Essen und Trinken

Die schönsten Berge der Welt (3) Hedwigs Affäre, ein Bär und ein Riese

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Wenigstens ein Mal im Leben sollte man die Dolomiten gesehen haben, die weißen Berge Südtirols.

(Foto: Leitlhof)

Seltsames begegnet dem Gast in der Hochpustertal-Gemeinde Innichen. Kirchen mit Krippe gibt es ja überall, hier aber eine mit Rippe. Etwaige Meckerköppe werden durch konspirative Streicheleinheiten sanftmütig wie Bambi, und red-nosed Rentier Rudolph grüßt auch im Sommer.

So eine Nacht im Zirbenbett soll ja Wunder bewirken, das behaupten jedenfalls die Bewohner der Alpenregion schon seit Jahrhunderten. Was die Leute im "G'spür" haben, belegen Studien. Österreichische Gesundheitsforscher in der Steiermark haben herausgefunden, dass die spezifischen Inhaltsstoffe des Zirbenholzes zu einer schonenden Herzfrequenz  führen. Dadurch ist der Organismus im Schnitt um 3500 Herzschläge pro Tag weniger belastet. So lässt sich in einem Zirbenbett immerhin eine Stunde Herzarbeit einsparen. Die kann man später als Wanderer hoch droben auf dem Berg gut gebrauchen.

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Die Königin der Alpen in natura. Man begegnet ihr aber auch im Bett und im Schnapsglas.

(Foto: Hubertus cc by-sa 3.0)

Ich lerne im Hochpustertal eine Menge über die Zirbe, die ich als Zirbelkiefer kenne, allerdings bloß theoretisch, denn sie wächst nur in den Hochalpen und in den Karpaten. Der älteste in Südtirol lebende Baum ist Berechnungen zufolge 1018 Jahre alt und steht etwas weiter weg im Sarntal. Wegen ihrer Anpassungsfähigkeit an das raue Klima (sie erträgt Temperaturen bis -40°C) und der wohltuenden Wirkung auf den Menschen wird die Zirbe auch die "Königin der Alpen" genannt. Apropos Wirkung: Die erste hatte ich am vergangenen Abend in der "Jora"-Hütte bei Markus Holzer, als am Ende eines opulenten Gourmetabends Markus' Mutter Rosmarie ihren Zirbenschnaps kredenzte, der mit Hilfe der Zirbenzapfen entsteht. Lecker!

Dem Holz wiederum entströmt ein würziger Duft, der jahrelang erhalten bleibt und im Haus für ein Wohlfühlklima sorgt: Der Mensch ist weniger wetterfühlig, ist ausgeruht und erholt. Was für den Menschen gut ist, erweist sich allerdings als Mottenschreck, denn die Kleiderschädlinge finden das Aroma weniger gut. Erwiesen ist auch die antibakterielle Wirkung von Zirbenholz. In feuchter Umgebung wird das Wachstum von Bakterien gehemmt, was wiederum die Schimmelpilzbildung verhindert und gut ist für Bäder und Saunen.

Das physiologische Geheimnis der Zirben heißt Pinosylvin. Das Enzym soll regelrecht harmonisierend wirken und hat offenbar größere Auswirkungen auf unser wertes Befinden. Vielleicht werden deshalb auch heute noch Gaststuben und Almhütten gern mit Zirbenholz verkleidet: Der aromatische Duft steigt heimlich dem Gast in die Nase und macht ihn sozialer, geselliger, kontaktfreudiger - und senkt die Aggressivität! Angesichts dieser konspirativen Streicheleinheiten dürfte die Zahl von Zechprellern und Wirtshausrandalierern in Südtirol eigentlich gegen Null sinken, denn hier weisen die meisten Hotels und Hütten eine aromatische Zirbenduftnote auf, wie hier in meinem "Leitlhof"-Domizil in Innichen. Derart harmonisiert und geschützt vor Mottenfraß und Schimmel beginnt für mich ein neuer Tag im Hochpustertal.

Nach Höhensonne und viel Natur der vergangenen Tage ist Städtchenbummel angesagt. Innichen hat knapp 3200 Einwohner, liegt in der Mitte des Hochpustertals und ist eine der ältesten Marktgemeinden Südtirols. Die Drau, ein Nebenfluss der Donau, entspringt hier in der Gegend des Haunolds und schlängelt sich durch Tal und Innichen. Kelten, Römer, Slawen, Bajuwaren - alle waren schon da, haben hier gesiedelt und mit ihren Waffen gerasselt. Der Ort überlebte alles, auch mehrere Großbrände und die Pest.

Kirche mit Rippe 

Die eigentliche Gründung Innichens geht auf  Baiernherzog Tassilo III. zurück. Als der Tassilo mitsamt Gefolge anno dunnemals so durch das Pustertal ritt, baten ihn die einheimischen Bauern um Unterstützung gegen die unterdrückerischen Hunnen. Der Herzog hatte eh nichts weiter zu tun, also ging’s gegen die Hunnen. Deren Fürst war aber auch kein Weichei, und so gewann geraume Zeit lang keiner der beiden Kontrahenten. Da sich bereits damals schon Gerüchte wahnsinnig schnell verbreiteten, wusste Tassilo von der Existenz eines Riesen in der Gegend und bat ihn um Hilfe. Der Riese Haunold war der Sohn eines römischen Feldhauptmanns, der von den Hunnen getötet worden war. Klein-Haunolds Amme war mit dem Baby in die Berge an eine geheimnisvolle Quelle geflüchtet. Durch die wundertätige Kraft dieses Wassers wuchs der Bub zu einem Riesen heran. Beim Kampf an der Drau besiegte Haunold den Hunnenfürsten. Herzog Tassilo gründete zum Dank ein Kloster, an dessen Bau Haunold fleißig mithalf, dafür aber täglich ein Kalb, drei Scheffel Bohnen und ein Fass Wein verschlang. Den Innichern wurde das wohl mit der Zeit zu teuer und Haunold zog sich eingeschnappt in die Berge zurück. Im Berg Haunold schläft er nun und wartet auf bessere Zeiten. Soweit die Sage, jedenfalls eine der Varianten davon.

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In der Innicher Stiftskirche (r) ist die Riesen-Rippe zu sehen.

(Foto: Leitlhof)

Noch heute hängt in Innichen in der Stiftskirche über dem Hauptportal eine überdimensionale Rippe - es soll eine des besiegten Hunnenfürsten sein, die der Haunold ihm beim Kampf herausgerissen hatte. Die Kirche wurde im 12./13. Jahrhundert an jener Stelle erbaut, wo im 8. Jahrhundert Tassilos Kloster "Zum Heiligen Candidus" errichtet worden war; sie gilt als der schönste romanische Sakralbau im Ostalpenraum. Wessen Rippe nun wirklich an die Kirchenwand genagelt ist, weiß niemand so genau, der Knochen könnte von einem Wollnashorn, einem Wal oder einem Dinosaurier stammen. Behauptet wird auch, sie sei ein "Mitbringsel" eines Jerusalempilgers. Historisch verbrieft sind zumindest der Zug Tassilos III. durch das Pustertal und der Bau des Klosters: Der Baiernherzog schenkte 769 dem Abt Atto von Scharnitz einen Landstrich, verbunden mit der Auflage, ein Benediktinerkloster zur Missionierung der heidnischen Slawen zu gründen. Dort entstand das heutige Innichen (italienisch San Candido). Eigentlich könnte der Haunold längst wieder zum Vorschein kommen, denn knausrig sind die Innicher nun wahrlich nicht, sondern sehr gastfreundlich! Und sollte jemand beim Wandern auf dem Berg die Quelle Admirabus finden: Einfach kosten und warten, ob der Bizeps wächst.

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Zauberhaft auch im Winter: Innichen im Hochpustertal.

(Foto: Leitlhof)

Nachdem König Albrecht I. der Hofmark Innichen das Marktrecht verliehen hatte, begann der Aufschwung, der trotz etlicher Abschwünge bis heute anhält. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war der Ort wegen seiner Heilquellen vor allem beim Adel sehr beliebt; Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Josef zählten zu den Gästen. Bedingt durch den Ersten Weltkrieg verfielen die Kuranlagen. Heute ist Innichen einer der beliebtesten Urlaubsorte im Hochpustertal - und das Quellwasser gibt es als "Kaiserwasser" in Flaschen.

