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Freiheit den Lebensentwürfen Deutschland streitet um die Familie

Es ist gut 35 Jahre her, als Alice Schwarzer mit dem Kampf um die Emanzipation der Frauen begann. Auch wenn manche Schlacht gewonnen ist, scheint der "Geschlechterkrieg" längst noch nicht zu Gunsten der Frauen (und damit auch Familien) entschieden. Eva Hermann konnte jüngst mit ihrem Buch tatsächlich zahlreiche Anhänger für ihre Idee gewinnen und ernsthaft die Gleichberechtigung und eine mögliche berufliche Profession von Frauen neben der reinen Kinderaufziehung und Haushaltsführung in Frage stellen.

Kirche, Kinder und Küche diese traditionelle Dreifaltigkeit bayrischer Stammtischler scheint erschreckend viele neue Bewunderer sowohl unter Männern als auch Frauen -zu gewinnen. Möglicherweise ist es manch Männern geradezu unheimlich, wie liberal und wirtschaftsfreundlich die CDU-Politikerin Ursula von der Leyen mit der Forderung nach Betreuungsplätzen von Kleinkindern vorangeprescht ist und auch einige Entscheidungen zu ihren Gunsten durchsetzen konnte.

Vielleicht sehen einige Frauen in Kindern vor allem die Möglichkeit, in der Gesellschaft ihre Position, wenn auch in Deutschland eine zwiespältige, einzunehmen oder verstecken sich hinter dem Glauben, dass nur ein Dasein zu hause das Allzeit-Glücklich-Machende sei. Wie auch immer, die Diskussion um die Frage der Gestaltung von Beruf, Karriere und Familie -und damit unweigerlich die der Eigenbestimmung der Frau -ist neu entfacht.

Silvana Koch-Mehrin, 37jährige Europapolitikerin und Mutter zweier Töchter, ist der Frage der noch immer schwächelnden Gleichberechtigung deutscher Frauen in ihrem Buch "Schwestern. Streitschrift für einen neuen Feminismus" nachgegangen. Sieben zentrale Fragen wie jene nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie fehlender Gleichbezahlung nimmt Koch-Mehrin auf.

Ganz nach dem Motto "Freiheit wagen" fordert sie aber vor allem von den Frauen, selbstbewusst ihre Freiheit einer eigenen Entscheidung einzufordern und sich nicht dem deutschen Muttermythos unterzuordnen, der sie in eine Zwangslage zwischen kinderbehütenden Glucke und Rabenmutter führt. Koch-Mehrin gehört durch Berufstätigkeit und Familie zur "Klasse" der arbeitenden Mütter. Damit symbolisiert sie vor allem jenen Lebensentwurf, der in Deutschland wenig anerkannt ist und häufig mit Rabenmutter tituliert wird. Koch-Mehrin plädiert jedoch nicht ausschließlich für ihren Lebensentwurf. Dennoch stimmt sie für die Chancen einer externen Kinderbetreuung, sei es aus Selbstverwirklichungsgründen oder auch aus rein ökonomischen Überlegungen heraus.

Koch-Mehrin schreibt aus eigener Erfahrung, schildert ihre Erlebnisse mit Freunden und deren Kindern, berichtet von den Reaktionen auf ihre Schwangerschaft und die ewig gleiche Frage, wie sie das denn alles noch schaffen würde. Leidenschaftlich unverbissen schreibt sich Koch-Mehrin den Ärger von der Seele und versucht mit ihrem Buch Mut für die Position der Frauen machen.

Sie verliert auf den knapp 200 Seiten kein einziges Word über die FDP, für die sie seit 2004 im Europaparlament in Brüssel sitzt. Ganz im liberalen Sinne ist jedoch die Freiheit für sie der zugrunde liegende Begriff, nach dem eigene Entscheidungen getroffen werden sollen. Die selbstverschuldete Unmündigkeit der Bürger nach Kant scheint mit eine Ursache für das Dilemma deutscher Frauen zu sein. Während es in anderen Ländern, insbesondere in den nordeuropäischen undenkbar ist, mit Kind und Kegel zu hause zu bleiben, ist dies in vielen deutschen Haushalten noch immer Standard. Dabei liegt dies nicht unbedingt an dem (möglicherweise vorhandenen) Unterdrückungswillen der Männer oder ökonomischer Notwendigkeiten (das ist wohl nur eine faule Ausrede), sondern in dem fehlenden Selbstbewusstsein und einer inhärenten Angst, was wohl die Nachbarin sagen mag. Das Thema Glucke oder Rabenmutter und das damit verbundene Dilemma, dass es zwischen diesen beiden Polen keine Frauenexistenz zu geben scheint ist Koch-Mehrins Leitthema und an zahlreichen Stellen immer wieder zu finden. Eine der wohl wichtigsten Aussagen des Buches ist, dass sich die Frauen gegenseitig im Weg stehen und egal, welche Seite sie einnehmen, die andere kategorisch verurteilen. Die Lösung von Frau Koch-Mehrin: Frauen sollen sich von den Erwartungen und Wünschen anderer, von aufgestülpten Rollenerwartungen befreien und ihren eigenen Weg suchen.

Koch-Mehrin schreibt witzig und unterhaltsam mit bitterbösen Seitenhieben auf die deutsche Gesellschaft und ausgewählte Meinungsmacher der deutschen Presse. Ungeachtet Koch-Mehrins politischen Tätigkeit für Europa ist es wünschenswert, dass ihre Schilderungen und Lösungsansätze auch manch FDP-Politiker zu Gesicht bekäme. Mein Fazit: Ein sehr aktuelles Buch, intelligent geschrieben und ganz sicher aufrüttelnd.

Doren Pick

"Schwestern. Streitschrift für einen neuen Feminismus" von Silvana Koch-Mehrin, Econ Verlag, April 2007, 18 Euro

Quelle: ntv.de