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Mit Comics durch Zeit und Raum Ein Seemann in Berlin, ein Hase bei Asterix

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Corto Maltese hat die Welt gesehen. Aber das Berliner Nachtleben bisher noch nicht.

(Foto: Verlag Schreiber & Leser 2022)

Es war ein gutes Comic-Jahr. Erstmals seit vier Jahren gab es wieder einen Comic-Salon in Erlangen, das Branchentreffen schlechthin. Es gab einen Marsupilami-Band von Flix, einen neuen "Lucky Luke" und ein intensives Buch über den Holocaust. Doch auch am Jahresende gibt es noch genug Empfehlungen fürs Weihnachtsfest. Sei es Corto Maltese, der das Berliner Nachtleben erkundet, ein Hase, der im Körper von Asterix landet, Dschingis Khan, der zwischen der realen und der spirituellen Welt wandelt, oder eine Französin, die in Japan einen Tanuki mit dicken Klöten trifft.

Kommt ein Seemann nach Berlin

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Corto Maltese sucht die Mörder eines Freundes - im wilden Berlin der 1920er Jahre.

(Foto: Verlag Schreiber & Leser 2022)

Corto Maltese hat die Welt gesehen. Vom Pazifik nach Ägypten, von Brasilien in die Mandschurei, und nun also eine "Nacht in Berlin", wie der Titel des neuesten Bandes lautet, erschienen bei Schreiber & Leser. Nach dem gelungenen Band "Schwarzer Ozean" von Bastien Vivès, der Corto ins 21. Jahrhundert holt, legen Ruben Pellejero und Juan Diaz Canales damit ihr neues Werk vor - beide haben die von Hugo Pratt geschaffene Figur seit 2016 überzeugend wiederbelebt.

Auch im Berlin des Jahres 1924 fehlen Corto Maltese, dem Kapitän ohne Schiff, nicht die typischen Zutaten: ein Mord, ein paar mysteriöse Gestalten, ein Schatz und okkulter Budenzauber, garniert mit ein paar Wendungen der Handlung. Es ist ein dunkles Abenteuer, das in Nachtbars und auf einem Friedhof spielt. Aber es geht ja auch nicht zimperlich zu im Berlin der Zwanziger Jahre. Corto stolpert durch die politisch komplizierte Gemengelage, um den Tod seines Freundes Steiner zu untersuchen. Er legt sich mit den Feinden der Weimarer Republik an, kommt einer Verschwörung auf die Spur und landet schließlich in Prag.

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Natürlich fehlt es dem Band nicht an Anspielungen an die Zeit und ihre (Un-) Kultur. Corto trifft den Schriftsteller Joseph Roth ("Hiob"), feiert mit Marlene Dietrich und Max Schmeling und geht ins Theater, das damals Weltruhm genoss. Leider wirken diese Verweise manchmal etwas aufgesetzt, als müsse man noch diese und jene Person abhaken. Und den Autoren unterläuft ein historischer Fehler: Im Jahr 1924 war die NSDAP verboten - und damit auch Schlägertrupps mit Hakenkreuzflagge, wie sie im Band auftauchen. Neben dieser Unkorrektheit ist "Nacht in Berlin" allerdings ein lesenswerter Band, mit dem Fans klassischer Corto-Maltese-Abenteuer auf ihre Kosten kommen.

Asterix die Ohren langgezogen

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So eine Klopperei mit Römern ist dann doch viel blutiger als gedacht.

(Foto: Reprodukt 2022)

Zu den großen Comic-Klassikern gehört natürlich auch Asterix. Anders als bei Spirou oder Lucky Luke, von denen bereits zahlreiche Hommage-Bände erschienen sind, blieb das Asterix-Universum da zurückhaltend. Neben der Hauptserie gibt es nur wenige Sonderbände. Dass nun "Beim Teutates!" von Lewis Trondheim erscheinen durfte, gleicht deshalb einem kleinen Wunder. Der Band spielt im Dorf der unbezwingbaren Gallier, hält sich aber keineswegs an die Gesetze der Reihe. Er ist vielmehr liebevolle Verbeugung und ironische Brechung in einem.

Tatsächlich gehört der Band zur Trondheim-Reihe um Herrn Hase, die auf Deutsch bei Reprodukt erscheint. Jener Herr Hase erwacht eines Tages im gallischen Wald und merkt erst nach und nach, dass es ihn durch die Maschine eines Schurken in die Welt des Comicklassikers verschlagen hat. Er ist im Körper von Asterix gelandet, was den anderen Dorfbewohnern aber zunächst nicht auffällt. So beginnt eine Verwechslungskomödie, in der Herr Hase aka Asterix den Schurken davon abhalten muss, das Rezept des Zaubertranks zu stehlen.

