Bücher

Regina, der Holocaust und die Rückkehr nach Warschau "Polen ist ein einziger großer Friedhof"

Das Erbe_Seite_49.jpg

Für Regina ist der Besuch in Warschau eine Reise in die Kindheit, an Orte, an denen nun andere Menschen wohnen.

(Foto: Rutu Modan / Carlsen Verlag 2013)

Ein Erbe wartet in Warschau, denkt die Israelin Mika. Eine Fabrik, die die jüdische Familie im Zweiten Weltkrieg verlor. So hat es die Großmutter immer erzählt. Doch die reist aus anderen Gründen in die einstige Heimat: Sie erinnert sich an das Leben vor dem Holocaust.

Das Erbe Seite 221.jpg

Großmutter Regina und Enkelin Mika haben mehr Gemeinsamkeiten, als sie sich selbst eingestehen.

(Foto: Rutu Modan / Carlsen Verlag 2013)

Menschen wie Regina nennt man in Israel "glückliche Menschen". Denn sie ist dem Holocaust der Nationalsozialisten entkommen - noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs und dem deutschen Einmarsch in Polen ging sie von Warschau nach Palästina. Doch das Glück, das in dieser Bezeichnung mitschwingt, ist gar keines. Denn Regina ließ ihre Familie in Polen zurück, die in den Konzentrationslagern umkam. Sie verlor ihren gesamten Besitz und natürlich auch ihre Heimat, den Ort, an dem sie aufwuchs.

Regina ist die Hauptperson der Graphic Novel "Das Erbe" der Israelin Rutu Modan. Auch wenn Regina eine fiktive Person ist - die Figur hat einen historischen Hintergrund. "Beide Seiten meiner Familie stammen aus Warschau", erzählt Autorin Modan im Gespräch mit n-tv.de. "Meine Großeltern kamen aber bereits vor dem Zweiten Weltkrieg oder zu dessen Beginn nach Israel." Sie sind demnach auch "glückliche Menschen".

Erinnerung an die eigenen Großmütter

Das Erbe_Seite_159.jpg

Mika stolpert in Warschau in eine Deportation - es handelt sich um eine Spielszene für Touristen.

(Foto: Rutu Modan / Carlsen Verlag 2013)

Die Heimat der Großeltern, Polen, spielte in Modans Familie trotzdem nie eine große Rolle. Ihre Großmütter hätten nie über die Vergangenheit gesprochen, sagt Modan. "Sie sagten nur, dass Polen für sie ein einziger riesiger Friedhof wäre" - ein Zitat, das auch im Buch vorkommt. Selbst in den 90ern, als nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Israelis begannen, nach Polen zu reisen und die Orte ihrer Kindheit zu besuchen, hätten sie daran keinerlei Interesse gehabt. Erst Jahre später, als sich Modan für einen Blog der New York Times mit ihrer Familiengeschichte beschäftigte, kam die Erinnerung an ihre Großmütter zurück. "Ich versuchte, sie zu verstehen, denn beide waren eher schwierige Frauen, klug und stark, aber auch gereizt", sagt Modan.

Aus dieser Beschäftigung keimte die Idee für ein Buch - und für Regina. In "Das Erbe" kehrt die alte Frau erstmals in ihre Heimatstadt Warschau zurück, zusammen mit ihrer Enkelin Mika. Vordergründig will Regina Anspruch erheben auf das Haus ihrer Eltern. Auch Mika ist gespannt auf dieses Erbe, auf jene große Fabrik, von der die Großmutter immer erzählt hat. Doch schon bald merkt sie, dass ihre Großmutter etwas verbirgt. Regina wirkt gereizt und hat gar kein Interesse mehr, das Erbe einzufordern. Schnell wird klar, dass beide Generationen Warschau mit ganz verschiedenen Augen sehen.

Im Buch nehmen diese verschiedenen Formen der Erinnerungskultur großen Raum ein. Regina erlebt die Stadt mit nostalgischen Gefühlen an ihre Kindheit und Jugend. Das kennt Modan aus eigener Erfahrung. "In meiner Familie galt Polen als schrecklicher Ort, an dem man als Kind eine tolle Zeit hatte. Es wurde gleichzeitig romantisiert und dämonisiert." Die Romantisierung gilt aber auch für andere Israelis, die sich an ihre Kindheit erinnern. "Viele denken, ihre Familien seien reich und berühmt gewesen", erklärt Modan. "Sie denken, dass es noch einen Schatz in Polen gibt, den man finden muss."

Das Erbe_Seite_56.jpg

Regina erinnert sich auch an die Unbeschwertheit ihrer Jugend und an die erste große Liebe.

(Foto: Rutu Modan / Carlsen Verlag 2013)

Daneben steht Mika als Vertreterin einer neuen Generation, die Polen nicht so stark verbunden ist. Trotzdem reist fast jedes israelische Schulkind mit der Klasse in das Land, um Konzentrationslager und Gedenkorte zu besuchen. Auch dies wird im Buch thematisiert. Wobei Modan diesen Reisen zwiespältig gegenübersteht. "Bevor ich das Buch schrieb, war ich absolut gegen sie und ich wollte es meiner Tochter verbieten." Doch als sie am Buch arbeitete und mit Menschen sprach, die jene Touren organisieren, wandelte sich ihr Blick, sie entwickelte Verständnis. Denn als Modan Schülerin war, gab es noch mehr Überlebende, die Erinnerung an den Holocaust war Teil des Alltags. "Vielleicht brauchen jüngere Menschen diese Reisen, weil die persönliche Verbindung zum Holocaust fehlt."

