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Vom "Mia san mia" bis "Bayern-Dusel" "111 Gründe, Bayern München zu hassen"

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Manche Bayern-Fans haben einen verklärten Gerechtigkeitssinn. Nach dem Gewinn des 24. Meistertitels ist das aber erst einmal egal.

(Foto: picture alliance / dpa)

Laut Gary Lineker ist Fußball ein einfaches Spiel, bei dem 22 Männer 90 Minuten einem Ball hinterherjagen und am Ende immer Deutschland gewinnt. Das stimmt nicht! Am Ende gewinnen immer die Bayern. Aber das ist nur ein Grund, sie zu hassen.

Das Gegenteil von Liebe ist Hass. Und wer heiß lieben kann, kann auch eiskalt hassen. Hass bedeutet Abscheu, Antipathie, Feindseligkeit. Aber mal ehrlich: Niemand hasst wirklich gerne, nicht in einer so aufgeklärten Gesellschaft wie der unsrigen. Und dennoch gibt es einen Fußballverein in Deutschland, der Hassobjekt von Millionen ist, an dem sich die Geister scheiden, die Gemüter erhitzen, die Emotionen hochkochen. Es gibt einen Klub, der keinen gleichgültig lässt, der sich auch nur einen Hauch für Fußball interessiert: Wenn der FC Bayern München spielt, egal gegen wen, muss man sich entscheiden: Gut oder Böse; David oder Goliath, Sparkasse oder Deutsche Bank, Kleinwagen oder SUV. Die Entscheidung fällt sehr leicht!

Ich gebe unumwunden zu: Ich hasse den FC Bayern München! Alles an ihm, aus tiefster Seele und mit vollem Herzen - und mir geht es sehr gut dabei! Denn ich bin nicht allein. So viele verirrte Anhänger die Großkopferten aus dem Süden auch haben mögen, die Schar derer, die den deutschen Rekordmeister verachten, ist ungleich größer. Und jede Saison kommen neue Hasser dazu. Wer mag schon einen Verein, der seit nunmehr 52 Spielen nicht mehr verloren hat? Wer kann einen Klub leiden, der nun 19 Spiele in Serie gewonnen hat? Wer hegt schon Sympathie für etwas, das so glattgebügelt, so ohne Ecken und Kanten ist, wo nur der Erfolg zählt, nur der nächste Sieg, der nächste Titel, die nächste Höhe, der nächste Rekord? Wer kann einen Fußball-Bundesligisten gutheißen, der im März bereits die Meisterschale in Händen hält, obwohl die Saison noch geschlagene sechs Wochen weiter geht?

Flasche leer? Hals voll!

Wer findet einen Klub gut, dem auch noch das Glück hold ist, Stichwort "Bayern-Dusel"; der trotz des Tors von Bayer Leverkusens Stefan Kießling in Hoffenheim, als der Ball von hinten durch ein Loch im Tornetz in den Kasten rollte, dank Thomas Helmer noch immer für das Phantomtor der Bundesliga schlechthin in ihrer mittlerweile 50-jährigen Geschichte steht? Wer mag Tonnentreter im Bayern-Trikot wie Jürgen Klinsmann, wer Eckfahnen-Würger mit dem Bayern-Emblem auf der Brust wie Oliver Kahn, wer rauchende, lauffaule Motzer wie Mario Basler oder arrogante Schreihälse wie Stefan Effenberg?

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Guardiola mit dem Vettel-Finger: Unsympathisch, oder?

(Foto: picture alliance / dpa)

Gut, den ein oder anderen Trainer der Bayern könnte man zumindest ansatzweise sympathisch finden: Giovanni Trapattoni dank seiner Wutrede und der "Flasche leer"; oder auch "König Otto" Rehhagel, der sich extra von der Weser an die Isar hinabwagte, nur um dann vom "Kaiser" Franz Beckenbauer vom Bayern-Hof gejagt zu werden. Und naja, gut, auch Pep Guardiola mag man irgendwie, schließlich verkörpert er den Offensiv-Spielstil des FC Barcelona. Aber: Wohl kein anderer Trainer, vielleicht ausgenommen das arrogante Feierbiest aus den Niederlanden, Louis van Gaal, hat so schnell an Sympathien eingebüßt wie Guardiola.

