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"Mathias Rust ist kein Spinner" Legendäre Landung auf dem Roten Platz

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Rusts Cessna auf dem Roten Platz.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Im Mai 1987 überwindet Mathias Rust mit einem Kleinflugzeug den scheinbar unüberwindbaren Schutzwall zwischen den Großmächten. Seine Landung auf dem Roten Platz im Moskau erregt weltweit Aufsehen. Eine Geschichte über den Aufstieg und Fall eines deutschen Helden, über Verschwörungstheorien und Hollywood-Klischees.

Er schreibt Autogramme auf den Tragflächen der Cessna. Eine Menschenmasse umringt den 18-Jährigen am Abend des 28. Mai 1987. Kurz vorher ist Mathias Rust mit einem Kleinflugzeug in Moskau gelandet. Unbemerkt von den vielen Radarstationen des hochgesicherten Landes, fliegt ein Jugendlicher hinein in das Machzentrum der östlichen Welt, den Kreml. Die Sowjetunion ist blamiert, im Ausland sind Hohn und Spott, genauso wie die Anerkennung für Rust groß.

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Beim Treffen mit Reagan gelang es Gorbatschow 1986 nicht, den US-Präsident von seinen Vorstellungen von Abrüstung zu überzeugen.

(Foto: Reuters)

Was genau ist da passiert vor 25 Jahren? Was bringt einen deutschen Jugendlichen dazu, so etwas zu tun? Rust kommt aus Hamburg-Wedel, die Banklehre bricht er ab, arbeitet stattdessen für einen Großversand. Mit dem Geld finanziert er sein größtes Hobby: das Fliegen. Ab 1985 nimmt er Flugstunden, ein Jahr später erwirbt er den Sportflugschein. Die zweite große Leidenschaft in seinem Leben ist die Politik. Der Ost-West-Konflikt interessiert ihn, sein Herz schlägt besonders für den neuen Superstar in der Weltpolitik: Michael Gorbatschow . Es ist die Mitte der 80er Jahre, Gorbatschow reformiert die Sowjetunion. Er schränkt die Produktion und Ausgabe von Wodka stark ein, kritisiert die verkrusteten Strukturen im Beamtenapparat, er will dem Land wieder Hoffnung und Zukunft geben, ein Leben jenseits des Wettrüstens.

Im Oktober 1986 verhandeln Gorbatschow und Ronald Reagan über Abrüstung. Doch der US-Präsident lässt den Russen abblitzen. Er besteht auf die Entwicklung der SDI, des geplanten Systems zur Abwehr von Kontinentalraketen. Gorbatschow kehrt ohne Erfolg in die Sowjetunion zurück. Rust ist besorgt um den Weltfrieden. Er glaubt zu wissen, dass Gorbatschow keine große Zukunft haben wird, wenn seine Abrüstungspolitik nicht schnell zu etwas führt. Dafür sind die konservativen Kräfte in Russland zu stark. Im Herbst 1986 beschließt er deshalb nach Moskau zu fliegen. Er will mit Gorbatschow reden, Völkerverständigung ist sein Anliegen.

"Der kleine Mathias aus Wedel hat so naiv gedacht"

Der deutsche Autor Ed Stuhler hat 25 Jahre später ein Buch über die spektakuläre Landung geschrieben. In "Der Kreml-Flieger" erzählt er die ganze Geschichte vor dem Flug und nach der Landung. "Die Weltmächte standen sich gegenüber. Die hatten Atomraketen aufeinandergerichtet. Rust war überzeugt, dass etwas getan werden musste, dass sich die bedrohliche Weltsituation entspannt", sagt Stuhler. "Der kleine Mathias aus Wedel hat so naiv gedacht, dass er in Moskau ankommt, Gorbatschow trifft und ihm sagt: 'Wir jungen Menschen  im Westen sind auch für Entspannung, wir wollen den Weltfrieden und Sie haben unsere volle Unterstützung'."

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Die Cessna landet direkt vor den Toren des Kreml.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Der Hamburger zieht es durch. Niemand weiß von seinem Plan. Am 13. Mai 1987 chartert er die Cessna 172 seines Flugvereins. Doch Rust will nicht direkt zum Ziel fliegen. Erst will er einige Testflüge machen, sich mental vorbereiten. Moskau soll erst die letzte Etappe seiner Reise sein. Der 18-Jährige fliegt über die Färöer Inseln nach Island und dann über Norwegen nach Helsinki. Überall bleibt er für einige Tage, sammelt Kraft für seine große Unternehmung. Am Mittag des 28. Mai bricht er schließlich auf ins knapp 1000 Kilometer entfernte Moskau.

