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"Die Menschen sind klüger geworden" Ägypten sucht nach seiner Zukunft

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Konstanz der Macht: Dieses Graffiti in Kairo verbindet die Gesichter von Ex-Diktator Husni Mubarak, dem Chef des regierenden Militärrats, Hussein Tantawi, sowie der (damaligen) Präsidentschaftskandidaten Amro Mussa und Ahmad Schafik (v.r.).

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

In Ägypten wurde sein Buch wegen unmoralischem und obszönem Gedankengut verboten - weil es eine Gesellschaft kurz vor dem Kollaps beschreibt. Nun erscheint die Graphic Novel "Metro" von Magdy El-Shafee auf Deutsch. Mit n-tv.de spricht er über Graffitis in Kairo, den Zustand der ägyptischen Gesellschaft und die Ergebnisse des Arabischen Frühlings.

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Ausschnitt aus "Metro" von Magdy El-Shafee.

(Foto: Magdy El-Shafee - Edition Moderne)

Magdy El-Shafee kann noch lachen. "Graffitis und Comics", sagt der ägyptische Zeichner mit einem Schmunzeln, "sind unser Ministerium für Kultur und Propaganda". Mit "uns" meint er die Protestbewegung, die nach wie vor in Ägypten gegen alte Strukturen demonstriert. Die Graffitis sind der direkte Ausdruck ihrer Wut über das alte System und die aktuellen Zustände. El-Shafee sitzt derweil auf dem Comic-Salon in Erlangen. Die größte Comic-Messe im deutschsprachigen Raum . So zeigte die Hauptausstellung Comics aus dem arabischen Raum, aus Ägypten, Syrien, dem Libanon oder Palästina. Auch in Gesprächsrunden ging es um die Comic-Szene der Region, die sich seit vergangenem Jahr im Umbruch befindet.

Magdy El-Shafee ist mittendrin, natürlich. Denn er stellte in Erlangen seinen neuen Comic vor, "Metro", der auf Deutsch in der Schweizer Edition Moderne erscheint. Es ist die erste ägyptische Graphic Novel. Sie sollte es zumindest sein. Doch der Comic, der 2008 in El-Shafees Heimatland erschien, wurde kurz darauf von den Behörden beschlagnahmt und verboten. El-Shafee und sein Verleger wurden zu hohen Geldstrafen verurteilt. Sie verbreiteten unmoralisches, obszönes Gedankengut, hieß es in der Urteilsbegründung.

Das war vor dem Arabischen Frühling, bevor sich das ägyptische Volk auf dem Kairoer Tahrir-Platz versammelte und den langjährigen Diktator Husni Mubarak aus dem Amt vertrieb. Doch hat sich seitdem viel verändert? "Ägypten befindet sich in einer außergewöhnlichen Phase", sagt El-Shafee im Gespräch mit n-tv.de. Es gebe viel mehr Freiheiten im Alltag. Zwar seien etwa Graffitis immer noch illegal, aber viele Menschen würden sich nicht mehr daran stören. "Manchmal zumindest", fügt El-Shafee an, wieder mit einem Schmunzeln.

Zeichnen nach Feierabend

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Magdy El-Shafee

(Foto: Edition Moderne)

Der in Libyen geborene Zeichner ist Pharmazeut von Beruf, er arbeitet in einem Kairoer Unternehmen. Seine Comics zeichnet er nach Feierabend. Allerdings begann er erst nach der Jahrtausendwende, sie auch ernsthaft zu veröffentlichen, etwa im Magazin "El Doshma", das politische Comics publiziert. Beeinflusst von Bloggern und ihren Bestreben nach mehr Freiheit in Ägypten begleitete er auch die ägyptische Frühjahrsrevolution. Bis heute engagiert er sich dafür. Sein Comic "Metro" freilich bleibt trotz des Endes von Mubarak verboten, denn die Zensur wurde gerichtlich verfügt. Würde er sich darüber hinwegsetzen, käme er ins Gefängnis. Immerhin: Einige wenige Exemplare kämen aus dem Libanon nach Ägypten. Dort könne sein Buch erscheinen, erklärt El-Shafee.

"Metro" entstand und erschien Jahre vor den Protesten auf dem Tahrir-Platz. Gerade deshalb erklärt die Graphic Novel sehr gut, warum vor allem junge Menschen 2011 auf die Straße gingen, um gegen die Regierung zu protestieren. Wären die Hauptpersonen von "Metro" nicht fiktiv, hätten sie sicher auch auf dem Tahrir-Platz gestanden und würden im Internet einen Blog schreiben. Der Hauptprotagonist ist ein typisches Beispiel seiner Generation: Schihab ist ein junger Mann und gut ausgebildet - doch er muss um seine Existenz kämpfen.

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Ausschnitt aus "Metro".

