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Bücher über Liebe, Suche, Erfolg Was wir lesen - und Obama auch

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Lesen geht gut, auch wenn die Sonne nicht scheint.

(Foto: imago/Westend61)

Ein herrliches Leseangebot tröstet uns gerade über dieses kühle Frühjahr hinweg. Was wir uns und Ihnen ausgesucht haben, fesselt gerade auch berühmte Leser, von der Schauspielerin Sarah Jessica Parker bis hin zum Ex-Präsidenten der USA.

Wahre Liebe reicht nicht

"Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage." Am Anfang stellt sich Paul, der Erzähler im neuen Roman von Julian Barnes, diese Frage nicht. Mit neunzehn ist er stolz darauf, dass seine Liebe zu einer verheirateten, fast 30 Jahre älteren Frau so anders ist, als alles, was seine Freunde erleben oder sich seine Eltern wünschen. Doch seine Liebe zu Susan, die er in den 60er-Jahren in dem Tennisclub eines konservativen Londoner Vororts kennenlernt, hat dennoch nichts von dem, was man sich bei dieser Konstellation vorstellt: "Sie denken womöglich: Französische Romane, eine ältere Frau, die den jüngeren Mann in 'die Kunst der Liebe' einführt, oh là là. Aber unsere Beziehung war keine Spur französisch und wir auch nicht. Wir waren englisch."

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Die einzige Geschichte: Roman
EUR 22,00
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Paul und Susan werden über ein Jahrzehnt zusammenbleiben und der junge Mann wird die Erfahrung machen, dass sich auch wahre Liebe in Mitleid und Zorn verwandeln kann. Und Abscheu. Abscheu vor sich selber, vor seiner Überforderung. Als er beginnt aufzugeben, als er versteht, dass seine große Liebe, die einzige Geschichte, die am Ende seines Lebens erzählenswert sein wird, ihm mehr abverlangt, als er geben kann, ist er 30 Jahre alt. Er wird eine schwer Versehrte zurücklassen. Doch ist er weniger versehrt?

"Die einzige Geschichte" kommt am Anfang wie eine konventionelle Erzählung daher. Junge trifft Frau, sie verlieben sich und Familie und Gesellschaft lehnen das ungleiche Paar ab. Doch mit der wahren Prüfung für Paul und Susan rückt Man-Booker-Prize-Träger Julian Barnes erst im zweiten Teil des Buches heraus und trifft den Leser damit unvorbereitet. Eine ausführliche Reflexion über die Liebe, von der man sich alleine noch mehr Einblicke in das Innenleben der weiblichen Romanfigur gewünscht hätte. (sla)

Im Namen des Vaters

"Ich halte große Stücke auf dich, mein Sohn, das weißt du. Aber ich muss dir sagen, Kiddo, ein Maler bist du nicht, und du wirst auch nie einer werden." So lange hat Pinch darauf gewartet, dass sein geliebter und bewunderter Vater sich endlich sein Werk anschaut, um dann dieses Urteil zu kassieren. Doch wie könnte er die Meinung von Bear Bavinsky, diesem wahnsinnig wichtigen und begabten Maler, anzweifeln? Der 16-Jährige verbrennt seine Bilder, seine Malutensilien, alles. Dass seine Mutter Natalie ihm großes Talent bescheinigt, zählt nicht. Nicht aus dem Mund dieser Künstlerin ohne Anerkennung. Diesem Schatten der einstigen Mrs. Bavinsky, die für andere Frauen und andere Kinder, 16 an der Zahl, verlassen wurde und daran zugrunde geht.

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Die Gesichter: Roman
EUR 21,98
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Pinch richtet sich im Schatten der Kunstwelt ein, versucht zunächst den Vater mit einer Biografie über dessen Künstlerleben zu beeindrucken, wird dann Kunsthistoriker, schließlich Italienisch-Lehrer. Doch am Ende dieses kleinen, unbedeutenden Lebens wird Pinch seine beiden Sehnsüchte - ein Maler zu sein und die Kunst seines Vaters noch größer zu machen - ausleben. Und den Kunstmarkt dabei grandios vorführen. Nur seine späte Liebe, sein bester Freund und der Leser werden genug wissen, um entscheiden zu können, wer von den beiden, Vater oder Sohn, am Ende der größere Künstler war.

Was treibt charismatische, egomanische Künstler, die ihr Leben und ihren Ruhm auf dem Ruin der ihnen nahestehenden Menschen aufbauen, wirklich an? Dieser Frage wollte der britische Autor Tom Rachman in seinem Roman "Die Gesichter" nachgehen. Und trifft damit einen Nerv: In seinem Bear Bavinsky erkennen Leser und Kritik einen Jackson Pollock oder einen Pablo Picasso wieder, diese großen Nachkriegsmaler, diese egozentrischen Giganten der Kunst. Rachman, dessen erster Roman "Die Unperfekten" gleich ein Bestseller wurde, hatte jedoch keinen davon speziell im Sinn: "Mich faszinierte schon immer die dunkle, intrigante Seite dieser künstlerischen Menschen. Das wollte ich beleuchten." Dennoch hat er nicht den Künstler in den Mittelpunkt seines Romans gestellt, sondern dem Leser mit Charles "Pinch" Bavinsky eine Hauptfigur geschenkt, mit der man bei jeder Zurückweisung, jeder Enttäuschung mitleidet. Und der sinnbildlich für alle Kinder, Ehefrauen und Geliebten steht, die zugunsten von Genies im Schatten bleiben. (sla)

Reizvolle Lücken

2017 fand der Roman "Acht Berge" von Paolo Cognetti große Resonanz bei der Leserschaft. Wie gut, dass der Italiener bereits 2012 seinen ersten Roman veröffentlicht hatte, der nun flink ins Deutsche übersetzt werden konnte. Auch in "Sofia trägt immer Schwarz" schlägt Cognetti seinen aus dem Alpen-Roman bekannten gelassenen, unsentimentalen Ton an und geht feinfühlig mit seinen Figuren um. Doch dass die Lektüre zu einer besonderen Entdeckungsreise wird, liegt vor allem an der ungewöhnlichen Dramaturgie des Buches.

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Sofia trägt immer Schwarz: Roman
EUR 18,00
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Der Roman setzt sich aus zehn Geschichten zusammen, in denen Cognetti über 30 Jahre lang den Spuren von Sofia Muratore folgt, ihrer Sehnsucht nach Freiheit und Glück. Dabei geht er nicht chronologisch vor, sondern beschreibt einzelne Begegnungen und Episoden. Nach und nach ergibt sich so ein immer mehr verfeinertes Bild von Sofia, die in einer Neubausiedlung im Speckgürtel von Mailand aufwächst, Piratengeschichten liebt, die Dauerehekrise ihrer Eltern hasst, sich mit zehn aus Protest gegen die Erstkommunion die Haare abrasiert und später nach Rom und New York geht, um Schauspielerin zu werden.

Immer wieder taucht sie plötzlich im Leben anderer Menschen auf, ist aber genauso schnell wieder verschwunden. In jeder Geschichte kann Cognetti also eine neue Perspektive wählen, um Sofia und den für sie wichtigen Menschen weitere Aspekt hinzuzufügen. Mal lernen die Leserinnen und Leser die Tante kennen, die Sofia nach einem Selbstmordversuch bei sich aufnimmt, mal die Nachbarn, die miterleben, wie die Mutter in einer Verzweiflungstat den Keller des Hauses unter Wasser setzt. Jede Geschichte funktioniert dabei als in sich geschlossener Kosmos. In der Summe aber ergeben sie ein Gesamtbild, das trotzdem ein paar Lücken aufweist - eine weitere Besonderheit, die den Reiz dieses Romans ausmacht. (kse)

Spielball der Geschichte und Familie

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Ein einfaches Leben: Roman
EUR 24,00
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Ein Mann aus Osaka, elegant gekleidet in einem hellen Anzug nach westlicher Art, vertreibt die japanischen Jungen, die Sunja auf dem Markt belästigt haben. Hansu und Sunja werden erst Freunde, dann mehr. Als sie schwanger wird, ist die 16-Jährige sich sicher, dass ihr Liebster sie heiraten wird. Doch der mehr als doppelt so alte, wohlhabende Mann hat bereits in Japan Frau und Kinder. Der kleinen Koreanerin hatte er die Rolle der ständigen Geliebten zugedacht. Sunja stößt ihn von sich und nimmt den Antrag eines Logiergastes ihrer Mutter an. Doch der junge Pastor wird sie ausgerechnet nach Osaka bringen und Hansu ist weitaus mächtiger, als sie ahnte.

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Beim Spiel an einem Pachinko, den in Japan beliebten Glückspielautomaten, müssen die Spieler mit Faktoren rechnen, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen - wie im richtigen Leben. Wohl auch deshalb hat die in Südkorea geborene Autorin Min Jin Lee ihr Buch im Original "Pachinko" genannt - ein weitaus passenderer Titel, als die deutsche Übersetzung "Ein einfaches Leben". Denn zum einen werden ihre Romanfiguren, die sie von 1933 bis 1989 begleitet, zum Spielball der Geschichte. Zum anderen werden bis heute in Japan die Pachinko-Hallen zu 70 Prozent von Koreanern betrieben - kein besonders anerkanntes Gewerbe. Auch Sunja und ihre Söhne werden als koreanische Einwanderer in Japan lebenslang um Anerkennung kämpfen und von der verlorenen Heimat träumen. Doch die nach dem Zweiten Weltkrieg durchgeführte Teilung in Nord- und Südkorea wird eine Rückkehr unmöglich machen. Und immer wieder werden sie von Hansu, der als mächtiger, krimineller Yakuza-Chef zu unermesslichem Reichtum gekommen ist, Hilfe annehmen müssen. Zu einem hohen Preis.

Die - zumindest in westlicher Literatur - selten aus koreanischer Sicht erzählte Geschichte über die Suche nach Identität und Erfolg hat nicht nur die amerikanischen Bestsellerlisten erobert, sondern auch einen ganz besonderen Leser: In seinen regelmäßigen Buchempfehlungen hebt der ehemalige US-Präsident Barack Obama bei Facebook den starken Roman über Widerstandskraft und Mitgefühl heraus. Er wird sicherlich nicht der letzte beeindruckte Leser bleiben. Denn Min Jin Lees Romanfiguren sind so lebendig, dass man ihnen gerne über mehr als 500 Seiten und 50 Jahren folgt. (sla)

Der verlorene Bruder der Braut

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Worauf wir hoffen: Roman
EUR 24,00
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Ihre Hochzeit soll das neue Leben feiern, auf das sie sich einlässt, und zugleich den Abschied von ihrem alten Leben im Elternhaus markieren. Und ihr Bruder Amar wird tatsächlich dabei sein. Es spielt keine Rolle, dass es zwischen ihnen nicht mehr so ist wie früher. Bis zum letzten Moment hatte Hadia nicht erwartet, dass Amar tatsächlich kommen würde und er wirkt immer noch so schmal und durchscheinend, als könnte er jederzeit verschwinden.

Hadia will ihren verlorenen Bruder nach dessen jahrelanger Abwesenheit zurück in den Schoß der Familie ziehen. Doch wird es ihr gelingen? Mit dem Hochzeitstag als Ausgangspunkt für viele Rückblenden erzählt Autorin Fatima Farheen Mirza in "Worauf wir hoffen" die Geschichte einer strenggläubigen indisch-muslimischen Familie, die ihren Platz in den USA sucht. Mit einem Sohn, der der Erwartung, der Stolz der Familie sein zu müssen, nicht stand hält, und einer Tochter, die hart dafür arbeitet, genau diesen Platz zu erobern - und sei es, indem sie ihren Bruder anschwärzt. Hat sie am Ende die Abwärtsspirale aus kleinen Betrügereien in der Schule, ersten Zigaretten, Alkohol und Schlimmeren ausgelöst? Und wann genau ist es zur Umkehr zu spät?

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Acht Jahre lang arbeitete die erst 28-jährige Fatima Farheen Mizra an ihrem Romandebüt. Auslöser war eine Szene, die sie bei einer Hochzeit beobachtete. Als das Familienfoto gemacht werden sollte, war der älteste Sohn Amar verschwunden. Was war seine Geschichte? Wie ist die Dynamik dieser Familie? Diese Frage beschäftigte Mirza so, dass sie anfing, die Geschichte einer solchen Familie niederzuschreiben. Mit Erfolg. Das Buch der 1991 in Kalifornien geborenen Autorin wurde in den USA von niemand anders als der Schauspielerin Sarah Jessica Parker verlegt. Mit der schwierigen Identitätssuche junger Muslime in Zeiten nach 9/11 und den ganz normalen Verführungen modernen Lebens, die traditionell-religiösen Vorstellungen zuwiderlaufen, trifft Mizra einen Nerv. Nicht nur in den USA. (sla)

Quelle: n-tv.de