Rust ist nervös, als er in den sowjetischen Luftraum eindringt. Er weiß, im schlimmsten Fall holen sie ihn vom Himmel, bevor er seine Friedensmission erklären kann. Doch auf dem Weg zu seinem Ziel trifft er nur ein Militärflugzeug. Das fliegt einmal um das offensichtlich harmlose und unbewaffnete Kleinflugzeug herum und verschwindet so schnell, wie es aufgetaucht ist. Keine Warnschüsse, kein Signal, das die Cessna und ihren Piloten von ihrem Weg abbringt.

Rust fliegt weiter, seinen späteren Angaben zufolge in normaler Flughöhe und demnach für jeden Radar deutlich sichtbar. Doch der Luftabwehr dieses Landes mit seinen 7000 Radargeräten, 1300 Abfangjägern und 10.000 Abfangraketen geht er entweder durch die Lappen oder man sieht keinen Grund, ihn aus der Luft zu holen. Rust hat Glück. Vier Jahre vorher schießt die russische Luftüberwachung über Sibirien noch einen verirrten asiatischen Jumbojet ab. 268 Passagiere sterben.

"Wie soll er hier landen?"

Gegen Abend erreicht er Moskau. Von Westen fliegt er in Richtung Stadtzentrum, sieht die bombastischen Wolkenkratzer, den Ostankino-Fernsehturm und den Triumph-Palast. Rust kommt sich ziemlich klein vor in seiner acht Meter langen Cessna. Doch der 18-Jährige ist schon viel zu weit, um umzukehren. Er entdeckt das Gebäude des Kreml, das Lenin-Mausoleum, die Basilius-Kathedrale: Sein Ziel ist nicht mehr weit.

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Das Kleinflugzeug, mit dem Rust nach Moskau fliegt, gehört dem Hamburger Aero Clubs.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Doch der Rote Platz wirkt aus der Luft plötzlich überhaupt nicht mehr so groß wie auf den Bildern, die Rust gesehen hat. Das liegt auch daran, dass er von Hunderten Menschen gefüllt ist. Wie soll er hier landen? Im Tiefflug kreist er ein paar Mal über dem Platz. In einem Interview mit der britischen Zeitung "Guardian" gibt Rust später sogar an, dass er überlegt habe, direkt im Kreml zu landen. Doch er will, dass die Öffentlichkeit von seiner Landung etwas mitbekommt, und nicht, dass der Geheimdienst ihn vorher schon verschwinden lässt. Er entdeckt eine südlich gelegene Brücke, wo er genug Platz zum Landen hat.

Kurze Zeit später bringt Rust die Cessna zwischen parkenden Autos zum Stehen und steigt aus dem Cockpit. Er hat sich extra einen roten Overall angezogen, die Farbe der Sowjetunion. Er ist dem Land ja wohlgesonnen, das will er auch zeigen. Und dann steht er da, schüchtern grinsend vor dem Kleinflugzeug, das die deutsche Fahne trägt. Es dauert nicht lange, da sind Rust und die Cessna schon von Menschen umringt. Sie machen Fotos, holen sich Autogramme von dem Kreml-Flieger und stellen neugierig Fragen. Er sei Deutscher und komme aus Hamburg, erzählt Rust, aber er sei in Helsinki losgeflogen. Fünf Stunden habe er gebraucht. Die Stimmung ist freundlich, fast ausgelassen. Von der Polizei ist lange keine Spur, erst nach etwa zwei Stunden kommen die Männer in Uniform, vertreiben die Schaulustigen und sperren den Bereich um das Flugzeug ab. Plötzlich steht der Junge aus Wedel wieder alleine da, die Polizei nimmt ihn mit. Die Cessna bleibt erst einmal zurück. Ein Jahr später verkauft der Hamburger Flugverein sie für 160.000 Mark – der Neupreis beträgt etwa die Hälfte – an eine Marketing-Firma. Heute steht das Flugzeug im Deutschen Technikmuseum.

Die Nachricht von dem 18-Jährigen, der mit einem Kleinflugzeug auf dem Roten Platz landet, geht um die Welt. Die Tagesschau strahlt ein Amateurvideo aus, das die Landung und die Minuten danach zeigt. Die Reaktionen auf Rusts Aktion pendeln zwischen Kritik und Anerkennung. "Was auf den jungen Piloten zukommt, ist sicherlich komplizierter als der Direktflug Helsinki-Moskau", sagt Moderatorin Ulrike Wolf in der Tagesschau. Doch dann ergänzt sie: "Ich sage es mal ganz vorsichtig: Ein Rest von Schmunzeln bleibt." Fassungslos sind Rusts Eltern. In einem ARD-Interview mit Gerd Ruge geben sie vor, nichts von den Plänen ihres Sohnes gewusst zu haben.

