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"Natürlich geht es mir auch oft Kacke" Samuel Kochs zweites Leben

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Koch ist vom Hals abwärts gelähmt.

(Foto: dpa)

Samuel Koch ist der Mann, der live im Fernsehen querschnittsgelähmt wurde. Er kann selbstständig atmen, aber sonst nicht mehr viel. Er ist ständig auf fremde Hilfe angewiesen und bezeichnet sich selbst als "Mensch-Maschine-Hybrid". Trotz aller Rückschläge: Koch ist keiner, der so schnell die Hoffnung aufgibt.

Samuel Koch ist 24 Jahre alt und sein Leben teilt sich schon jetzt in zwei. Es gibt die Zeit vor dem und die Zeit danach, die gerade erst so richtig begonnen hat. In der Zeit davor war Samuel Koch ein Sportler, lebensgierig, belastbar, voller Pläne. Jetzt gibt es kaum jemanden, der ihn nicht kennt. Aber Koch ist inzwischen schwerbehindert, sitzt im Rollstuhl und wird wohl nie wieder laufen können. Mehr noch, alle Zukunftspläne, die er bisher gemacht hat, sind obsolet geworden. Koch wird weder Stuntman noch Turnmeister werden, ob er als Schauspieler arbeiten kann, darf zumindest bezweifelt werden.

Als Koch sein Buch "Zwei Leben" in Berlin vorstellt, ist von diesem Wissen etwas zu spüren. Der Raum ist voll, Thomas Gottschalk ist als Gast dabei. Dann kommt Koch, rollt als "Mensch-Maschine-Hybrid", wie er seinen Transport im elektrischen Rollstuhl beschreibt, aufs Podium und sitzt minutenlang im Blitzlichtgewitter. Gottschalk betont, er wolle sich nicht zum Sympathietransfer neben Koch drängen und stellt sich dann als Schutzpatron Koch zur Seite.

Antworten und Mut machen

In seinem Buch erzählt Koch, dass er sich vor der Entscheidung dafür schon gefragt habe, warum er es schreiben solle. Er sei ja nicht mehr als ein junger Typ, der "noch nichts erreicht hat, außer den Tiefpunkt seines Lebens". Aber dann erzählt er seine Geschichte, auch um all die Fragen zu beantworten, die Menschen ihm während der Zeit im Krankenhaus und in der Reha und bis heute stellen. "Weil ich ohnehin nicht den Kugelschreiber in die Hand hätte nehmen und zurückschreiben können."  Mit dem Buch wolle er sich dann auch wieder in sein privates Leben zurückziehen.

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Sein Buch ist beim Adeo-Verlag erschienen und kostet 17,99 Euro.

Schon bei Kochs ersten Worten wird deutlich, dass da einer spricht, der es sich nicht leicht macht mit seinen Antworten. Er habe das Buch auch als Mutmacher geschrieben für andere, die Schicksalsschläge erlitten haben, weil es sich lohne, am Leben festzuhalten, auch wenn Perspektiven und Wünsche zerstört wurden. Koch, der Tetraplegiker, ist durch seinen Unfall Mitglied einer neuen Community geworden und verweist auch im Buch immer wieder auf die Schicksale anderer Querschnittsgelähmter, denen weit weniger Aufmerksamkeit zuteil wird als ihm. Das nehme dem, was ihm widerfahren ist, etwas von der Sinnlosigkeit.

Koch ist kein selbstmitleidiger Typ, aber er ist auch nicht immer nur kraftvoll und guter Dinge: "Natürlich geht es mir auch oft Kacke." Er macht den Ärzten keine Vorwürfe, er übernimmt die Verantwortung für seine "Wetten, dass …?-Idee und den damit verbundenen Wunsch, dabei Geld zu verdienen. Als Gottschalk ihn nach seiner Botschaft fragt, sagt er nur trocken: "Die steht in dem Buch … und Weltfrieden". Es ist wahrscheinlich diese Mischung aus Witz, Klugheit und einer gewissen Formulierungsstärke, die Koch zu einem besonderen Menschen und sein Buch durchaus lesenswert machen.

Auf ins zweite Leben

Vorläufig ist Koch noch ein Medienphänomen, der Mann, der live im Fernsehen querschnittsgelähmt wurde. In seinem Buch bemüht sich Samuel Koch aber auch, die Deutungshoheit über sein Leben wiederzubekommen. Er zeigt Kinderbilder von sich, erzählt von seiner Familie, der Berufssuche und den Jugendsünden. Er spricht über seinen Glauben, aber er macht kein Ding daraus. In diesen Momenten ist Koch schon beinahe schmerzhaft authentisch und aufrichtig: "Ich meinte zu spüren, wie sich der Staub im Raum auf mir ablegte, und ich konnte nichts dagegen tun." So fühlt es sich also an, querschnittsgelähmt zu sein.

Samuel Koch war in seinem ersten Leben ein lebenshungriger junger Mann, das ist er geblieben. Er wollte im Fernsehen ein Kunststück vorführen, das er gut konnte, und es ist schiefgegangen. Doch Koch findet es noch immer richtig, Risiken einzugehen. Seit Kurzem lebt er wieder in seiner eigenen Wohnung, von Pflegern betreut. Er, auch wenn seine Hände noch immer "wie abgestorbene Tintenfischtentakeln" herunterhängen. Er hofft mit aller Kraft, dass sich sein Zustand bessert. Das alles kann man auch aus "Zwei Leben" herauslesen, wenn Gottschalk weg ist und Koch versucht, sein zweites Leben zu leben.

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Quelle: ntv.de

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