Unterhaltung

"Wolke 9" Liebe und Sex veralten nicht

Inge verliebt sich nach 30 Jahren Ehe in den 78-jährigen Karl (Horst Westphal).

Inge verliebt sich nach 30 Jahren Ehe in den 78-jährigen Karl (Horst Westphal).

Andreas Dresen, der Regisseur von "Halbe Treppe" oder "Sommer vorm Balkon", hat einen Liebesfilm gedreht, um eine Lücke zu schließen. Dass eine solche Geschichte nicht schon längst in deutschen Kinos zu sehen war, habe ihn "schon seit Jahren" gewundert, sagt der Filmemacher, jedenfalls keine dieser Art, "die das Thema radikal anfasst". Also fackelte er nicht lange und hat "Wolke 9" gedreht: Schon in der ersten Sequenz kommt er zum Punkt und seine Figuren, Inge und Karl, zum Orgasmus.

Hastig haben sie sich die Kleider abgestreift und sich geliebt. Doch als Karl aus dem Badezimmer kommt, ist Inge verschwunden. Als er wenig später vor ihrer Haustür steht, öffnet ihr Mann. Die Zuschauer haben bereits einen kurzen Einblick in ihr eheliches Leben und Liebesglück mit Werner erhalten. Kein Wunder, dass Inge ihr kleines Abenteuer nicht hereinlassen will. Sie beeilt sich, Karl wegzuschicken. Und doch besucht sie ihn bald darauf an der Radrennbahn. Sein Gesicht erstrahlt, als er sie entdeckt, und Hand in Hand rennen sie durch den plötzlichen Gewitterregen zum Auto, wo sie wie Teenager knutschen.

Spätes Liebesglück

Aber Inge und Karl sind alles andere als jung, sie geht auf die 70 zu und ihr Liebhaber ist bereits 78 Jahre alt. Die Kamera ist nicht schinant, zieht sich nicht diskret zurück, sondern zeigt den Sex. Aber dieser Sex ist nicht sexy, im Gegenteil. Fast wirken diese Bettszenen verstörend, zu intim, als dass man sie sehen möchte. Sie offenbaren faltige Haut und Erektionsprobleme. Es könnten die eigenen Eltern sein. Doch wenn sie zum Höhepunkt kommt, jauchzt Inge wie ein junges Mädchen und plötzlich scheint ihre Liebe ganz normal, Verliebtheit im Alter das Natürlichste von der Welt.

Doch so einfach liegen die Dinge eben nicht, wenn sich eine Mutter mit erwachsenem Kind und Enkeln nach 30 Jahren Ehe neu verliebt. Die verdutzte Tochter will die neue Liebe ihrer Mutter zum amourösen Abenteuer kleinreden. Als Ehemann Werner davon erfährt, weil Inge ihr Doppelleben nicht mehr aushält, kann er es nicht fassen, hält sie für dämlich und schreit sie an. Schließlich schien doch alles in bester Ordnung. Inge hat ihren Ältere-Damen-Chor, Werner sein Faible für Züge. Am Wochenende fahren sie gemeinsam mit der Eisenbahn ziellos durchs Land, weil es schön ist, die Landschaft vorbeirauschen zu sehen. Doch plötzlich ist da Karl in ihrem Kopf und Inge bricht unvermittelt im Zugabteil in Tränen aus. Dieser 78-jährige Karl fährt Rad, schwimmt mit ihr im See und wenn es mit dem Sex mal nicht klappt, erzählt er einen albernen Witz, über den sie beide prustend lachen.

Neue Freuden, alte Pflichten

Andreas Dresen und sein Team, übrigens die gleiche Crew, mit der er auch das Erfolgsdrama "Halbe Treppe" drehte, haben recherchiert, mit den Schauspielern improvisiert und so einen rührenden, fast dokumentarischen Film gedreht. Ihre Geschichte wirft Fragen auf, die über die Filmhandlung hinausgehen. Wie gehen wir um im Alter mit einem Frühling, in einer Gesellschaft, in der die Alten immer jünger wirken und nach der Rente noch lange nicht ans Sterben denken. In Zeiten, in denen Menschen länger arbeiten sollen und rüstig hart auf die Hundert zusteuern, dauert "bis dass der Tod euch scheide" einfach länger. Warum sollen nicht auch Rentnerinnen und Rentner das Recht auf Neuanfang für sich in Anspruch nehmen dürfen.

Doch wie gehen wir damit um, wenn die Freiheiten der neuen Zeit auch altgediente Sicherheiten zerstört wie beispielsweise die Institution der Ehe. Die individuelle Mobilität und Flexibilität ist nur die eine Seite, Verlorenheit und Einsamkeit die andere. Inge macht eine Radtour, ihr Mann Werner besucht seinen Vater im Heim, ein an den Rollstuhl gefesselter Pflegefall. "Freude schöner Götterfunken", singt Inge in ihrem Frauenchor aus Beethovens 9. Symphony. "Ja wer auch nur eine Seele sein nennt auf dem Erdengrund", trällern die Frauen beherzt, als kommentierten sie Inges und Karls junge Liebe. "Und wer's nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund", endet die Ode an die Freude - der arme Werner, glaubte er doch, ein Weib errungen zu haben und bei den Jubelnden zu stehen. "Wolke 9" zeigt beides, Freud und Leid der Liebe auf rührend stille und angenehm nüchterne Art, ganz ohne Schnulze und Tränendrüse.

Quelle: n-tv.de, dpa