Kino

I'm a loser, baby Die Coens blicken "Inside Llewyn Davis"

InsideLlewynDavis_001.jpg

Reise in die Vergangenheit: Oscar Isaac als Folkmusiker Llewyn Davis.

(Foto: Studiocanal GmbH)

Von "Fargo" bis "The Big Lebowski" - Filme der Coen-Brüder sind stets absolut kultverdächtig. Auch ihr neuestes Werk? Darin nehmen uns Joel und Ethan Coen mit auf eine musikalische Reise in das New York von 1961.

Was wäre gewesen, wenn Britney Spears, Robbie Williams oder Katy Perry es nie geschafft hätten? Wenn es keinen "Disney Club" gegeben, niemand eine Boy-Group gecastet oder zumindest keine Plattenfirma sich irgendwann doch noch erbarmt hätte? Der Grat zwischen Erfolg und Misserfolg, zwischen Hopp und Top, zwischen Entdeckung und Versenkung ist - zumal im Showgeschäft - schmal. Im Hier und Jetzt, da mehr denn je Vermarktungsstrategien das oberste Primat zu sein scheinen, das über Wohl und Wehe von Popkünstlern entscheidet, ist das allgegenwärtig. Doch war in der guten alten Zeit, als Musik noch scheinbar ehrlich vornehmlich in verrauchten Hinterzimmern von Hand gemacht wurde, wirklich alles besser? 

Joel und Ethan und Coen, die die Welt eigentlich nur als die legendären Coen-Brüder kennt, reisen mit uns in "Inside Llewyn Davis" etwas mehr als 50 Jahre zurück in die Vergangenheit. In eine Zeit, in der die beiden 1954 (Joel) beziehungsweise 1957 (Ethan) geborenen Filmemacher selbst noch kleine Steppkes waren. Ziel der Reise ist das New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village im Jahre 1961, als es sich gerade zur Hochburg der aufstrebenden Folkmusik-Szene mauserte. Kein Geringerer als Bob Dylan sollte später zum Aushängeschild dieser Szene werden. Doch für ihn interessieren sich die Coens in ihrem Streifen nicht. Das Augenmerk gilt stattdessen einem gewissen Llewyn Davis.

Auch Davis (Oscar Isaac) ist Musiker. Gleich zu Beginn des Films entführt er uns mit Gitarre und sonorem Gesang in ebenjene längst vergessen geglaubte Liveclub-Atmosphäre, die romantisch verklärt ebenso heimelig wie mit unverstelltem Blick frustrierend anmutet. Dass es in seinem Leben weit weniger friedensbewegt zugeht als in vielen Songs der Ära, wird bereits klar, als Davis außerhalb des Clubs erst einmal eins übergebraten bekommt. Warum? Das erfährt man zum Schluss des Streifens.

Milieu-Studie im Retro-Rausch

Doch auch sonst ist das Dasein des Tagträumers alles andere als ein Zuckerschlecken. Mit "Couchsurfing" hält sich der notorisch pleite Davis über Wasser. Seine mit Musikkollege Jim (Justin Timberlake) verheiratete Freundin Jean Berkey (Carrey Mulligan) offenbart ihm, dass sie schwanger ist - womöglich Ergebnis eines im Nachhinein von ihr verfluchten One-Night-Stands mit ihm. Und zu allem Unglück hat er auch noch eine Katze am Hals, nachdem er sich mit ihr aus Versehen nach einer Übernachtung beim gönnerhaften Professor Mich Gorfein (Ethan Phillips) vor dessen Haustür ausgeschlossen hat.

InsideLlewynDavis_013.jpg

Schick in Strick: Llewyn, Jim (Justin Timberlake) und Jean (Carey Mulligan).

(Foto: Alison Rosa / Studiocanal GmbH)

Obwohl er bereits eine Platte aufgenommen hat, sieht sein lokaler Verleger keine Chance, seine Karriere anzukurbeln. Jazz-Musiker wie Roland Turner (John Goodman) belächeln seinen Folk-Sound ohnehin süffisant. Trotzdem träumt Davis unbeirrt vom großen Durchbruch. All seine Hoffnungen setzt er nun auf eine Begegnung mit dem einflussreichen Musik-Mogul Bud Grossman (F. Murray Abraham) im fernen Chicago. Wird er es tatsächlich schaffen, ihn zu treffen? Und überhaupt: Was wird eigentlich aus der Katze?

"Inside Llewyn Davis" ist ein typisches Werk der Coen-Brüder im besten Sinne: großartige Bilder, elegische Erzählweise, feinsinniger Humor. Für den aus Guatemala stammenden Oscar Isaac, der neben seiner noch jungen Schauspielkarriere in Filmen wie "Sucker Punch" oder "Drive" Musik bislang eigentlich nur als Hobby betrieben hat, avanciert die melancholische Titelfigur zur Paraderolle - vielleicht sollte er seine Berufswahl noch einmal überdenken. Justin Timberlake darf mit Vollbart, Scheitel und Strickpullover ebenso optisch wie musikalisch jenseits seiner sonstigen Sujets glänzen. Und auch das übrige Ensemble - allen voran Carrey Mulligan und der unübertreffliche John Goodman - strahlt im Retro-Rausch dieser Milieu-Studie. Ganz zu schweigen natürlich von der Katze, von der sich manch zweibeiniger Schauspieler durchaus noch mal eine Scheibe abschneiden könnte.

Musik von Marcus Mumford

Doch egal, ob Zwei- oder Vierbeiner - eine weitere Hauptrolle in "Inside Llewyn Davis" spielt die Musik. Für den Soundtrack holten sich die Coens mit Marcus Mumford von Mumford & Sons einen der erfolgreichsten Folkmusiker der Gegenwart mit an Bord. Mehrere Songs werden in dem Streifen tatsächlich auch in voller Länge vorgetragen.

So sehr all dies jedoch auch anspruchsvolle Cineasten und Musikliebhaber mit der Zunge schnalzen lassen mag, so wenig dürfte "Inside Llewyn Davis" vergleichbares Kultpotenzial wie andere Coen-Werke der Marke "Fargo", "The Big Lebowski" oder zuletzt die Western-Reinkarnation "True Grit" haben. Das Schlaglicht, das die Brüder auf eine Woche im Leben eines Folkmusikers anno 1961 werfen, scheint dann doch zu fokussiert, zu speziell und zu sehr aus der Zeit gefallen zu sein, als dass es bei einem Massenpublikum verfangen dürfte.

Dabei ist die Geschichte, die sich übrigens lose an den wahren Erlebnissen des Musikers Dave van Ronk und dessen Autobiografie "Der König von Greenwich Village" orientiert, ebenfalls wieder ganz typisch für die Coens. Es ist die Geschichte von einem, der es eben nicht geschafft hat. Oder drastischer ausgedrückt: die Geschichte eines Losers. Bob Dylan unterschrieb im Oktober 1961 seinen ersten Plattenvertrag. Und er behielt ihn, obwohl viele bei seinem damaligen Label an seinen Fähigkeiten zweifelten und ihn am liebsten zum Teufel gejagt hätten. Was wäre dann aus ihm geworden? The answer, my friend, is blowin' in the wind.

"Inside Llewyn Davis" läuft ab dem 5. Dezember 2013 in den deutschen Kinos

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.