Hut ab vor Hedwig Hellenstainer

Genauso geschichtsträchtig wie der Ort ist Innichens ältester Gasthof. Das Hotel "Grauer Bär" (italienisch "Orso Grigio"), liegt direkt in der Altstadt neben der barocken Pfarrkirche zum Hl. Michael. Bis ins 15. Jahrhundert hinein sind die Bären-Eigentümer nicht bekannt, erstmals in den örtlichen Annalen ist Conrad Maus 1462 als Wirt verzeichnet. Nach einigen Verkäufen, der Pest und dem Dreißigjährigen Krieg geht am 3. Januar 1745 der Gasthof an Andrä Kopfsgueter. Seither ist der "Graue Bär" im Besitz derselben Familie und wird jetzt in neunter Generation von Franz Ladinser geführt, der überaus charmant aus dem Nähkästchen plaudert.

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"Grauer Bär"-Chef Franz Ladinser erzählt seine Familiengeschichte.

(Foto: Grauer Bär)

Was heute durchaus vorkommt, aber immer noch Seltenheitswert hat und argwöhnisch (oder neidisch?) betrachtet wird, ist Anfang des 20. Jahrhunderts schlichtweg skandalös: die Liaison einer Frau mit einem wesentlich jüngeren Mann. Hedwig Hellenstainer (1871-1939), die während des Ersten Weltkriegs in ihrem Hotel ein Lazarett für das österreichisch-ungarische Heer einrichtet, ist eine mutige Frau. Für ihre Sorge um die verwundeten Österreicher bekommt sie vom Kaiser die silberne Verdienstmedaille, liebt aber einen Italiener! Und Alfredo aus Neapel ist auch noch 26 Jahre jünger - das in jenen Zeiten und in einem Dorf in Südtirol! Eine Heirat ist natürlich ausgeschlossen, und so endet der "unsittliche" Zustand. Hedwig bleibt ledig und kinderlos. Um ihren Besitz aber in der Familie weitergeben zu können, trifft sie eine mutige wie gleichermaßen seltsame Entscheidung: Zwei Jahre nach dem Liebes-Aus reaktiviert Hedwig ihren italienischen Liebhaber Alfredo Benincasa (1897-1971), adoptiert ihn und arrangiert seine Heirat mit Flora Hellenstainer, ihrer um viele Jahre jüngeren Cousine. Aus der Ehe von Alfredo und Flora gehen zehn Kinder hervor, die älteste Tochter wird Hedwig genannt, ist über viele Jahre Bärenwirtin mit Leidenschaft - und die Mutter von Franz Ladinser, dem heutigen Eigentümer.

"Nun ist die Geschichte zu Ende", sagt Franz und führt weltmännisch durch sein elegantes Haus, ein Hotel der Extraklasse mit Spitzenküche. Überall ist die Liebe zum Detail spürbar, die 28 Zimmer sind alle unterschiedlich in Größe und Einrichtung. Von der Sonnenterrasse aus hat man einen schönen Blick auf die verkehrsfreie historische Ortsmitte von Innichen, in der es sich nach Herzenslust flanieren und shoppen lässt. Ringsum sind die bizarren Dolomitenstöcke zu sehen.

Familienland und Kletterparadies

Innichen liegt im familienfreundlichen Naturpark "Drei  Zinnen" der Dolomiten, die seit 2009 Unesco-Weltnaturerbe sind. Die Marktgemeinde erstreckt sich von 1.113 bis 3.145 Meter hoch und umfasst die Ortschaften Innichen Dorf, Vierschach und Winnebach. Ziel ist es, den Gästen sowohl im Sommer wie im Winter viele Freizeitmöglichkeiten zu bieten, dabei aber den Tourismus sanft zu betreiben und weiterzuentwickeln.

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Mitten im Skigebiet und direkt am Sessellift zum Haunold liegt die "Jora"-Hütte.