Deportationen werden nachgespielt

Das Erbe.jpg

"Das Erbe" ist bei Carlsen erschienen, 224 Seiten im Hardcover, 24,90 € (D).

Doch so ernst dieses Thema auch ist, Modans Buch fehlt es nicht an Witz und subtilem Humor. In einer bizarren Szene trifft Mika auf eine Schauspielgruppe, die mit Touristen die Deportationen der Juden nachspielt - auch dies ist eine Form der Erinnerungskultur. "Diese Spielszenen gibt es wirklich", erzählt Modan. "Ich hielt das für urkomisch und furchtbar zugleich. Ich kritisiere es zwar, finde es aber auch bewegend." Sie sieht es als Versuch, die Vergangenheit wach zu halten. "Ich denke, es ist wichtig, sich zu erinnern. Ich finde es sehr traurig, wenn alte Menschen sterben und niemand erinnert sich an sie. Das ist für mich ein großes Thema." Nicht umsonst ist es Tomasz, der im Buch zwischen Regina und Mika, zwischen den verschiedenen Generationen vermittelt. Der junge Pole bietet Führungen durch das jüdische Warschau an. Er versteht Reginas eher nostalgischen Blick auf die Vergangenheit und spricht Polnisch mit ihr. Für Mika steht er aber auch für das junge Polen, für ihre eigene Generation - und er weckt ihre Gefühle.

Und das Erbe, die Wohnung? Auch das spielt natürlich noch eine Rolle. Wobei Modan auch die Angst der Polen aufgreift, aus den Wohnungen vertrieben zu werden, die einst Juden gehörten. Überhaupt stieß sie bei den Recherchen auf die komplizierte Dreiecksbeziehung zwischen Isarelis, Polen und Deutschen. Eine Polin erzählte ihr, dass einige Polen gleichzeitig Angst vor Juden und Deutschen hätten, da beide ihr einstiges Eigentum zurückfordern könnten - eine Gleichstellung mit Deutschen, die für Israelis allerdings eine äußerst ungewöhnliche Situation ist. Eine deutsche Freundin wiederum erzählte, dass ihre Familie im Zweiten Weltkrieg aus Polen vertrieben wurde, sie aber nicht darüber sprechen könne, weil ja die Deutschen an allem schuld seien.

Und Modan geht noch weiter, sie sieht auch einen Zusammenhang zur Gründung des Staates Israel: "Überlebende aus Europa kamen nach Israel und vertrieben die Palästinenser aus ihren Häusern." In Israel sei dieser Zusammenhang aber kein Thema, sagt Modan. "Ich stoße oft auf Menschen, die denken, wenn man selbst Opfer ist, kann man anderen kein Leid zufügen. Aber das stimmt nicht. Man kann gleichzeitig Opfer und Unterdrücker sein. Ich denke, es ist wichtig, sich das bewusst zu machen, diese Komplexität zu ertragen."

So komplex, so verwinkelt das Thema des Comics ist, so klar sind Modans Zeichnungen. Wobei sie, wie schon in ihrem früheren Buch "Blutspuren", ein sehr aufwendiges Verfahren anwandte. Sie schrieb zunächst ein Drehbuch und ein Storyboard, das sie dann mit Schauspielern durchspielte. Bei diesen Inszenierungen machte sie Fotos, die als Vorlagen für den Comic dienten. Dadurch wirken die Figuren sehr lebendig. "Es hilft der Geschichte, wenn jeder Charakter eine eigene Körpersprache und Mimik hat", sagt auch Modan. "Wie er sich bewegt, sagt etwas über den Charakter aus." Und Profis könnten dies nun mal am Besten. Aber auch die Mimik der Figuren gewinnt durch das Verfahren, sie ist äußerst vielseitig und spiegelt die komplizierte Gefühlswelt der beiden Protagonistinnen.

Zeichnungen und Inhalt verschmelzen so zu einer überzeugenden Einheit: Nicht alles wird ausgesprochen, nicht alles ist konkret gezeichnet, aber vieles wird angedeutet. Aus den unterschiedlichen Sichtweisen der verschiedenen Generationen, aus den verschiedenen Erinnerungskulturen ergibt sich kein eindeutiges Bild. Stattdessen entspinnt sich eine spannende Geschichte, die den Leser unweigerlich in Reginas Erinnerungen hineinzieht und noch einige Überraschungen bereithält. Denn schnell wird klar, dass Regina auch nach Warschau gekommen ist, um einen Menschen wiederzusehen, der auch Mika interessieren wird. So finden die beiden Generationen, die so unterschiedliche Erwartungen und Erfahrungen haben, doch noch einen gemeinsamen Bezugspunkt.

"Das Erbe" bei Amazon bestellen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema