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Akten mit dem Aufdruck "MfS" für Ministerium für Staatssicherheit: Die Stasi hatte mehr als 90.000 Hauptbeschäftigte und fast doppelt so viele "Inoffizielle Mitarbeiter" (IM).
Akten mit dem Aufdruck "MfS" für Ministerium für Staatssicherheit: Die Stasi hatte mehr als 90.000 Hauptbeschäftigte und fast doppelt so viele "Inoffizielle Mitarbeiter" (IM).(Foto: picture alliance / dpa)
Sonntag, 09. Juni 2013

Stasi-Kinder zwischen Anpassung und Ausbruch: Heranwachsen im Überwachungsstaat

Von Andrea Beu

Ein Telefon - aber man kann die Nummer fast niemandem geben, sich nicht in jeden Jungen verlieben; Westfernsehen ist tabu, eine kritische Haltung zum Staat auch ... Über die Staatssicherheit, den Überwachungsapparat der DDR, ist viel geschrieben worden. Aber was bedeutete die Stasi-Tätigkeit der Eltern für ihre Kinder? Waren sie Privilegierte - oder auch Opfer?

Ruth Hoffmann, geboren 1973 in Hamburg, verarbeitete für ihr Buch Interviews mit Zeitzeugen.
Ruth Hoffmann, geboren 1973 in Hamburg, verarbeitete für ihr Buch Interviews mit Zeitzeugen.(Foto: picture alliance / dpa)

"Schild und Schwert der Partei": Der Riesenapparat des Ministeriums der Staatssicherheit, kurz MfS oder Stasi, verfügte im Jahr 1989 über mehr als 90.000 Hauptbeschäftigte; dazu kamen noch etwa 200.000 "IM" (Inoffizielle Mitarbeiter). Das Interesse an ihrer Tätigkeit, vor allem durch bespitzelte Bürger der untergegangenen DDR, ist nach wie vor groß: Die Zahl der Anträge auf Einsicht in Stasi-Akten stieg im Jahr 2012 auf über 88.000.

Viele Opfer von Repression und Verfolgung in der DDR haben sich in den letzten Jahren zu Wort gemeldet, nun, wo sie es endlich konnten. Kaum etwas ist jedoch bekannt über die Kinder der Stasi-Mitarbeiter, über ihr Leben zwischen Privilegien und Zwängen, Pflichten und Verboten. "Stasi-Kinder" von Ruth Hoffmann gibt auf der Grundlage von Interviews Einblick in die Geschichten von dreizehn Kindern; fünf davon bleiben anonym. Das Brandmal Stasi-Kind möchte manch einer nicht zeigen, nicht an alte Wunden rühren oder Dinge nicht an die Öffentlichkeit tragen, die man bisher für sich behalten hat.

Von Gehorchen bis Abhauen

Die Kapitel tragen Titel wie Gehorchen, Erwachen, Aufgeben, Verraten, Erkennen, Zweifeln, Widerstehen, Funktionieren oder Suchen - das deutet bereits die gesamte Bandbreite des Themas an. So beschreibt das Kapitel Gehorchen etwa strenge Väter und lieblose Eltern, die viel von den Kindern verlangen: sehr gute Schulnoten und allseits korrektes Verhalten werden vorausgesetzt. Alles Westliche ist verboten, West-Fernsehen tabu (natürlich nur für die Kinder - die Eltern schauen es "heimlich", wenn die Kleinen im Bett sind).

In der DDR war Vera Lengsfeld in verschiedenen Oppositionsgruppen aktiv, wurde zu einer Haftstrafe verurteilt, konnte dann aber nach Großbritannien ausreisen. 1990 bis 2005 saß sie im Bundestag - erst für Bündnis 90/Die Grünen, dann für die CDU.
In der DDR war Vera Lengsfeld in verschiedenen Oppositionsgruppen aktiv, wurde zu einer Haftstrafe verurteilt, konnte dann aber nach Großbritannien ausreisen. 1990 bis 2005 saß sie im Bundestag - erst für Bündnis 90/Die Grünen, dann für die CDU.(Foto: picture alliance / dpa)

Die vorgestellten Elternhäuser erscheinen durchgängig sehr streng  und  unnachgiebig - das wirft die Frage auf: Waren wirklich alle Stasi-Eltern so hart? Ist die Auswahl zufällig oder willkürlich, um das Schreckliche noch schrecklicher wirken zu lassen? Gab es keine liebevollen, verständnisvollen Stasi-Väter? Eine Ausnahme im Buch: die Familie der späteren Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld. Zwar war ihr Vater, tätig beim militärischen Abwehrdienst, durchaus linien- und staatstreu, aber immerhin ließ er ihr viel Freiheit und drückte öfter mal ein Auge zu. Zudem versuchte er seine Tochter mit Argumenten von der Überlegenheit des Sozialismus zu überzeugen. Als sie als Teenager begann aufsässig zu werden, reisten die Eltern mit ihr 1969 in die Sowjetunion, um ihr das sieg- und ruhmreiche Bruderland zu zeigen und sie so "sozialistisch zu festigen". Doch diese Exkursion ging nach hinten los - der reale Sozialismus zeigt sich nicht mit Glanz, sondern mit Elend. Zudem erfuhr Vera von den vielen Millionen Toten durch den Stalin-Terror - und stellte um so mehr kritische Fragen, unangenehm für ihre Eltern. Ursula und Franz Lengsfeld reagieren verlegen, schweigen oder leugnen. Debatte beendet.