(Foto: Armin Huber)

Der Wintersportfan findet bestens präparierte Skipisten und Rodelbahnen; 95 Prozent der Pisten sind mit 205 Schneekanonen beschneibar. Ende November 2014 wird eine neue Bergbahn eröffnet, die die Skigebiete an Helm und Rotwand miteinander verbindet. Einen Monat später wird mit der Inbetriebnahme eines neuen Bahnhofs in Vierschach-Helm eine noch größere Skidimension möglich: Durch den Bau rücken die beiden Pustertaler Skigebiete "Kronplatz", am Scheitelpunkt zwischen Zillertaler Alpen und Dolomiten gelegen, und "Sextner Dolomiten" näher zusammen. Innerhalb von nur 30 Minuten können Skifahrer mit der neuen Zugverbindung "Ski Pustertal Express" zwischen beiden Gebieten pendeln, ohne die Bretter abzuschnallen, und mehr als 200 Pistenkilometer erleben. Sportlerherz, was willst du mehr?! Auf Langläufer warten rund 200 Loipenkilometer, während sich Winterwanderer auf herrlich verschneiten 70 km Wanderwegen entspannen können. Als unterhaltsamen Familien-Spaß gibt es zutrauliche Rentiere; "Rudolph" und sein Gefolge an der Bergstation Rotwand warten auch im Sommer auf Streicheleinheiten.

Sommer und Herbst sind die besten Jahreszeiten zum Wandern und Radfahren. Ob es eine gemütliche Familienwanderung, eine anspruchsvolle Bergtour, Genuss-Radeln oder Mountainbiking ist, das bleibt jedem selbst überlassen. Ein Highlight ist der in Innichen startende Südtiroler Abschnitt des Jakobsweges "Tirol". Wer im Sommer das Rodeln nicht lassen kann, vergnügt sich am Haunold auf der Fun-Bob-Bahn und saust zehn Meter in der Sekunde zwei Kilometer weit talwärts. Mutige und Trainierte können sich bei Bergführer und Kletterprofi Hans Kammerlander anmelden.

Egal, wo man ist und womit man unterwegs ist - die traumhafte Natur begleitet jede Sekunde. Und wenn's mal schrill pfeift, ist das nicht die Polizei, sondern gewiss ein Murmeltier. Bei "Watter" (Wetter) lässt es sich in unzähligen Hütten, Hotels, Cafés, Restaurants und Bauernhöfen fein essen und trinken. Zum Abschied ein drittes Rezept aus dem Kochbuch "Pasta on the rocks" von Markus Holzer aus der "Jora-Hütte":

Vollkorn-Nudeln mit Bolognesesauce

Zutaten (4 Pers):

Vollkorn-Bandnudeln
250 g Weizenvollkornmehl
200 g helles Weizenmehl
50 g Hartweizengrieß
4 Eier + Wasser (230 g Flüssigkeit)

Bolognese
450 g gemischtes Faschiertes (Hackfleisch) vom Schwein, Kalb und Rind
150 g Wurzelgemüse, in kleinen Würfeln oder faschiert (Zwiebel, Karotte, Lauch, Stangensellerie)
1 zerdrückte Knoblauchzehe
200 ml Weißwein
Samenöl zum Anbraten
500 g geschälte, gewürfelte Tomaten (auch aus der Dose)
2 EL Olivenöl zum Binden
Basilikum, Majoran, Rosmarin, Salbei, Salz, Pfeffer

Fertigstellung
50 g Butter
frisch geriebener Parmesan

Zubereitung (normal):

Aus den Zutaten kneten wir einen Teig und wickeln ihn für 10 Minuten in Klarsichtfolie ein. Dann verarbeiten wir ihn zu 15 cm langen und 2 cm breiten Bandnudeln.

In einem Topf das Öl erhitzen, das Gemüse kurz darin anschwitzen. Das Fleisch dazugeben und ordentlich anbraten. Sobald sich am Boden ein schöner Satz gebildet hat, den Knoblauch dazugeben, mit dem Weißwein löschen und den Satz vom Boden lösen. Nun geben wir die Tomaten und das Olivenöl dazu, reduzieren die Hitze und lassen die Sauce etwa 20 - 30 Minuten köcheln. Ich empfehle dabei ständiges Umrühren und einen Deckel (Brand- und Spritzschutz). Zum Schluss die gehackten Kräuter dazugeben, mit Salz und Pfeffer würzen.

Wir rühren die kalte Butter in das kochende Ragout ein und schwenken die bissfest gekochte Pasta darin. Sollte die Sauce etwas zu dick sein, verlängern wir sie mit ein wenig Nudel-Kochwasser oder Fleischsuppe (Brühe). Anrichten und nach Belieben mit Parmesan bestreuen.

Viel Spaß und einen schönen Urlaub wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Teil 1: Oachale, Plintschlauch und glückliche Kühe

Teil 2: Brandblasen, Enzian und kein Terence Hill

Quelle: ntv.de