Essen und Trinken

Die helvetische Krankheit Es war einmal und ist nicht mehr

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So eine Wärmflasche hilft gegen kalte Füße und Herzschmerz.

Es war dieses Lied, das die Erinnerungen brachte, bitter-süß wie Campari. Oder wie das Leben. Herzschmerz nach der vermasselten ersten Liebe. Blaue Flecken vom Rodeln, nasse Füße und rote Wangen. Und Omas Suppe zum Aufwärmen.

Draußen ist es kalt und im Fernseher sickert "Wetten, dass…" vor sich hin. Nichts ist spektakulär an diesem Samstagabend, nicht im TV-Gerät und nicht davor. Mit der linken Hand kraule ich Katze Hanni, mit der rechten kritzle ich Notizen auf ein Blatt Papier: In ein paar Tagen kommen Gäste von weit her und ich denke unangestrengt über ein festliches Menü nach. Auf einmal weckt mich Musik aus meinem gemütlichen Vor-mich-hinträumen und bewegt mich, doch mal den Blick aufs Fernsehgerät zu richten: "Über sieben Brücken musst du gehen…". Peter Maffay und Hans Sigl.

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Ach, das waren damals noch richtige Winter!

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Erstaunlicherweise kann der Bergdoktor ganz gut singen, was mich dennoch nicht daran hindert, den Fernseher auszuschalten und im Plattenschrank zu kramen. Denn da gab es ja wohl vor Maffay "Karat" mit diesen sieben Brücken und auch bei mir eine schwarze Scheibe mit Songs der legendären DDR-Band. Nach einer gefühlten Ewigkeit und mit schmerzendem Rücken hatte ich sie gefunden. Und gleich noch die Beatles, die Stones und die Puhdys. An diesem Abend entstand kein Menüplan mehr – ich schwelgte mit ollen Platten und einem feinen Rosé stundenlang in Erinnerungen an Kindheit und Jugend: an unseren großen Garten hinter dem Haus, die Raufereien mit Holger von nebenan, die verrückte "Todesbahn" auf dem Rodelberg, an Schulhofdummheiten und den Schiss vor Mathe und Chemie, an die erste große Liebe, die ich vergeigt habe.

Wohl niemand ist ohne nostalgische Gefühle, warum auch. Es wäre schade um unsere Erinnerungen, egal ob sie uns gute oder schlechte Ereignisse wieder ins Gedächtnis rufen. Es ist auch normal, wenn die guten Erlebnisse besser haften bleiben und die weniger guten verdrängt werden. Die vermasselte große Liebe tut dann nicht mehr so weh.

Natürlich war früher nicht alles besser, aber aus der zeitlichen (oder auch örtlichen) Entfernung betrachtet irgendwie rosiger. Manchmal kommt dann dieses Sehnen: Ach, könnte es doch noch mal so sein. Kann aber nicht, und das ist auch gut so. Denn selbst die "große Liebe" wäre heute möglicherweise enttäuschend klein. Kann sein, kann aber auch nicht sein – und dann hat man dieses leichte Ziehen in der Brust und bekommt feuchte Augen. Das nennt man dann Nostalgie, das geht aber vorüber.

Nostalgie ist keine Krankheit

Zum Glück ist Nostalgie keine Krankheit, allerdings war das nicht immer so. Als erster befasste sich wohl der Schweizer Arzt Johannes Hofer mit diesem schwer zu fassenden Phänomen. Hofer beschrieb 1688 Symptome einer (wie er meinte) Nervenkrankheit, die er "Nolstalgia" nannte, womit aber eigentlich das Heimweh Schweizer Soldaten gemeint war, die in der Fremde Dienst taten. In seiner Dissertation "Medica de Nostalgia oder Heimwehe" schrieb Hofer: "Der deutsche Name zeigt den Schmerz an, den die Kranken deshalb empfinden, weil sie sich nicht in ihrem Vaterlande befinden, oder es niemals wieder zu sehen befürchten. Daher haben denn auch die Franzosen, wegen der in Frankreich davon befallenen Schweizer, die Krankheit maladie du pays genannt: da sie keinen Namen in Latein hat, so habe ich sie nostalgia, von nostos, die Rückkehr ins Vaterland, und algos, Schmerz oder Betrübnis, genannt."

Hofer nannte Weinkrämpfe, Schlaf- und Appetitlosigkeit sowie unregelmäßigen Herzschlag als Symptome dieser Krankheit, die sogar tödlich enden könne und die nur Schweizer befalle. Über die Ursachen rätselte er: "Ich weiß nicht, ob ich es dem Mangel der zum Frühstück gewöhnlichen Suppe oder der schönen Milch oder der Sehnsucht nach der vaterländischen Freiheit zuschreiben soll." Der Arzt wusste allerdings Rat und empfahl zwecks Linderung und Heilung Abführ- und Brechmittel, großzügige Aderlässe, Quecksilber und Wein. Da lag ich mit meinem Rosé ja richtig!

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Ist Heimweh heute unzeitgemäß?

(Foto: imago stock&people)

Die Schweizer Ärzte Theodor Zwinger und Johann Jakob Scheuchzer setzten die Studien Hofers zur "Nostalgia" fort und veröffentlichten 1710 beziehungsweise 1718 Schriften dazu. Die "Schweizerkrankheit" brach demzufolge vor allem aus, wenn die helvetischen Soldaten in der Fremde sich mit heimatlichen Jodlereien die Zeit vertrieben. Stimmten sie den Kuhreigen (auch Kuhreihen genannt) an, wie man ihn in der Schweiz auf jeder Alm fürs Vieh sang, erkrankten sie "ohne Halten" an Heimweh oder desertierten, weshalb der Jodel unter Androhung "ernstlicher Strafen" verboten wurde. Selbst den Kühen wurde Nostalgie angedichtet. So schrie der Arzt Johann Gottfried Ebel, dass helvetische Kühe an Heimweh erkranken, wenn sie in der Fremde den Kuhreigen hören: "Sie werfen augenblicklich den Schwanz krumm in die Höhe, zerbrechen alle Zäune und sind wild und rasend."

Scheuchzer gab im Gegensatz zu Hofer nicht den Nerven die Schuld an dem Leiden, sondern dem Luftdruck. Der sei in flachen Ländern höher als in den Alpen und behindere deshalb die Blutzirkulation der Schweizer, die "den obersten Gipfel von Europa" bewohnten. Linderung bringe das Verbringen des Kranken an einen höher gelegenen Ort, Heilung nur die Rückkehr in die Heimat. Mediziner späterer Jahrhunderte rückten von der Nostalgie als Flachland-Krankheit schweizerischer Söldner ab, werteten sie aber weiterhin als etwas Negatives. Sie galt als eine Erscheinung der "Melancholie", mit der bis weit ins 20. Jahrhundert viele Formen von Depression erklärt wurden.

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Ein heißes Süppchen wärmt Leib und Seele.

Die Wahrnehmung der potenziell tödlichen Krankheit, die junge Schweizer Söldner hinwegraffte, hat sich längst gewandelt zu einer vernachlässigbaren Befindlichkeitsstörung, die keiner Therapie bedarf, zu einem durchaus positiven Gefühl, das ein bisschen traurig, aber gleichzeitig ein bisschen stark macht. Und natürlich nicht nur Eidgenossen heimsucht. Mich erinnerte mein nostalgischer Plattenabend in ferngeheizter Wohnung im kalten Berliner Winter auch an die bullernde "Kochmaschine" in der großen Küche, auf der Oma immer eine Suppe oder Brühe bereit hielt, wenn ich durchgefroren vom Rodeln nach Hause kam. "Das Kind muss sofort in die Wanne", hieß es immer. Dann gab’s was Warmes zu löffeln. Ich habe die Suppen meiner Oma Ida geliebt, und viele koche ich heute noch nach ihren Rezepten. Manche habe ich "modernisiert" oder verfeinert, so dass sie durchaus ein festliches Mahl einleiten können:

Würzige Pilz-Consommé

Zutaten (6 Pers):

400 g braune oder helle Champignons
4 Rindsknochen
1 Zwiebel
1-2 Möhren
1-2 Petersilienwurzeln
2 Knoblauchzehen
1 Bund glatte Petersilie
1 Eiweiß
1 TL Tomatenmark
200 ml trockener Rotwein
Butter, Weinbrand, Salz, Pfefferkörner

Zubereitung:

Pilze putzen, 6 schöne Champignons beiseitelegen. Die anderen Pilze klein hacken. Das ist bei der Menge recht mühsam, man kann auch den Blitzhacker benutzen. Möhren, Knoblauchzehen und Petersilienwurzeln putzen und in Scheiben schneiden, die Blattpetersilie fein hacken, die Zwiebel pellen und würfeln.

Das Eiweiß halb steif schlagen, das Tomatenmark unterziehen und mit den gehackten Pilzen und der Petersilie vermengen. Die Masse in einen großen Topf geben und mit 1,5 l kaltem Wasser und dem Rotwein aufgießen. Die gesäuberten Rindsknochen, Wurzelwerk, Zwiebeln, Knoblauch und Pfefferkörner dazugeben, aufkochen und auf recht kleiner Flamme 1 Stunde köcheln lassen – ohne darin herumzurühren. Dann die Knochen herausnehmen, die Brühe durch ein feines Sieb geben und mit Salz abschmecken. Die dickliche Masse aus Pilzen, Eiweiß und Gemüse nur gut ablaufen lassen, nicht ausdrücken. Wer die Brühe ganz klar haben will, sollte sie zusätzlich durch ein Tuch seihen, um wirklich alle Schwebteilchen zu entfernen. So erhält man eine edle und zugleich würzige Kraftbrühe.

Die zurückgelegten Champignons in dünne Scheiben schneiden und in etwas Butter dünsten. Vor dem Servieren jede Portion Brühe mit 1 EL Weinbrand verfeinern und die Champignonscheiben als Einlage hinzugeben. Mit ein wenig gehackter Petersilie oder ein paar Kressestängelchen bestreuen.

Reste dieser Kraftbrühe lassen sich gut einfrieren oder am nächsten Tag, wenn die Gäste weg sind, als leichtes Abendbrot mit einer Scheibe Toast genießen. Wer mehr Kraft braucht, lässt zusätzlich 1 Eigelb in die Tasse mit der heißen Brühe gleiten. Verwendet man braune Champignons, wird die Brühe ziemlich dunkel, aber würziger. Weiße Pilze ergeben eine hellere Consommé.

Viel Erfolg und gute Erinnerungen wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de