Vera ahnt, unter welch großem Druck ihr Vater stehen muss - auch er muss die Widersprüche und Ungereimtheiten in der DDR einfach sehen, kann aber nicht aus seiner Funktionärs-Haut. Sie bemerkt, dass ihr Vater "viel und regelmäßig trinkt: jeden Abend Kognak, oft eine ganze Flasche, dazu reichlich Bier." Aber das ist kein Einzelfall, beobachtet sie: "Alle Stasileute, die ich kennengelernt habe, waren Alkoholiker. Anders war der Job wohl nicht auszuhalten."

Offiziell beim MdI, intern bei "der Firma"

Das Buch ist im Propyläen Verlag erschienen und kostet gebunden 19,99, als Taschenbuch 9,99 und als Kindle-Edition 16,99 Euro.
Das Buch ist im Propyläen Verlag erschienen und kostet gebunden 19,99, als Taschenbuch 9,99 und als Kindle-Edition 16,99 Euro.(Foto: Propyläen Verlag)

 Auch die Spitzel-Kinder stehen außerhalb der schützenden Hülle der Stasi-Wohnviertel unter Druck; in der Schulklasse fühlen sie sich als Außenseiter, müssen lügen, wenn es um den Beruf des Vaters geht. Intern, innerfamiliär oder im Freundeskreis ist der Sprachgebrauch: er arbeitet "bei der Firma". Auch Vera Lengsfeld wusste jahrelang nicht, dass ihr Vater bei der Stasi war - die offizielle Regelung lautete meist, etwa für die Berufs-Eintragung im Klassenbuch: "Mein Vater arbeitet beim MdI" (Ministerium des Inneren). So wie ihr wird es vielen Kindern ergangen sein: sie stößt einmal durch Zufall auf sein "Klapp-Fix" - seinen Stasi-Mitarbeiterausweis in einer zusammenklappbaren Lederhülle. "Für mich war die Stasi damals schon eine furchtbare Organisation, und dass mein Vater ihr angehörte, war ein Riesenschock für mich", sagt Vera Lengsfeld.

Eine ablehnende Haltung einzunehmen und gar zu zeigen, sich aufzulehnen, war sehr schwierig für Stasi-Kinder - absolut konformes Verhalten wurde verlangt. Denn wenn ihre Kinder sich "problematisch" verhielten, wurde das zum wirklichen Problem für die Eltern. Die eigene Karriere war in Gefahr, wenn ihre Kinder sich auflehnten, "Westkontakte" hatten oder dergleichen. Die eigene Linientreue wurde dann bezweifelt, die Beförderung fiel weg, die Degradierung folgte. Einziger Ausweg: Die Eltern mussten sich von ihren abweichlerischen Kindern distanzieren, sie gar denunzieren. Getreu Mielkes Losung: "Genossen, wir müssen alles wissen!" bespitzelten also Eltern ihre eigenen Kinder, um die eigene Karriere nicht zu gefährden. Oder der Kontakt wurde komplett abgebrochen, Hausverbote erteilt.

Die daraus erwachsenden Zerwürfnisse, das Misstrauen zwischen Eltern und Kindern halten zum Teil bis heute an. Jahrelanges Schweigen, abgebrochene Kontakte sind eher die Regel. Eine der - erstaunlichen - Ausnahmen in "Stasi-Kinder" ist die Geschichte von Thomas Tröbner, der wegen versuchter Republikflucht in der DDR mehrere Jahre im Gefängnis saß. Auch hier zuerst die totale Trennung, Schweigen, Hausverbot, Thomas' Existenz wird vom Vater gar geleugnet. So sagt er einmal zu seiner Mutter, Thomas' Großmutter: "Ab jetzt habt ihr nur noch zwei Enkel. Thomas existiert nicht mehr. Der ist gestrichen." Kaum vorstellbar, dass ein solcher Graben je überwunden werden kann - und doch: nach jahrelangem totalem Schweigen, noch Jahre nach dem Mauerfall, nähern sich Vater und Sohn wieder an. Anlass ist ein Herzinfarkt der Mutter. Mittlerweile leben Eltern und Sohn sogar unter einem Dach. Und es klappt gut mit dem Zusammenleben - ein versöhnliches Ende eines unlösbar scheinenden Konfliktes.

Blick hinter "Horch und Kuck"-Kulissen

Anhand von Geschichten wie diesen bringt die Autorin Ruth Hoffmann dem Leser die private Seite des Riesenapparats Staatssicherheit näher. Ergänzt werden die persönlichen Einblicke mit "Exkursen" - die Sachkapitel enthalten Zahlen und Fakten etwa zur Struktur, zum Personal, zu den Kosten, zu den Mitteln und Methoden des DDR-Geheimdienstes, der zum größten Teil der Überwachung der eigenen Bürger diente.

Hier erfährt man so schockierende Zahlen wie: auf 180 DDR-Bürger kam ein MfS-Mitarbeiter! Das ist einsame Ostblock-Spitze. Zum Vergleich: Beim sowjetischen Geheimdienst waren es "nur" 1:595. Und der Riesenapparat verursachte natürlich auch Riesenkosten - trotz desolater Haushaltslage betrugen sie im Jahr 1989 fast 4,2 Milliarden DDR-Mark. Aber diese Zahlen und Fakten kann man auch anderswo erfahren - was "Stasikinder" interessant macht, ist der Blick hinter die "Horch und Kuck"-Kulissen. Der Blick in das Leben von Menschen in einem System, das immer verkrusteter und verhärteter wurde, und den Auswirkungen auf die, die ihnen nahestanden - und somit auch darin gefangen waren.

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Quelle: n-tv.de

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