Essen und Trinken

Guck mal, was da wuchert! Wildes Leben macht einfach Spaß

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Dieser Bartwuchs aus der Schweiz wuchert recht markant.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Sie wuchern ungestüm wie Unkraut oder bleiben spärlich gesät wie Lottogewinne, machen sexy oder wütend (Damenbart!). Es gibt den Vollbart und den Milchbart, wobei letzterer kein Bart im eigentlichen Sinne ist. Bei manchem Anblick denkt man eher an Unkraut-Ex oder Mamas Lockenwickler als ans Testostoron im Männerkörper.

Brennnessel, Sauerampfer, Löwenzahn, Taubnessel, Spitzwegerich, Schafgarbe, Brunnenkresse, Sauerklee, Giersch … und noch ein paar mehr. Die sind noch nicht da. Das, was ich so heftig im Garten als "Unkraut” bekämpfe, ist schon da, wie ich beim ersten "Entwintern” am vergangenen Wochenende sehen konnte: Vogelmiere! Vielleicht sollte ich das Unkraut doch lieber aufessen anstatt es auszurupfen? Vernichten durch Verschlucken? Soll ich so weit gehen in meiner Wildkräuterliebe?

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Erinnert irgendwie ein wenig an wildwuchernde Männerbärte: Vogelmiere im Garten.

Vielleicht hilft ja, wenn man die zum Teil abwertenden Namen für den unscheinbaren Winzling ersetzt durch den wohlklingenden lateinischen Begriff. Hört sich doch gleich viel besser an: "Salat aus Stellaria media" oder "Schaumsüppchen Stellaria media”. Wer will schon Hühnerabbiss, Hühnerdarm, Mäusedarm, Kanarienvögelkraut, Vögelichrut oder bestenfalls Vogelmiere auf dem Teller haben? Das sind jedenfalls einige der volkstümlichen Bezeichnungen für Stellaria media. Unschwer zu erkennen ist, dass das Kraut zumindest bei Vögeln sehr beliebt ist. Vielleicht sind die Hühner meiner Schwägerin in der Uckermark ja klüger als ich? Die schlagen sich nämlich immer um die Vogelmiere, und die ist ratz-batz weg. Das sollte mir dann doch zu denken geben, dass Huhn Erna die Vitamine und Mineralien in der Vogelmiere zu schätzen weiß - und ich nicht! Vielleicht hat Erna Schuppenflechte, dagegen soll Vogelmiere ja auch helfen.

Gegen jedes Leiden ein Kräutlein

Schon in der Volksmedizin der vergangenen Jahrhunderte bedienten sich die Menschen bei vielerlei Zipperlein aus der "Apotheke Gottes". So ging die sogenannte Signaturlehre, die im 16./17. Jahrhundert das medizinische Denken dominierte, von der Volksmedizin aus.

Sie verglich Formen, Farben und Gerüche der Blätter, Stängel, Wurzeln, Früchte und Samen mit den Erscheinungsformen einer Krankheit oder eines Körperteils oder -organs: Das Leberblümchen mit seinen leberähnlichen Blättern wurde bei Lebererkrankungen eingesetzt, das Lungenkraut, dessen gefleckte Blätter Ähnlichkeit mit dem menschlichen Lungengewebe haben, bei Lungenbeschwerden. Gelbe Blumen wie der Löwenzahn wurden bei Gallenleiden eingesetzt. Stechende Pflanzen mit Dornen oder Stacheln setzte man dementsprechend ein: Silberdistel gegen Seitenstechen, Brennnessel gegen Gicht und Rheuma. Beißender Geruch sollte die Beschwerden "wegbeißen", deshalb diente Zwiebelsaft als Hustenlöser und eine aufgeschnittene Zwiebel gegen Insektenstiche.

Glaube versetzt Berge

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So ein Drei-Tage-Bart hat was ...

(Foto: Thomas Christes / pixelio.de)

Meerrettich, auf einen schmerzenden Zahn gelegt, sollte diese Plage beseitigen. Waschungen mit einer Essenz aus der beißenden Wurzel sollte Sommersprossen "vernichten". Bei so viel Meerrettich auf der Erde sollte es doch nun gar keine Menschen mit Sommersprossen mehr geben - oder? Das wäre aber schade, und so können wir von Glück reden, dass nicht alles so eintritt, wie im "Beipackzettel" der Naturheilkräuter versprochen wird.