Das Jahr nach dem Flug

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Wegen Verstoßes gegen die Regeln der Luftfahrt ist Rust angeklagt.

(Foto: AP)

Sein Flug bringt Rust viel Ruhm ein, aber auch viel Ärger. Bis zum Urteilsspruch seines Prozesses kommt er in das Lefortowo-Gefängnis, im Osten der Stadt. Er wohnt in einem isolierten Trakt, in dem er und sein Zellennachbar die einzigen Gefangenen sind. Gegen ihn läuft ein Ermittlungsverfahren, wegen Verstoßes gegen die Regeln der Luftfahrt. Auch wenn er nichts Böses im Sinn hatte, ist er ohne Genehmigung in einen fremden Luftraum eingedrungen. Dafür droht eine Strafe zwischen einem und zehn Jahren Gefängnis. Viele Wochen wird Rust fast täglich verhört. Der Geheimdienst kann es kaum glauben, dass der junge Mann vor ihnen darauf beharrt, nicht zu dem Flug angestiftet worden zu sein. Der KGB wittert eine große Verschwörung des Westens. Ein Einzeltäter, und dazu noch einer der in Frieden kommt, das glauben sie lange nicht.

Der Höhepunkt des Kalten Krieges ist schon vorbei. Gorbatschow bewegt den Ost-West-Konflikt Schritt für Schritt in Richtung Entspannung. Der Westen setzt große Hoffnungen in den neuen Generalsekretär der KPdSU. Und obwohl Rust das nicht beabsichtigt, schadet seine Aktion Gorbatschow. Seine Autorität ist plötzlich in Frage gestellt. Der Flug durch den hochkontrollierten Luftraum hindurch, die mächtige Weltmacht Sowjetunion scheint plötzlich verletzbar. Das gibt vor allem Gorbatschows Gegnern recht, die die neue politische Richtung des Landes kritisch sehen. Deshalb kann der Staatschef Rust nicht am nächsten Tag nach Hause schicken. Er muss Härte zeigen.

Gorbatschow nutzt die Flug-Affäre aber auch für seine Zwecke, für die Perestroika. Schon kurz nach seiner Wahl zum neuen Generalsekretär initiiert er die Umstrukturierung des Landes. Dazu gehört die Reduzierung der Ausgaben für Rüstung und Militär. Mitte der 1980er gibt das Land immerhin ein Viertel seines Bruttoinlandsproduktes für das Wettrüsten aus. Gorbatschow will den Bereich radikal ausdünnen. Infolge der Flug-Affäre ersetzt er Verteidigungsminister und Chef der Luftverteidigung, über 2000 Offiziere entlässt er in den vorzeitigen Ruhestand. Unter Gorbatschows Kritikern entwickeln sich sogar Verschwörungstheorien. Demnach habe der Regierungschef den Flug nur inszeniert, um seine Reformen zu beschleunigen und die Ziele der Perestroika voranzutreiben.

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Das Flugzeug steht heute im Deutschen Technikmuseum in Berlin.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Rust wird im September 1987 wegen illegalem Grenzübertritt, Verletzung internationaler Flugvorschriften und Rowdytum zu vier Jahren Arbeitslager verurteilt. Doch der Kreml sorgt sich um seine Sicherheit. Man fürchtet, dass sich dort ehemalige Militärs an Rust rächen, die von Gorbatschows Entlassungswelle betroffen sind. Der Deutsche bleibt also in Lefortowo und muss nicht ins Lager. Zwei Stunden am Tag darf er seine zehn Quadratmeter große Zelle verlassen. Alle zwei Monate besuchen ihn seine Eltern. In Stuhlers Buch äußert sich Rust sehr positiv über die Haftbedingungen. Alle seien freundlich zu ihm gewesen, er sei gut behandelt worden und  habe viele Freunde gefunden, bis hin zum Gefängnisdirektor. "Für russische Knastverhältnisse hat sich da Ungewöhnliches abgespielt", sagt Stuhler.

Die Stimmung schlägt um

Nach 432 Tagen wird Rust Anfang August 1988 von Präsident Andrei Gromyko begnadigt und darf zurück nach Deutschland. Außenminister Hans-Dietrich Genscher lobt die "humanitäre Geste der sowjetischen Führung", mahnt aber, niemand solle sich durch diesen glücklichen Ausgang ermutigt sehen, ein ähnliches Abenteuer zu versuchen. Doch nach seiner Freilassung wird es erst richtig schwierig für Rust. Vor allem was seine Wahrnehmung in der deutschen Öffentlichkeit betrifft, wendet sich das Blatt.