(Foto: Magdy El-Shafee - Edition Moderne)

Schihab bedient als Software-Ingenieur Verkehrsunternehmen und Banken mit einem eigenen Programm. Nachdem ihn große Firmen aus dem Westen aus dem Geschäft gedrängt haben, steht seine Firma allerdings vor dem Ruin. Die Gläubiger verlangen ihr Geld zurück. Ein Geschäftsmann, der ihm helfen könnte, wird vor seinen Augen ermordet. Ein Unschuldiger wird für die Tat eingesperrt. Um seinen Gläubigern zu entkommen, sieht Schihab nur noch eine Möglichkeit: Er raubt eine Bank aus. Weil er dabei mächtigen Männern in die Quere kommt, wird er erst recht zur Zielscheibe. Unterstützt von einer befreundeten Journalistin, versucht er fieberhaft, dem Ursprung des Komplotts auf die Spur zu kommen.

Panorama einer Gesellschaft vor dem Kollaps

Korruption, Willkür, Zukunftslosigkeit und ein von religiösen Autoritäten bestimmtes enges moralisches Korsett bestimmen das Leben der Protagonisten von "Metro". Es ist ein düsteres Buch, geprägt von Gewalt und Einsamkeit - aber auch dem Willen, die herrschenden Zustände zu bekämpfen. Zeichnerisch ist "Metro" auf dem ersten Blick etwas verwirrend, was nicht nur daran liegt, dass der Verlag die arabische Lesart von hinten nach vorn und von rechts nach links beibehält. Doch die quirligen Panels spiegeln gerade das vielfältige Leben in Kairo wider. Geschickt bindet El-Shafee auch immer wieder den Lärm der Straße oder populäre Liedtexte mit ein. Die Vertreter des korrupten Systems sind Karikaturen, die nach oben kriechen und nach unten treten.

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"Metro" von Magdy El-Shafee ist in der Edition Moderne erschienen, hat 104 Seiten (Klappbroschur), s/w, und kostet 18 Euro.

"Metro" wird so zum glaubwürdigen Panorama einer Gesellschaft, die kurz vor dem Kollaps steht. Die Proteste, die wenig später viele arabische Länder ergreifen, sind bereits spürbar, sie sind die logische Konsequenz der verrohten Zustände. "Lass uns raus aus diesem Tunnel", heißt es in "Metro". Es ist der Aufruf zum Aufbruch in eine neue Gesellschaft. Wohin der Weg führt, ist allerdings ungewiss. Das bereits 2007 entstandene Buch entspricht damit überraschenderweise der heutigen Realität.

Denn all den Protesten zum Trotz: Wohin Ägypten steuert, ist nach wie vor völlig unklar. Noch hat das Militär die Macht in der Hand, nach der Auflösung des Parlaments schickt es sich sogar an, seine Machtbefugnisse erneut zu erweitern. Wann ein neues Parlament gewählt wird, weiß niemand. Haben die Demonstrationen also etwas gebracht? "Das Rad ist in Bewegung", sagt El-Shafee gegenüber n-tv.de. "Die Menschen sind klüger und vorsichtiger geworden und das alte Regime kann ihnen nicht mehr so leicht seine Lügen verkaufen." Das sei der entscheidende Wandel, den Ägypten im vergangenen Jahr durchgemacht habe.

"Was sollen jetzt die Wahlen?"

Doch es ist ein Wandel, der einen langen Atem braucht. Für El-Shafee ist der Umbruch in Ägypten eine friedliche, vor allem aber langfristige Revolution: "Sie braucht ihre Zeit, aber sie erfasst immer mehr Menschen, die das alte System, seine schmutzigen Tricks und seine Propaganda immer mehr in Frage stellen." Und dann wird er doch noch wütend: "Was sollen jetzt die Wahlen?", fragt er. Viel lieber will er zuerst das System verändern, den Staat wieder in den Dienst der Menschen stellen, bevor sie an die Urnen gerufen werden.

Stattdessen werde nun mit Ahmad Schafik ein Vertreter des alten Systems Präsident, oder mit Mohammed Mursi ein Muslimbruder. Diesen wirft El-Shafee vor, sich zwar als Teil der Protestbewegung zu gebärden, aber im Grunde überhaupt nicht zu wissen, worum es bei den Demonstrationen ging. Diese richteten sich für El-Shafee auch gegen religiöse Autoritäten. Und genau diese würden durch die Muslimbrüder verkörpert. Ohnehin wisse niemand, was die Muslimbrüder eigentlich wollten. Einerseits machten sie dem Volk Versprechen, andererseits verhandelten sie in Hinterzimmern mit dem Militär.

Ägypten befindet sich im Schwebezustand, niemand kann sagen, wo das Land in einem halben Jahr steht, wo in einem Jahr. Was also kann man machen? "Ich werde weiter das tun, was ich bisher gemacht habe ", sagt El-Shafee. "Ich glaube, das Beste, was ich machen kann, ist, weiterhin Comics zu zeichnen."

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Quelle: ntv.de