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Woodstock Langzeitwirkung eines Rockfestivals

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Blick auf die Besucher des legendären Rockfestivals in Bethel (August 1969).

(Foto: picture-alliance / dpa)

Es war in diesen Tagen vor 40 Jahren, da tobte in Südostasien ein Krieg, der auf beiden Seiten insgesamt drei Millionen Menschen das Leben kosten sollte. Auf einem Gelände in Bethel im US-Bundesstaat New York fanden sich vom 15. bis 17. August rund 400.000  Fans ein, die bei oft strömendem Regen der späteren „crème de la crème“ des Rock and Roll lauschten. Was heißt lauschten? Gierig/begierig hörten sie eine Musik, die ihre Ablehnung des Krieges und der „Rassen“trennung in elektronisch verstärkte Töne übersetzte. Beileibe nicht alle der „woodstockians“ waren überzeugte Anhänger der vietnamesischen FNL oder der Black Panther Party. Aber droben auf der Bühne standen zumeist Künstler, die aus ihrer Ablehnung des „schmutzigen Krieges“ und der „segregation“ keinen Hehl machten.

Wenn sich heuer eine Plattenfirma findet, die diesen musikgewordenen Protest noch einmal auflegt, darf man getrost davon ausgehen, dass der schnöde Mammon dabei eine nicht unerhebliche Rolle spielt.

"Don’t call me nigger, whitey"

Gleichwohl ist das Projekt viel mehr. Wenn Sly & The Family Stone brüllen, “Don’t call me nigger, whitey” und im selben Atemzug den “nigger” auffordern, das Wort “whitey” nicht in den Mund zu nehme, piekt die Soulband in eine Wunde, welche die US-amerikanische Gesellschaft - trotz Barack Obamas - bis ins Tiefste schmerzt. Man erinnere sich des Eiertanzes  des Präsidenten nach dem jüngsten Zwischenfall mit dem afroamerikanischen Harvard-Professor Henry Louis Gates, der sich in Cambridge/Massachusetts von einem  weißen Cop angegriffen fühlte, der in einer  Polizeiinitiative gegen Rassismus mitarbeitet. Welch bittere Ironie.

Als Woodstock über die Bühne ging, war die Tinte unter dem Civil Rights Act schon gut fünf Jahre trocken, das Gleichstellungsgesetzt aber bei Weitem noch nicht landesweit Praxis. Der Krieg der Vereinigten Staaten in Indochina tobte mit aller Gewalt. Da war das erste Festival dieser Art ein ungeliebtes, wenngleich geduldetes Ventil, das politische wie musikalische Zeichen setzte. Wenn man so will, hat Woodstock den „change" Obamas mit vorbereitet; musikalisch ging’s etwas schneller.

Sprungbrett Woodstock

Die hier dokumentierten Auftritte von fünf Bands oder Solisten bei insgesamt 32 belegen, dass sich die Leute auf der Bühne gegenseitig inspirierten, anfeuerten. Einer wollte besser sein als der andere. Für manche – wie Johnny Winter oder Santana - wurde Woodstock zum Sprungbrett, das sie ins große Geschäft katapultierte.

Spannend ist, dass das Festival vom Blues in seinen unterschiedlichen Spielarten beherrscht wurde. Wer sich das - zugegebenermaßen - stellenweise nur schwer erträgliche Geschrei einer Janis Joplin antut, begreift, wo die Wurzeln dieser Musik liegen. Blues war „race music“, „Rassenmusik“. Ein Begriff, mit dem schwarze Musik ins Ghetto verwiesen worden war. Es gehört zur komplizierten Dialektik der Rockgeschichte, dass es nicht US-Amerikaner waren, die den Blues wiederentdeckten, sondern Briten. John Mayall und seinen Adepten von den Rolling Stones, Animals, Pretty Things und Yardbirds gebührt das Verdienst, das auf dem Areal des Farmers Max Yasgur Töne erklangen, die von den großen Radiostationen kaum gespielt wurden.

Nie veröffentlichte Aufnahmen

Die vorliegenden Editionen enthalten, wie nicht anders zu erwarten, auch noch nie zuvor veröffentlichte Aufnahmen von den Konzerten. So gibt’s bei Santana die Woodstock-Version von „Evil Ways“, bei Johnny Winter sind es sieben Tracks, darunter eine bravouröse Fassung von Chuck Berrys Klassiker „Johnny B. Goode“. Im Falle von Jefferson Airplane sind’s fünf „unreleased tracks“. Das Gschmäkle der vorliegenden Editionen ist wieder einmal die herrliche, an längst vergangene Vinylzeiten erinnernde Aufmachung der CDs. Und die gleichzeitige Neuauflage der damals aktuellen Alben der Künstler. Das ermöglicht im Falle von Jefferson Airplane – zum Beispiel – den direkten Vergleich zwischen Studio- und Liveaufnahme. Das macht aus den Editionen bewegende Zeitdokumente. Wie unwichtig erscheint da die Nachricht, dass Britney Spears jüngst in Berlin playback „gesungen“ hat.

Janis Joplin: “I Got Dem Ol’ Kozmic Blues Again, Mama!”, „Recorded Live At The Woodstock Music & Art Fair, Sunday, August 17th, 1969, 2CD, RCA Legacy, Sony Music

Jefferson Airplane: „Volunteers“, „Recorded Live At The Woodstock Music & Art Fair, Sunday, August 17th, 1969, Part Two, 2CD, RCA Legacy, Sony Music

Johnny Winter: “Johnny Winter”, „Recorded Live At The Woodstock Music & Art Fair, Sunday, August 17th, 1969, 2CD, RCA Legacy, Sony Music

Santana: “Santana”, „Recorded Live At The Woodstock Music & Art Fair, Sunday, August 16th, 1969, Part Two, 2CD, RCA Legacy, Sony Music

Sly And The Family Stone: “Stand!”, „Recorded Live At The Woodstock Music & Art Fair, Sunday, August 17th, 1969, 2CD, RCA Legacy, Sony Music

Quelle: n-tv.de

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