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Geschichte von Oma und Opa Deutsch-jüdische Vergangenheit im Kinderbuch

"Wie kann man Kindern nur solche schreckliche Geschichten erzählen?" Die Frage war an Peter und Gertrud gerichtet worden. "Da sind wir aber böse geworden. Wir haben ihn gefragt, was wir Euch sagen sollen, wenn Ihr Opa auf einem Foto zwischen lauter Chinesen seht."

Peter, das ist Peter Finkelgruen, 1942 in Schanghai geboren, wohin seine jüdische Familie aus Nazi-Deutschland geflohen war. "Die Macht der Deutschen reichte bis nach Schanghai. Sie hatten die verbündeten Japaner überreden können, die Juden in Schanghai - genau wie in Deutschland... - in ein Getto zu sperren." Peter war keine zwei Jahre alt, als sein Vater starb: "Wo es eng, schmutzig und düster ist, sterben die Menschen wie die Fliegen."

Gertrud ist Gertrud Seehaus, Peters Frau. Sie stammt aus dem Saarland und musste aufs Land ziehen, nachdem sie mit ihrer Familie während des Krieges in Bonn ausgebombt worden war. "In Gertruds Familie waren schon tot:" heißt es da vor einer langen Liste von Onkels. Und dann steht da, wie der Postbote ein Telegramm bringt. So erfuhr Gertrud, dass ihr Vater als Wehrmachtssoldat gefallen war.

Gertrud und Peter haben es sich gemeinschaftlich zur Aufgabe gemacht, ihren eigenen Enkeln David und Anna die Geschichte ihrer Familien zu erzählen. Einfühlsam und ohne Schminke beschreiben mit leichtverständlichen Worten das Schicksal der Juden in den Konzentrationslagern und das Schicksal der Deutschen während des Krieges. Es ist eine Familiengeschichte, wie sie für viele stehen könnte, nur dass die Omas und Opas von Anna und David auf zwei Seiten einer grausigen Front standen. Und das alles in einfachen Worten, wie man eben den Enkeln erzählt, woher sie stammen, wer ihre Vorfahren sind.

Ungewöhnlich an dieser "Aufarbeitung" der Vergangenheit ist, dass es da nicht um gegenseitige Schuldzuweisungen geht und auch nicht um "historische Verantwortung". Denn einerseits kämpften ihre toten Onkels und Opas in Hitlers Wehrmacht und andererseits wurden ihre anderen toten Onkels und Opas in Konzentrationslagern ermordet. Anna und David wurden nicht zu zerrissenen Seelen erzogen, sondern bilden eine Symbiose, wie sie in dem ungewöhnlichen Kinderbuch "Opa und Oma hatten kein Fahrrad" vorgestellt werden, auf 77 Seiten mit Illustrationen von Günter Kunert und Fotos aus den Familienalben der deutschen und der jüdischen Familie.

Auf Anfrage erzählte Peter Finkelgruen, dass das Manuskript vor der Drucklegung in mehreren Grundschulden "erprobt" worden sei und von den Kindern "sehr gut und mit viel Interesse" aufgenommen worden sei.

Peter Finkelgruen und Gertrud Seehaus, "Opa und Oma hatten kein Fahrrad. Eine Geschichte, bei der die ganze Welt eine Rolle spielt", 80 Seiten, 10 Euro.

Quelle: ntv.de