Dachte man als Fußballfan nach der vergangenen Saison und dem Triple unter Jupp Heynckes noch, das war's, das kann nicht mehr übertroffen werden, diese Latte liegt zu hoch, belehrte einen der glatzköpfige Spanier im maßgeschneiderten Anzug auf der Bayern-Trainerbank eines Besseren. Statt nach dem 28. Spieltag feiern die Bayern ihren 24. Meistertitel bereits nach dem 27. Spieltag. Bisher haben sie noch nicht verloren in dieser Bundesligasaison. Supercup und Vorbereitungsspiele zählen ja bekanntlich nicht. Das nervt!

Das nervt mindestens genauso wie die Tatsache, dass das Gerechtigkeitsbewusstsein der Bayern-Anhänger genau so weit reicht, wie ihr hässlich rot-blauer Bayern-Schal lang ist. "Ja, der Uli hat Steuern hinterzogen. Aber muss er deswegen gleich zum Sozialschmarotzer abgestempelt werden?" sagt da ein wohlbeleibter Mittfünfziger mit Strickmütze auf dem Haupt. "Ja, der Uli, der hat zwar einen Fehler gemacht, aber warum denn gleich ins Gefängnis stecken? Eine Geldstrafe tut's doch auch, schließlich hat er doch auch Millionen gespendet und unseren FC Bayern zu dem gemacht, was er heute ist!" sagt ein Fan in Bayern-Farben und nimmt einen kräftigen Schluck aus seinem Bierbecher. Ja, der Uli …

Wasser, Wein und Weizenbier

Auch Uli Hoeneß ist es zu verdanken, dass es so viele Bayern-Hasser in der Republik gibt. Er motzt seinen Intimfeind Christoph Daum an, als der noch Köln-Trainer ist. Er sorgt verbal dafür, dass sich eben dieser Daum Jahre später als Leverkusen-Trainer und als möglicher deutscher Nationalelf-Coach gehandelt einer Haarprobe unterzieht und seitdem als "Kokser" gebrandmarkt ist. In der Bundesliga hat er seitdem nichts mehr gerissen. Hoeneß zoffte sich auch mit den Bremer Sozialdemokraten Willi Lemke, einem Verfechter der Chancengleichheit und in Hoeneß' Augen wohl ein Emporkömmling, dessen Verein Werder Bremen den Bayern in den 1980ern zu oft die Hände von der Meisterschale und Pokal weggerissen hat. Ja, wer es sich mit dem Uli verdirbt … Wehe dem, der auch nur ein böses Wort an die Hoeneßsche Adresse richtet, der kann sich des Bayern-Volkszorns gewiss sein.

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Mehr ist zum Thema Bayern nicht zu sagen ...

(Foto: picture alliance / dpa)

Apropos und überhaupt: Wenn ein Bundesliga-Verein den Bayern zu nahe kommt, wird das berühmte Festgeldkonto der Bayern angezapft (nicht in der Schweiz). Da wird etwa ein Mario Gomez vom VfB Stuttgart weggekauft. Oder wie zuletzt ein Mario Götze vom Doppel-Meister und Double-Gewinner Borussia Dortmund mit der schieren Kraft des Geldes an die Isar gelockt, wo er jetzt Weizenbier-Duschen über sich ergehen lassen muss. Und weil der BVB es wagt, den Bayern auch noch im Champions-League-Finale in Wembley Paroli zu bieten, lockt man deren polnischen Starstürmer Robert Lewandowski an die Säbener Straße, obwohl man mit Mario Mandzukic einen mindestens ebenbürtigen Goalgetter bereits in den eigenen Reihen hat.

