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Mord. See. Lüste. Tatort. Nix als Ebbe, Digger

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Ermittlungen auf der Insel: Die Kommissare Falke (Wotan Wilke Möhring) und Lorenz (Petra Schmidt-Schaller).

(Foto: NDR / Boris Laewen)

Nach Wotan Wilke Möhrings wildem Action-Einstand in Hamburg ist "Mord auf Langeoog" wohl die Zigarette danach. Auf der Insel läuft alles ein bisschen ruhiger. Die "Tatort"-Macher wollen kuscheln, die Zuschauer schlafen fast ein.

Digger, ohne Hamburg, ohne Katze, ohne Milch - wie soll das gutgehen? Den Hamburger Ermittler Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) hat es in seinem zweiten Fall auf die Insel verschlagen. Männerurlaub auf Langeoog: Tagsüber Fische ausnehmen und abends bei Bier und Zigaretten auf der Gitarre rumzupfen. Falke besucht seinen alten Buddy Jan (Sebastian Schipper), der sich mit Frau und Baby auf der Insel niedergelassen hat. Und der Kommissar ahnt schnell, dass ihm das neue Leben des Ex-Kollegen eine Spur zu ruhig ist: "Komm, dir fehlt das doch, 'ne Wasserleiche aus der Elbe ziehen, schön in Hundekacke treten auf Pauli."

Nordseeidylle statt Hamburger Kiez, Ebbe statt Action: Im zweiten Fall setzen die "Tatort"-Macher vom NDR auf Entschleunigung. Überhaupt ist auf der Insel alles ein bisschen anders: Ermittler Falke trinkt kaum noch Milch und statt brennender Autos in Hamburg wärmt hier nur gemütlicher Ostfriesen-Strick die Buddy-Freundschaft, die noch immer seltsam unterkühlt wirkt. Auch Falke wirkt im Vergleich zum ersten Film aus Hamburg wie auf Sparflamme. Inselkoller? Laktoseintoleranz? Schlau wird man nicht aus dem plötzlichen Rückwärtsgang des ruppigen Großstadtbullen. Während "Feuerteufel" Möhrings wilder Action-Einstand war, ist "Mord auf Langeoog" wohl die Zigarette danach.

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Na dann, gute Nacht!

(Foto: NDR / Boris Laewen)

Möwen kreischen, Wellen brechen, der Wind streichelt die Dünen. Optisch wirkt der "Tatort" wie ein Werbefilm für Langeoog (Kamera: Bernhard Keller) - bezaubernde Inselstillleben, meditative Schnitte. Wäre da nicht die blutüberströmte Frauenleiche, die in den frühen Morgenstunden in den goldenen Dünen liegt. Neben der toten Kunstfotografin, ebenfalls voller Blut und nackt: der verstörte Teenie Florian, die Muse der Toten. Der junge Schwager von Falkes Kumpel Jan kann sich an nichts mehr erinnern, ist ohnehin schwer traumatisiert seit dem Unfalltod seiner Eltern. Nun ist die Nordsee nicht gerade Falkes Zuständigkeitsbereich. Dem Kumpel verspricht er jedoch - ganz schimanskiartig -, auf eigene Faust die Unschuld des Jungen zu beweisen.

Dabei liegt der Fall eigentlich bei der Kollegin aus Aurich, Christine Brandner. Nina Kunzendorf, gerade erst beim Frankfurter "Tatort" ausgestiegen, gibt hier die Gast-Ermittlerin. Zugeknöpft und angenehm friesisch-spröde ist Brandner der größtmögliche Gegensatz zu ihrer Frankfurter Prollbraut-Rolle der Conny Mey. Weniger ist mehr: Auf Langeoog schaut man ihr gerne dabei zu, wie sie als unaufgeregte und wortkarge Leiterin der Mordkommission den Überblick verliert.

Wattwanderung bei Nebel

So sympathisch Kommissar Falke, der da auf der Insel sein Ding durchzieht, auch ist - am Ende ist es Kunzendorf, die mit ihrer Schmallippigkeit dem Film ihren Stempel aufdrückt. Ein strenger Blick durch ihre Hornbrille, ein Augenbrauenzucken, schon wirken die klischeebeladenen Insel-Charaktere neben ihr blass und ausdruckslos, ebenso wie die Handlung. Familiendrama, Drogenpanscherei, Liebeswirrwarr und Konzeptkunst verheddern sich im Seemannsgarn der Inselbewohner. Hängen bleibt jedoch nichts. Es bleibt ein Rätsel, warum mit Schauspielern wie Kunzendorf und Möhring und auch den ausgezeichneten Drehbuchautoren Stefan Kornatz ("Tatort: Es ist böse") und Max Eipp ("Wut") nicht mehr aus diesem NDR-"Tatort" zu holen war.

Am Ende der Ermittlungen, die sich wie eine Wattwanderung bei Nebel hinziehen, ist es die Kommissarin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller), die dem Täter auf die Spur kommt. Falke hatte sie aus Hamburg zur Hilfe gerufen. Dem "Tatort" tut die forsche Kollegin gut, die auch noch ermittelt, wenn Falke längst auf dem Hotelbett schlummert. Einer muss hier ja arbeiten. Und so kommt sie dem Kapitän und Kneipenwirt auf die Schliche, der nicht nur ein Geldproblem, sondern neben der toten Künstlerin auch eine zweite Leiche auf dem Gewissen hat.

In seinem dritten Fall soll Möhring als Kommissar Falke ja für die Bundespolizei in Wilhelmshaven ermitteln. Thema sind syrische Flüchtlinge. Bleibt zu hoffen, dass sich die Macher da etwas mehr Mühe geben. Der "Tatort" aus Langeoog hat es sich jedenfalls zu leicht gemacht. Fazit: Keine Action, viel Stille und ein Fall, wie ein Kluntje im Ostfriesentee: löst sich zwar nur sehr langsam auf, ist aber immerhin hübsch anzusehen.

Quelle: n-tv.de

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