Wenn‘s nur ein bisschen hilft, ist‘s ja auch schon gut. Denn der Hauptbestandteil jedes guten Placeboeffekts ist der Glaube.

Nicht unterkriegen lassen!

Was nun die Vogelmiere betrifft weiß ich nicht, welche Formen oder Farben die Heilkundigen so im Auge hatten. Vielleicht sind es ja die unzähligen winzigen, weißen Blüten, die wie kleine Sterne aussehen - und unsere Augen nach dem Verzehr von Vogelmiere wie Sterne leuchten lassen. Denn Vogelmiere soll neue Lebenskraft verleihen, weil sie gegen vielerlei Mangelerscheinungen hilft - auch gegen die Frühjahrsmüdigkeit. Sie wirkt harntreibend und regt den Stoffwechsel an, so dass man sie auch bei Schlankheitskuren und gegen Stoffwechselerkrankungen wie beispielsweise Rheuma und Gicht essen kann.

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Aus der Nähe betrachtet ist die unscheinbare Vogelmiere eigentlich hübsch anzusehen.

(Foto: Wikipedia/André Karwath)

Vielleicht ist es aber auch die Eigenschaft der Vogelmiere, sich nicht unterkriegen zu lassen. Das Besondere an der Vogelmiere ist, dass sie sich selbst von Frosttemperaturen nicht abschrecken lässt. Sogar bei geringen Minusgraden keimt und treibt sie unter Schnee und bedeckt dann frisch umgegrabene Beete und Felder, wenn der Schnee weggetaut ist. Daher kann man die Vogelmiere teilweise auch im Winter frisch ernten.

Auf Grund seines milden Geschmacks, der dem Sauerampfer ähnelt, ist das Kraut in Suppen, als Gemüse und auch als Salat verwendbar. Sammeln sollten Sie allerdings nicht an Straßenrändern und abseits von "Hundestrecken", lieber im eigenen Garten oder in dem des Nachbars (der freut sich vielleicht, wenn er vom "Unkraut" befreit wird). Im Handel habe ich Vogelmiere noch nicht gesehen. Samen kann man über den Versandhandel beziehen und dann selbst im Balkonkasten aussähen. Probieren wir doch mal eine  "Legierte Wildkräutersuppe Stellaria media":

Zutaten (4 Personen):

3 Handvoll Vogelmiere
1 kleine Zwiebel
½ Zehe Knoblauch oder 3 Bärlauchblätter
½ Bd Petersilie
2 EL Butter
1 knapper EL Mehl
1 l Gemüse- oder klare Geflügel- oder Rinderbrühe
125 g Sauerrahm
1 Eigelb
Salz, frisch gemahlener schwarzer Pfeffer

Zubereitung:

Alle Kräuter, Knoblauch und Zwiebel säubern und hacken. Darauf achten, dass die Vogelmiere wirklich sehr zerkleinert ist (ich nehme eine Schere dazu), weil die Stängel im Innern einen zähen Faden haben. Der wickelt sich später gerne um den Pürierstab.

Die Butter in einem Topf erhitzen und darin Zwiebel und Knoblauch anschwitzen, nicht bräunen. Verwenden Sie Bärlauch, dann nur die Zwiebel anschwitzen. Nun die fein gehackten Kräuter dazugeben, etwas Mehl darüber stäuben, vermengen und alles nochmals kurz durchschwitzen. Mit der Brühe aufgießen, aufkochen und 3 Minuten köcheln lassen. Alles mit dem Pürierstab pürieren. Vom Herd nehmen und kurz abkühlen lassen.

Das Eigelb mit dem Sauerrahm verrühren und mit dem Mixstab aufschlagen. Mit dieser cremigen Masse die etwas abgekühlte Brühe legieren. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

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Ich glaube, da ist mir Wildwuchs im Garten doch lieber.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Viel Spaß beim Sammeln und Kochen wünscht Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de