Das Problem ist der Medienrummel. Seinen Eltern haben einen Exklusivvertrag mit dem "Stern" unterschrieben. Doch die Zeitschrift schreibt nicht besonders positiv über den inzwischen 20-Jährigen. Man prägt das Bild des verwirrten Anti-Helden. Andere Medien unterstellen ihm, er habe mit seiner Aktion nur reich werden wollen. Viele Menschen sind daraufhin enttäuscht von dem ruhigen und zurückhaltenden Kreml-Flieger. Die Stimmung schlägt um. Rust wird auf der Straße beschimpft, erhält sogar Morddrohungen.

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Rust in der Linienmaschine nach Deutschland: Kurz vorher war er begnadigt worden.

Buchautor Stuhler skizziert die Rolle der Medien sehr kritisch: "Für viele war er plötzlich ein Spinner, ein Würstchen. Es passt eben nur nicht in das Denkschema der meisten Menschen, dass jemand so etwas Ungewöhnliches macht. Dieses Bild ist eindeutig die Schuld der Medien." Rust sei eben nicht der Held gewesen, den viele Menschen sehen wollten. Der Widerspruch zwischen der Weltpresse, die ihn hochjubelte, und der bescheidenen Figur, die im August 1988 wieder in Deutschland aus der Linienmaschine steigt, ist für viele zu groß. Stuhler: "Das ist das Hollywoodklischee. Offensichtlich muss man aussehen wie Arnold Schwarzenegger, um als Held durchzugehen." Dass Rust sich noch dazu so positiv über die Menschen in Russland äußert, ist für sein Ansehen in Deutschland auch nicht gerade förderlich. "Das Bild von den Russen war noch sehr negativ.“

Stuhler bekennt hingegen große Sympathie für Rust. "Dieses ungeheure Engagement, dieses Schwärmerische und Naive – das berührt und fasziniert mich. Dass sich jemand so verpflichtet fühlt, sich für die Menschheit aufzuopfern." Er schätzt auch die Selbstironie, mit der der inzwischen 43-Jährige mittlerweile über seine Landung in Moskau spricht. Stuhler versteht nicht, warum es heute so ein negatives Bild von Rust gibt. "Er ist kein Spinner", sagt er.

"Er hat mit der Sache abgeschlossen"

Sein Buch ist das erste überhaupt über das Ereignis. "Das liegt wahrscheinlich auch an Rusts Negativ-Image, dass da bisher niemand Lust drauf hatte", sagt der Autor. Lange habe Rust auch selber ein Buch schreiben wollen, so hieß es in verschiedenen Interviews. Doch dazu kommt es nicht. Stuhler: "Bei dieser Geschichte ist es vielleicht auch besser, wenn jemand schreibt, der unbelastet ist und objektiv einordnen kann." Wenn Rust das selber gemacht hätte, wäre er angreifbarer gewesen. Als Betroffener sei man einer Sache oft zu nah.

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Schrieb das erste Buch über Mathias Rust: Autor Ed Stuhler.

(Foto: Ch. Links Verlag)

1989, ein Jahr nach Rusts Rückkehr nach Deutschland, er macht gerade seinen Zivildienst, gerät er noch einmal ins Rampenlicht. Mit einem Messer sticht er auf eine Krankenschwester ein. Angeblich soll sie sein Angebot abgelehnt haben, mit ihr auszugehen. Für Stuhler ist die Tat "unentschuldbar". Durch die Vorgeschichte sei sie aber zumindest erklärbar. "Ein Jahr Gefängnis in seinem Alter, das ist kein Zuckerschlecken", sagt er. "Dann kommt man zurück und wird so durch die Mangel gedreht." Ganz unten sei er gewesen, fix und fertig, das habe Rust ihm gesagt. Auch der Richter sieht eine Verbindung zu seiner Zeit in Moskau. Das Gericht verurteilt Rust zu zweieinhalb Jahren Gefängnis. Nach 15 Monaten kommt er frei.

Dann wird es ruhiger um den Kreml-Flieger. Er versucht sich einige Jahre später noch einmal mit politischem Engagement, will mit einem Think Tank zur Lösung des Nahostkonfliktes beitragen, aber die Sache scheitert. Heute lebt Rust in Hamburg, arbeitet als Finanzanalyst und will demnächst eine Yoga-Schule eröffnen. "Er hat mit der Sache abgeschlossen und ist mit sich im Reinen", sagt Stuhler. In der Öffentlichkeit werde Rust auch nicht mehr erkannt. Und das, was er damals gemacht hat, im Mai 1987, würde er heute nicht mehr tun.

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Quelle: n-tv.de