Unterhaltung

Michalsky, MS MR, Mode & Musik "Sweet Freedom", mehr davon!

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Mousse T., Michael Michalsky, MS, MR im Tempodrom, danach ... (Foto: soe)

Die Fashion Week ist vorbei - die Arbeit für die nächste Kollektion kann beginnen. Doch zunächst noch ein kurzer Blick zurück ins Tempodrom, denn dort vibrierte die Luft. Meister Michael Michalsky hat alles getan, jetzt kann's eigentlich losgehen. Vorher jedoch hatte er noch Zeit für ein Interview. Seine momentane Lieblingsband ist auch dabei - denn ohne Musik kann der Designer nicht leben.

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Frau Kirchberger wusste sicher schon vorher, dass silberne Schuhe sehr angesagt sein würden.

(Foto: dpa)

Seine Show - das Highlight und das Ende der Fashion Week. Seine Party - begehrt wie kaum eine andere. Immerhin 1500 Leute stehen auf der Gästeliste, viele sind mit dem Meister befreundet. Im Publikum: Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, Fußballer Christoph Metzelder, Musiker Michi Beck, Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes, Schauspielerin Sonja Kirchberger.

Sein Mode - tragbar, bezahlbar und wie immer dennoch aufwendig inszeniert. Herrlich auch: Bei Herrn Michalsky laufen Models über die Bühne (die dieses Mal in Form einen großen Kreuzes gestaltet war und eine choreografische Leistung von den Models verlangte), also, Models, die einen - sorry - Arsch in der Hose haben. Immer wieder blitzten unter den Blusen und Röcken auch weibliche Rundungen hervor. Und wie schon bei der Modewoche im Januar zeigte der Designer dem Publikum auch eine eigene Herrenkollektion. Am Ende gab es viel Applaus für Michalsky, der in silbernen Sneakern auf den Laufsteg kam. Silber ist wichtig bei seiner Kollektion - und die richtige Musik.

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Galant: Der Designer verbeugt sich vor seinen zukünftigen Kundinnen und der Presse.

(Foto: dpa)

Dieses Mal hat der Designer eine Band in den Vordergrund gestellt, die hierzulande vielleicht noch nicht so bekannt ist, die es aber bald sein wird. Die super sympathischen New Yorker Lizzy Plapinger und Max Hershenow traten bei der Show im Tempodrom auf, und damit dürfte ein weiterer Grundstein für den Erfolg von MS MR (sprich Miss Mister) gelegt sein. Michalsky selbst gehört schon fast zu den alten Hasen im Fashionbusiness - trotzdem wirkt er wie der junge Morgen, als wir ihn backstage treffen. Die drei unterhalten sich über den Abend vorher im Berghain, wo die Band einen Auftritt hatte, und verabreden sich für das nächste Mal, unbedingt samstags hinzugehen, das sei der beste Tag.

n-tv.de: Seid ihr nervös?

Lizzy Plapinger: Nein, ich bin nicht nervös. Aufgeregt trifft es, aber nervös nicht (lacht).

Max Hershenow: Ich auch nicht!

Michael Michalsky: Ich bin total aufgeregt. Jetzt, inzwischen (lacht auch). Ach nee, es geht so.

Warum? Alles wirkt perfekt.

MM: Weil ich sehr sehr hart an dieser Kollektion gearbeitet habe! Diese Kollektion bedeutet mir wirklich viel. Ich habe ja nicht umsonst den Titel "Sweet Freedom" ausgesucht.  Es passiert momentan so viel auf der Welt, was nichts mit "Freiheit" zu tun hat, denken wir nur mal an Ägypten momentan, und ich habe mir echt Mühe gegeben, diese Message durch meine Kollektion zu transportieren. Die Kleider sollen tatsächlich Freiheit ausdrücken, im Sinne von "freier Lebensstil". Es ist immer eine Mammut-Produktion, ich habe schließlich zwei Shows, Männer und Frauen, und zwei Musik-Acts, einmal MS MR als Haupt-Act und davor NoNoNo. Das alles hinzubekommen ist wie eine große Bollywood-Produktion (lacht).

MH: Das ist korrekt (lacht). Wir müssen unser ganzes Set in 50 Sekunden auf- und dann wieder abbauen, aber es klappt, du kannst die Uhr mitlaufen lassen.

MM: Ja, wir haben einiges ausprobiert, und man muss sich das während einer Show einfach so vorstellen: Wenn das Ganze drei Minuten dauern würde, dann hätte das Publikum das Gefühl, es dauert drei Stunden. Es muss unter einer Minute sein!

LP: Ich freu mich so, auch auf meine Klamotten, die ich dann trage. Weißt du, das ist unser erster Ausflug in die Fashion-Welt, sozusagen unser Coming-Out, und ich bin Michael total dankbar, dass er uns da reingebracht hat.

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Lizzy in Batik an Kopf und Körper, ein Hingucker.

(Foto: dpa)

Und dein Hairstyling, Lizzy? (Anm.: die Haarfarbe ist rotblondblaulila-Batiklook, genau wie ihr Overall) Ist das ein "Sweet Freedom"-Statement?

LP: (lacht) Ja, total! Das hab' ich erst heute so gefärbt! Das passt zu allem, aber heute passt es tatsächlich ganz besonders gut! Und - ich kann mir komplett sicher sein, dass niemand anders heute so eine Haarfarbe hat, im ganzen Universum nicht!

Wie habt ihr euch kennengelernt?

MM: Das war wie im Märchen.

Ich liebe Märchen, vor allem mit Happy End!

MM: Ja, das hier hat definitv eines! (alle lachen, eigentlich die ganze Zeit) Vor ungefähr einem Jahr habe ich auf dem Weg zur Arbeit bei FLUXFM gehört, das ist ein Sender, der alternative Musik spielt, nicht so Mainstream, und ich habe ein Interview mit den beiden gehört. Am meisten hat mich die Geschichte der beiden fasziniert, wie sie sich getroffen haben, am selben College in New York, aber erst, nachdem sie fertig waren. Und jetzt muss ich was gestehen: Vom Hören her wusste ich schon, dass du, Lizzy, eine großartige Frau sein musst, und das hat sich dann ja auch bestätigt, aber bei dir, Max, hab ich mir immer so einen Computernerd vorgestellt ...

(alle lachen)

... mit fetten Brillengläser. Ja, wenn man nur die Stimmen im Radio hört, hat man manchmal ein komplett anderes Bild. Aber das war natürlich total falsch. Du hast so ernst geklungen ...

(Max gackert)

... und ich hab mir gesagt, die sind bestimmt zusammen, weil diese heiße Frau so einen Typen mit Computer- und Synthie-Erfahrung braucht. Im Büro dann hab' ich mir sofort ihre Musik runtergeladen, leider waren es vorerst ja nur vier Songs, und dann habe ich auf das Album gewartet. Ich hätte euch schon gerne bei meiner letzten Show dabei gehabt, aber ihr konntet nicht. Alle sagten, ihr hättet so viel zu tun. Ich hatte euch schon fast abgeschrieben, aber dann fand ich heraus, dass ihr euer Album in Europa und auch in Deutschland promotet, und das passte genau jetzt in diese Zeit! Außerdem habe ich euch im Mai bei tape.tv gesehen und ich schätze mal, Lizzy hat mich schon für einen Stalker gehalten, weil ich die ganze Zeit da rumgeschlichen bin.

LP: Ja, ich habe gedacht, wer ist denn dieser irre Fan da die ganze Zeit?

MM: Und dann ging aber alles ganz schnell, es hat ja geklappt.

MH: Ja, wir sind gerade auf Tour, sechs Wochen, eine große Sache ist das für uns. Europa, Amerika, Australien ... Gestern waren wir im Berghain, das war der Hammer, was für ein Ort.

MM: Ich wär gerne dagewesen. Aber ich musste noch eine Menge vorbereiten. Ihr wart übrigens ausverkauft!

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Die Männer - maritim angehaucht mit einem Touch Silber.

(Foto: dpa)

MH & LP: Uhh, wow!

Zurück zur Mode: Was Freiheit bedeutet, kann sich ja jeder für sich vorstellen, aber was bedeutet Freiheit in Bezug auf Mode?

MM: Als ich angefangen habe, über meine Kollektion nachzudenken, ist mir aufgefallen, dass überall auf der Welt der Begriff "Freiheit" für die unterschiedlichsten Dinge gebraucht, wenn nicht gar missbraucht wird. Freiheit bedeutet, dass Menschen in Ägypten auf die Straße gehen, um wählen dürfen, für die Menschen in der Türkei, dass sie demonstrieren dürfen und für gleichgeschlechtliche Paare in den USA, dass sie seit Kurzem heiraten können. Für uns hier bedeutet es vielleicht, dass unsere Mails nicht gelesen werden und wir nicht am Telefon abgehört werden. Ich wollte für all das eine Metapher finden - keine leichte Sache. Und wenn du herumfragst, was für die meisten Leute "Freiheit" bedeutet, dann sagen sie "das Meer", oder "der Ozean". Und dann habe ich losgelegt, die Farben des Ozeans, Symbole, ich hab' ganz viel Silber in den Sachen wegen der Lichtreflexe des Meeres, Koralle natürlich, Gelb, wie die Sonne, und in der Herrenkollektion gibt es viel Blau. Außerdem habe ich auch bei dem Setting versucht, Freiheit zu symbolisieren, deswegen habe ich auch nicht nur einen langen Catwalk, sondern ein riesiges Kreuz.

Wie wichtig ist Musik zum Transportieren von Mode-Ideen?

Sehr wichtig. Ich fange meist vier Monate vor einer Show an, die Musik auszusuchen, dann treff' ich den DJ, Tiefschwarz, wir überlegen dann, suchen weiter, lassen etwas weg, aber auch sonst ist Musik total wichtig, meine Inspiration. Ich höre Musik sofort nach dem Aufstehen bis ich wieder ins Bett gehe, und zwar höchst unterschiedliche Musik. Wenn man in der Mode erfolgreich sein will, muss man wissen, was in der Musikindustrie los ist, ohne geht es nicht. Um zu verstehen, wie Menschen sich anziehen, muss man wissen, welche Musik sie hören. Es ist eine Art Wurzel. Ich könnte tatsächlich nicht ohne Musik leben.

Im Moment wird viel über den "Street-Style", speziell den in Berlin, gesprochen. Manche finden ja, hier herrscht mehr Fasching als Fashion.

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Die Models: eher mit dem Trend zur Normal-Frau, danke dafür.

(Foto: dpa)

MM: Nein, das finde ich nicht. Street Style ist sehr wichtig. Und ich finde, das sollte man nicht herablassend verurteilen. Wenn es so ist, dass Leute ihren eigenen Stil haben und ihre Individualität damit zum Vorschein bringen wollen, dann ist das super. Wenn man auf manches von außen guckt, dann wirkt das für Außenstehende vielleicht merkwürdig, aber das hat sehr viel mit Freiheit zu tun! Anziehen zu können, was man will, bedeutet Freiheit! Sich ausdrücken zu können ohne Reglementierungen hat auch mit Freiheit zu tun. Und gerade Berlin hat einen coolen Streetstyle! Unter anderem deswegen fliegen jedes Wochenende Tausende von jungen Europäern und von überall in der Welt in unsere Stadt und feiern hier. Sie wollen dieses spezielle Berlin-Flair erleben. Und ich weiß, dass Designer aus anderen Großstädten und großen Labels nach Berlin kommen, um sich inspirieren zu lassen. Sie wollen dieses Gefühl geradezu aufsaugen und in ihre Klamotten einbauen!

Du hast ja lange für Adidas gearbeitet ...

MM: Ja, über elf Jahre als Creative Director ...

... glaubst du, dass es dir geholfen hat, in einem so großen Unternehmen gewesen zu sein, um jetzt selbst eine große Firma zu leiten? Auch darüber wird in letzter Zeit viel geredet, wie schwer es ist, seine eigene Marke zu etablieren und vor allem zu halten.

MM: Ja, das ist sehr schwer! Und die Zeit bei Adidas hat mir sicher geholfen. Als ich da angefangen habe, haben noch sieben weitere Designer mit mir gearbeitet und den Laden aufgemöbelt, als ich nach elfeinhalb Jahren gegangen bin, waren es 185 Designer, die für mich gearbeitet haben, mit drei Hauptsitzen. Einer in Oregon, einer in Deutschland und einer in Tokio. Was ich in dieser Zeit wirklich gelernt habe, ist, gut organisiert zu sein. Mit dem Fokus auf Herstellungsabläufe, Zeit einhalten, wer ist meine Zielgruppe, wie arbeite ich am konstruktivsten, wie bin ich ein Multitasker? In der Modewelt gibt es zwei Lager: die einen sind Künstler, die bewundere ich sehr, und die anderen - zu denen zähle ich mich - wollen etwas für Leute entwerfen, das sie wirklich gebrauchen können. Sie sollen ihren eigenen Stil entfalten können und sich wohlfühlen. 

Ist das etwas sehr Deutsches?

Was ist deutsch?

Dieses Organisiertsein? Diese Planwirtschaft?

LP: (lacht)

MM: Nein, nein, nein, ich denke, ich bin schon deutsch, ja, aber ich mach das nicht alles nur aus Spaß. Ich trage die Verantwortung für 30 Leute, die von dem leben, was Michalsky macht. Und ich finde auch immer gut, wenn junge Leute meine Sachen noch einmal verändern, wenn sie hier was abschneiden und da was annähen, das finde ich toll.  Wenn sie ihr eigenes Ding daraus machen. Wenn man eine Menge Leute erreichen will, und nicht nur eine bestimmte, betuchte Kundschaft, dann muss man es so machen, wie ich es jetzt mache. Und am Ende des Tages muss ich meine Leute bezahlen, fertig.

Mit Lizzy Plapinger, Max Hershenow und Michael Michalsky sprach Sabine Oelmann

Das Debütalbum der Band MS MR "secondhandrapture" wurde im Mai veröffentlicht.

Quelle: n-tv.de