Kino

Zelluloid auf Speed Gaspar Noé: "Enter the Void“

Genie und Wahnsinn - das ist Gaspar Noé. Spätestens seit seinem Werk "Irreversibel“ mit Monica Bellucci wissen das alle: 2002 schockt er die Zuschauer mit einer zehnminütigen Vergewaltigungs- und Prügelszene. Sein neuer Film sei noch ambitionierter, sagt er.

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Linda (Ruz de la Huerta) hält ihren Bruder für einen Junkie.

"Enter the Void“ lädt den Zuschauer nicht ein, es sich bequem zu machen, die Füße hochzulegen, einmal durchzuatmen und dann genüsslich zu Popcorn und Cola zu greifen. Gaspar Noés neues Werk, an dem er nach eigenem Bekunden 15 Jahre gearbeitet hat, gibt keine Zeit dazu. Der Vorspann ist bereits ein einziger visueller Schrei. Aufgebaut wie ein Abspann brüllen dem Zuschauer stakkatoartig Namen entgegen, brennen sich grell leuchtend in die Netzhaut. Zurück bleibt ein Flimmern und die Frage: Was war denn das eigentlich?

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Oscar (Nathaniel Brown): Nur aus dem Spiegel kennt der Zuschauer sein Aussehen.

Gut, bereits bei "Irreversibel“ mit Vincent Cassel und Monica Bellucci, Noés zweitem Werk, war der Vorspann nicht alltäglich, aber bei "Enter the Void“ legt der umstrittene Regisseur noch einen drauf und macht gleich von Filmbeginn an klar, worum es geht. "Enter the Void“ ist grenzwertig, im wahrsten Sinn des Wortes. Er überschreitet die Grenzen der natürlichen Wahrnehmung, zeigt menschliche Abgründe auf und spielt mit dem Thema Tod wie Argentiniens Fußballkünstler Lionel Messi mit dem Ball. Noés filmischer Leitspruch ist in "Enter the Void“ allgegenwärtig: Der Tod ist der gewaltigste Trip überhaupt - ob es dem Zuschauer gefällt oder nicht.

Neue Bewusstseinsebenen

Vor allem die zum Teil ständig wechselnden Perspektiven machen das Anschauen des Streifens anstrengend. Sie fesseln aber gleichzeitig auch. Die Perspektiven orientieren sich komplett am Hauptdarsteller Oscar (Nathaniel Brown) und dessen Wahrnehmungen. Zu Beginn sieht man die Welt im wahrsten Sinn durch seine Augen. Sein Blick ist der des Zuschauers, Lidschlag und Drogentrip inklusive. Erst nach rund 13 Minuten, als Oscar in einem Bad eines kleinen Appartements irgendwo in Tokio in einen Spiegel schaut, weiß der Zuschauer, wie Oscar und damit der Hauptprotagonist des Films aussieht und kann sich ein Bild von ihm machen.

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"Enter the Void": "Zelluloid auf Speed, Acid für die Augen“.

Oscar ist nicht abhängig, behauptet er selbst. