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Pokalfinale zwischen Legia Warschau und Lech Poznan in Bydgoszcz: die "dritte Halbzeit"
Pokalfinale zwischen Legia Warschau und Lech Poznan in Bydgoszcz: die "dritte Halbzeit"(Foto: REUTERS)
Sonntag, 10. Juni 2012

Von Hitler, Oligarchen und Hooligans: Fußball im wilden Osten Europas

Von Thomas Badtke

Fußball ist nicht politisch, Fußball ist nur ein Sport! So klingt es gebetsmühlenartig aus den Mündern der Spieler, Trainer und Funktionäre. In Osteuropa - etwa im EM-Gastgeberland Ukraine - ist Fußball aber mehr. Nicht nur ein simpler Sport. Dort ist er Politik - mit allem was dazu gehört: Korruption, Gewalt, Geld und Macht.

Seit Wochen wird in Deutschland das Thema Gewalt im Fußball diskutiert. So mancher Politiker oder Funktionär malt dabei ein Bild, dass es einem angst und bange werden muss um des Deutschen liebsten Sport. Da werden freudetrunkene Fans, die den Aufstieg ihrer Mannschaft zwei Minuten zu früh feiern in manchen Politiker- und Funktionärsaugen zum Sinnbild des Bösen, zur hässlichen Fratze des Fußballs, rasch heraufbeschworen und als mediale Sau durchs Dorf getrieben. Fußfesseln und Ganzkörperscanner feiern ihren verbalen Einzug in den Sport. Als Stehplatzfan und Dauerkartenbesitzer möchte man da rufen: "Stopp! Macht euch in die Sommerpause!" Denn jetzt ist EM - und da zählen nur der Sport, das Spiel, der Spaß.

Olaf Sundermeyer im Kiewer Endspielstadion
Olaf Sundermeyer im Kiewer Endspielstadion(Foto: Olaf Sundermeyer / Verlag Die Werkstatt)

Aber die EM ist in Polen und der Ukraine. Da lässt sich das Thema Gewalt im Fußball nicht einfach wegwischen. Dort ist es wirklich an der Tagesordnung: 2011 randalieren Anhänger der Nationalelf des EM-Gastgeberlandes. Mehrere Hundert ziehen bei einem Spiel der "Reprezentacja" im litauischen Kaunas durch die Stadt und liefern sich gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei. Fliegende Steine, Flaschen und Feuerwerkskörper inklusive.

Etwa zwei Monate später findet das polnische Pokalfinale statt. Legia Warschau trifft auf Lech Poznan. Das Spiel endet nach Elfmeterschießen. Der Sieger heißt Legia. Die "dritte Halbzeit" folgt mit Ausschreitungen, Prügeleien und Randalen zwischen Fans und Polizei. Einen Sieger gibt es dabei nicht. Der Verlierer heißt Fußball, obwohl Uefa-Beobachter vor Ort sind. Denn Legia ist bereits im UI-Cup 2007 auffällig geworden, als sich Legia-Hooligans in Vilnius in Straßenschlachten mit der Polizei stürzen.

"Geil Gitler"

Lwiw ist ein Spielort der EM.
Lwiw ist ein Spielort der EM.(Foto: Olaf Sundermeyer)

Die Gewalt ist dabei nicht das einzige Problem, es gibt noch ein gravierenderes: Fremdenhass. Legia-Anhänger erklären beispielsweise bei einem Spiel gegen Hapoel Tel Aviv Israel den Heiligen Krieg: "Jihad Legia". Und Antisemitismus ist nicht nur in polnischen Fußballstadien verbreitet, sondern auch in denen des EM-Co-Gastgebers Ukraine. Hakenkreuze, SS-Zeichen, Nazi-Zahlensymbolik an Häuser- und Stadionwänden, rechte Schlägertrupps auf den Tribünen der Klubs, "Heil Hitler"-Rufe mit der entsprechenden Armbewegung - all das ist in der Ukraine keine Seltenheit, wie der Journalist Olaf Sundermeyer berichtet. In seinem Buch "Tor zum Osten - Besuch in einer wilden Fußballwelt" schildert er seine bei zahlreichen Reisen gewonnen Einblicke.

Die Außenansicht des Olympiastadions in Kiew
Die Außenansicht des Olympiastadions in Kiew(Foto: Olaf Sundermeyer)

"Antisemitismus ist ein ständiger Reisebegleiter in Osteuropa, nicht nur im Fußball, aber dabei ganz besonders", schreibt Sundermeyer. Er trifft sich etwa in Lwiw mit Anhängern der sogenannten Banderstadt Ultras des dortigen Fußballvereins Karpaty. Benannt ist die Gruppe nach dem einstigen ukrainischen Nationalistenführer Stepan Bandera, dem der Westen zwar eine Nähe zum Faschismus bescheinigt, der aber in der Ukraine laut Sundermeyer derzeit "en vogue" ist und dessen Konterfei beispielsweise "zahlreiche T-Shirts ziert". Sundermeyer wird von den Ultras etwa über die "Judenstadt Odessa" aufgeklärt. Darüber, dass "die Fans von Dynamo Kiew, Dnepr Dnepropetrowsk und Karpaty Lwiw die Rechten sind" und dass aus "Heil Hitler" in der Ukraine wegen des nichtvorhandenen "H" "Geil Gitler" wird. Er erfährt auch, dass Gewalt an der Tagesordnung ist. Verabredete Kämpfe in dunklen Gassen, bei denen auch Eisenstangen und Messer zum Einsatz kommen können.

Die "Gastfreundschaft" der Lwiwer Ultras bekommen im Herbst 2010 auch die Fans von Borussia Dortmund zu spüren: Erst ein Warnschuss eines Lwiwer Polizisten - abgefeuert mit scharfer Munition in die Luft - beendet die Hatz von rund 1000 Karpaty-Ultras auf etwa 300 BVB-Anhänger. Bei all dem verwundert es nicht, dass es zwischen den Banderstadt Ultras und der rechtsradikalen allukrainischen Vereinigung Swoboda (Freiheit), die die Mehrheit der Abgeordneten im Stadtparlament stellt, enge Verbindungen gibt.

Fußball ist Politik

"Tor zum Osten" ist im Verlag Die Werkstatt erschienen.
"Tor zum Osten" ist im Verlag Die Werkstatt erschienen.(Foto: Verlag Die Werkstatt)

Gewalt, Fremdenhass, Politik: Der Fußball tickt in Osteuropa anders, je weiter Europa und dessen demokratische Strukturen entfernt sind. Korruption scheint an der Tagesordnung. Während man in Polen versucht, sie zu bekämpfen, blüht sie in der Ukraine in ihren schillerndsten Farben - nicht umsonst steht das größte Flächenland Europas im Korruptionsindex von Transparency International auf einer Stufe mit Simbabwe. Wo sonst ist es möglich, dass sich der reichste Mann des Landes einen Platz im Parlament "erkaufen" kann, damit er parlamentarische Immunität genießt?

Rinat Achmetow heißt er. Zu seinem Konglomerat gehören ein Metallkonzern, mehrere Kohlebergwerke, Stromerzeuger, Banken, ein Mobilfunkkonzern und eben der aufstrebende Fußballklub Schachtar Donezk, Uefa-Cup-Sieger 2009 - Werder Bremen erinnert sich vielleicht. Auf der Gehaltsliste stehen neben 160.000 "normalen" Mitarbeitern auch immer etwa 10 brasilianische Fußballspieler. Befreundet ist er nicht nur mit Roman Abramowitsch, sondern auch mit dem ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch.

Besuch in einer wilden (Fußball)welt

Politik und Fußball verschmelzen in der Ukraine. Aber eben nicht nur dort. Noch stärker gehen Sport und Politik in Russland Hand in Hand. Von der "Sowjetisierung des Sports" ist da die Rede. Olympische Winterspiele in Sotschi, Fußball-WM: Ein einstiger Sportgigant strebt mit Macht auf die internationale Bühne zurück - Gazprom und den Kreml-Fürsten sei Dank. Auch das ist ein Thema in Sundermeyers wunderbarem Buch "Tor zum Osten".

Sundermeyer gelingt es durch seine fundierten Schilderungen, den Leser zu fesseln. Er berichtet über käufliche Trainer und Spieler, über angetrunkene Verbandsfunktionäre, rechtsradikale Ultras und schwerreiche Fußballoligarchen. Er interviewt Politiker und Fans, Stars und einfache Leute und erzählt so kleine Anekdoten, die zusammengenommen eine Geschichte erzählen, ein Bild ergeben, das erschreckend und faszinierend zugleich ist: Ein lebendiges Bild des wilden Fußballostens Europas. Ein Bild, an dem Wenn Abenteuer im Kopf Romane werden seine Freude gehabt hätte.

"Tor zum Osten" ist etwas für Leser, die einen ersten Einblick in die politischen Zusammenhänge jenseits von Oder und Neiße gewinnen wollen. Es ist deshalb mehr als nur ein Buch für Fußball- und EM-Fans. Ganz sicher ist es aber ein Standardwerk für diejenigen, die Fußball als Sport lieben - trotz aller möglichen negativen Begleiterscheinungen

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Quelle: n-tv.de