiäre Turbulenzen

Insgesamt ist die Arbeit der Queen im Verlauf der Jahrzehnte schwieriger geworden. Kein Königshaus - auch "Firma" genannt - ist von der Presse so intensiv betrachtet worden wie das der Windsors. Bezogen die Briten bei Elizabeths Thronbesteigung noch die Nachrichten hauptsächlich aus Zeitungen und in Kinos laufenden Wochenschauen, sind nun Fernsehen und Internet die bestimmenden Quellen. Kein Schritt oder auch Fehltritt der Königsfamilie bleibt unbeachtet. Die Queen versuchte eine Zeit lang, sich mit den Medien zu arrangieren. Um dem verstaubten Image ihres Hauses offensiv entgegenzutreten, durften britische Kameraleute 1969 Teile aus dem Leben der Familie Windsor filmen. Die Queen, Prinz Philip und die nunmehr vier Kinder beim Grillen und bei der gemeinsamen Freizeitgestaltung. "Wir essen unsere Cornflakes schließlich nicht mit Krönchen auf dem Kopf", entfuhr es Philip einmal. Obwohl nicht mit dem heutigen "Big Brother" vergleichbar, brachen nach der Ausstrahlung dennoch alle medialen Dämme.  Elizabeth und Philip dürften ihren Schritt im Nachhinein bereut haben, denn nach diversen Enthüllungsgeschichten der gnadenlosen Insel-Klatschpresse ging man wieder auf Distanz - allerdings ohne Erfolg.

Offizielles Foto zur Hochzeit von Prinz William und Catherine Middleton am 29. April 2011.
Offizielles Foto zur Hochzeit von Prinz William und Catherine Middleton am 29. April 2011.(Foto: dapd)

Denn die Jagd nach News wurde noch unerbittlicher. Das unglückliche Liebesleben von Elizabeths mittlerweile verstorbener Schwester Margaret - die Queen hatte ihr in den 1950er Jahren die Ehe mit dem geschiedenen Oberst Peter Townsend untersagt - wurde medial ausgeschlachtet. Keine Woche verging, in der nicht über Margarets spätere Katastrophenehe mit dem Fotografen Antony Armstrong-Jones, besser bekannt als Earl of Snowdon, berichtet wurde. Auch die zerbrochenen Ehen von Elizabeths Kindern Anne, Charles und Andrew waren ein gefundenes Fressen für die Journaille. Vor allem Charles, der mit Diana Spencer verheiratet war, aber Camilla Parker-Bowles liebte, geriet ins Schussfeld der filmenden und schreibenden Zunft. Die Geschichte geriet Ende der 1980er Jahre buchstäblich in den unterhalb der Gürtellinie angesiedelten Bereich. Die Queen hielt sich trotz der medialen Schlammschlacht im Hintergrund. Einige dürre Erklärungen, die nur im Fall von Trennung oder Scheidung durch einen Sprecher verlesen wurden - sonst nichts. Diese Politik der Verschwiegenheit sollte sich nach dem Unfalltod von Prinzessin Diana Ende August 1997 als schwerer Fehler erweisen. Dass die Queen nicht sofort nach London zurückkehrte und tagelang eine Erklärung zum tragischen Ereignis verweigerte, machte die Briten wütend und brachte die Monarchie in Gefahr.

Bilderserie

Nach permanenter "Bearbeitung" von Premier Blair verließ Elizabeth II. dann endlich Schottland. Sie verhinderte mit einer Fernsehansprache aus dem Buckingham Palast buchstäblich in letzter Minute einen für sie irreparablen Schaden. Aber die Queen erwies sich als lernfähig: Von ihren bisherigen Prinzipien abweichend, gab sie 2005 der Ehe von Charles mit Camilla ihren Segen. Insgesamt wurde Elizabeth lockerer. Vielleicht spielen dabei ihre geliebten Enkel William und Harry eine wichtige Rolle. Mit königlichem Stirnrunzeln wurde erlaubt, dass Charles' Ältester und seine Frau Catherine Middleton im Buckingham Palast  unter aufgehängten Discokugeln mit ihren Freunden feiern konnten. Und der Duke und die Duchess of Cambridge ließen es so richtig krachen.

Parallel zu den familiären Ereignissen erfreulicher und unerfreulicher Art setzte Elizabeth II. auch wichtige politische Akzente. Unermüdlich widmet sie sich dem Erhalt des Commonwealth, das eine lose Verbindung Großbritanniens zu seinen ehemaligen Kolonien darstellt. Ihr ist kein Weg zu weit, um mit den Staats- und Regierungschefs zu sprechen beziehungsweise Eröffnungsreden zu halten. Unvergessen ist auch der politisch heikle Besuch der Queen im kurz vor Kriegsende 1945 durch anglo-amerikanische Bomber schwer zerstörten Dresden im Oktober 1992. Äußerst angespannt und würdevoll ließ sie einige Pfiffe und Buhrufe über sich ergehen. Für die auch heute noch nicht immer einfachen deutsch-britischen Beziehungen war diese Visite von großer Bedeutung.

60 Jahre sind eine lange Zeit: Die meisten britischen "Untertanen" kennen nur Elizabeth II. als Königin. Sie sehen in ihr eine Institution, die - und das ist wohl die wichtigste Aufgabe der Monarchin - die britische Gesellschaft auch in schwierigen Zeiten zusammenhält. Und ein Ende ihrer Regentschaft ist nicht abzusehen, denn eine Abdankung zu Lebzeiten kommt nicht in Frage. Der mittlerweile 63-jährige Prinz Charles hat bereits die Thronfolgerrekordmarke seines Ururgroßvaters Edward VII. (59 Jahre und 13 Jahre) geknackt. Kein Wunder, Feier für die Queen wird pompös . Vor den Ende Juli beginnenden Olympischen Spielen erlebt London vom 2. bis 4. Juni drei tolle Tage. So soll es am 3. Juni die größte Schiffsparade seit 350 Jahren auf der Themse geben. Bleibt zu hoffen, dass das Wetter mitspielt. Während der Krönungszeremonie am 2. Juni 1953 goss es in London in Strömen.

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Quelle: n-tv.de