Lesen, Lachen, Lästern

Ja, und da gibt es in Deutschland tatsächlich noch Fußballanhänger, die das Ganze gut finden, die es mögen, wenn Goliath in der Bundesliga wie der Elefant im Porzellanladen wütet. Ich verstehe das nicht. Und ich bin nicht allein: "Wir san wir!" Das beweist "111 Gründe, Bayern München zu hassen". In dem von Martin Brinkmann bei Schwarzkopf & Schwarzkopf in deren Sonderreihe "Zwölfter Mann" herausgegebenen Buch kommen mehr als 60 Autoren zu Wort, die mal ernsthaft, mal satirisch, mal bitterböse, mal beleidigt oder auch neidisch ihre Gründe aufzeigen, den deutschen Fußball-Rekordmeister zu hassen. Das Buch versteht sich selbst als "Motz- und Meckerschrift gegen den leider besten Fußballverein der Welt" und wird schon allein deshalb ein Bestseller werden.

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"111 Gründe, Bayern München zu hassen" ist bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen.

(Foto: Schwarzkopf & Schwarzkopf)

Bayern-Hasser werden sich das Buch selbst zulegen und noch weitere kaufen, um es all jenen zu schenken, die auf den falschen Weg geraten sind, all jenen, die sich selbst Bayern-Fans schimpfen und sich in ihrem "Mia san mia"-Gefühl wälzen und doch nur Anhänger eines Fußballklubs sind, der nichts anderes kann als gewinnen und Rekorde jagen. Es ist das perfekte Geschenk für all die, die eine emotionale Achterbahnfahrt so verstanden wissen, dass ihr FC Bayern vielleicht mal zwei Spiele am Stück verliert. Gott behüte!

Da die Bayern-Anhänger ja im Allgemeinen humorfrei sind, wie ihre Möchtegern-Choreografien und Banner zeigen (zuletzt "Gay Gunners"), sollte aber noch dringend erwähnt werden, dass Leser dieses Buch und die in ihm geäußerten Thesen vielleicht doch nicht allzu ernst nehmen sollten. In zwölf Kapiteln werden die Gründe zusammengefasst, die Titel der einzelnen Kapitel reichen vom "Ur-Grund des Grimms" über "Vorurteile, die keine sind" und "Gründen mit Hand und Fuß" zu "Fan-Bashing" und "Trauma-Bewältigung". Dabei wird beispielsweise gekonnt und kenntnisreich erläutert, weshalb "Uli Hoeneß Wasser predigt und manchmal Wein trinkt" oder auch: Wieso die Bayern "'unseren' FC Magdeburg geschlagen haben". Was hinter dem Grund zu verstehen ist, dass "Bayern-Fans Pilotfische sind" oder warum es eigentlich "keine Bayern-Fans gibt".

Das Sammelsurium an Gründen ist breit gefächert, kratzt manchmal an der Oberfläche, geht aber ebenso gnadenlos in die Tiefen der Fan-Seelen. Das Ganze geschieht verständnisvoll und ohne erhobenen Zeigefinger, klar, man ist ja schließlich nicht der FC Bayern München oder heißt Matthias Sammer. Wer das nicht lustig findet, sollte sich den Hinweis auf dem Buchrücken zu Herzen nehmen: "Liebe Bayern, liebe Bayern-Fans, manches in diesem Buch ist satirisch gemeint. Bitte anstreichen und umgehend zurücksenden. Wer alle Stellen findet, gewinnt noch einen Pokal obendrauf!" Das Buch lädt zum Lesen, Lachen und Lästern ein - und das ist auch gut so, schließlich haben die Fußballfans der anderen 17 Vereine in der 1. Fußball-Bundesliga schon lange nichts mehr zu lachen, dank des FC Bayern München.

"111 Gründe, Bayern München zu hassen"

Quelle: n-tv.de

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