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Zwischen Parodie und Hommage balanciert Trondheim seine Geschichte zu einem Abenteuer aus, das wesentlich anarchischer ausfällt als das Original. Und immer wieder Selbstverständlichkeiten der Asterix-Bände hinterfragt. Zum Beispiel die Gewalt: Schnell merkt Herr Hase, dass ein von Zaubertrank verstärkter Schlag durchaus tödlich für römische Legionäre enden kann. Und auch die Nebenwirkungen des Zaubertranks haben die Asterix-Schöpfer Goscinny und Uderzo wohl einfach verheimlicht. Fans des Comicklassikers dürfen sich dabei nicht nur über Auftritte von Obelix, Majestix und Co. freuen, sondern auch über zahlreiche Anspielungen.

Die Geister des Dschingis Khan

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Zwischen realer und spiritueller Welt wird Dschingis Khan gezeugt.

(Foto: Splitter Verlag 2022)

Hatten es die unbesiegbaren Gallier noch mit Caesar zu tun, zog mehr als 1000 Jahre später Dschingis Khan aus, um die Welt zu erobern, vom Japanischen bis zum Kaspischen Meer. Bis heute steht sein Name für die einstige Macht der mongolischen Reitervölker. Der Comic "Dschingis Khan", erschienen bei Splitter, ist aber keine herkömmliche Biographie, sondern nimmt Motive aus dem Leben des Heerführers auf und reichert sie mit spirituellen und fantastischen Elementen an. Und das gelingt den Autoren Antoine Ozanam und Antoine Carrion sehr gut.

Der Junge, den ein Schamane als Wiedergeburt Dschingis Khans identifiziert und aufzieht, lernt schon früh die Welt der Dämonen und Naturgeister seines Volkes kennen. Immer wieder taucht er in deren Welt ein, hält Zwiesprache mit ihnen und wird so auf seine Rolle als Anführer der Mongolen vorbereitet. In der hervorragenden Farbgebung sind diese Szenen in blau gehalten. Daneben steht die in blassen Naturtönen gehaltene Realität, in der die Titelfigur zum Sklaven wird, sich aber nach und nach den Respekt der Stämme erkämpft und deren Anführer wird.

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Der Band besticht sowohl durch seine realistischen Zeichnungen, in denen großformatige Landschaftsaufnahmen und schnell geschnittene Kampfszenen abwechseln, als auch durch die Geschichte mit ihrer spirituellen Ebene. Weil die Autoren Menschen- und Geisterwelt geschickt verweben, schaffen sie eine poetische Annäherung an eine mystische Gestalt.

Ein sprechender Tanuki mit riesigen Klöten

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Meurisses Alter Ego durchstreift die japanische Landschaft - und fühlt sich bald an zu Hause erinnert.

(Foto: Carlsen Verlag 2022)

So poetisch wie frech ist "Nami und das Meer" von Catherine Meurisse - der bei Carlsen erschienene Comic ist ein Highlight dieses Jahres. Meurisse, die als erste Comickünstlerin in die französische Académie des Beaux-Arts aufgenommen wurde, verarbeitet in dem Band ihren Aufenthalt als Stipendiatin der Villa Kujoyama im japanischen Kyoto. Sie wolle die Natur malen und ihr viel zu westliches inneres Bildarchiv auffrischen, sagt ihr Alter Ego im Buch. Und so stürzt sie sich hinein in diese Natur und in dieses fremde Land. "Sie werden es nie verstehen, da sie nicht von hier sind", sagt ihr allerdings ein sprechender Tanuki mit riesigen Klöten über die Kalligraphie. Und tatsächlich hadert die umherwandernde Hauptfigur damit, das Wesen des Landes auf Papier zu bannen.

Meurisses Beschäftigung mit Japan und seiner Kultur bleibt eher an der Oberfläche. Sie wundert sich über Gebräuche und Penis-Altäre, verzweifelt an den modernen Toiletten des Landes - das sind keine tiefen Einblicke in den Fernen Osten. Das mindert jedoch nicht den Lesespaß, was vor allem an den großartigen Zeichnungen liegt. Immer wieder fängt sie in großformatigen Bildern die wunderbare Natur Japans ein - eine schöne Weiterentwicklung des Buches "Weites Land" über ihre Kindheit in der französischen Provinz.

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Diese erhabene Pracht der Natur wird durch die Darstellung der Menschen konterkariert, denen sie bei ihrem Spaziergang begegnet. Hier kehrt Meurisse ihre große Erfahrung als Karikaturistin hervor - lange arbeitete sie für "Charlie Hebdo", den Anschlag auf das Satiremagazin 2015 überlebte sie nur durch Zufall. Mit schwungvollem Strich und einem Gespür für Timing streut sie fast schon Slapstick-artige Szenen ein. Und erlebt am Ende doch noch eine Art Offenbarung, die ihr ein tieferes Verständnis der japanischen Kultur ermöglicht.

Quelle: ntv.de

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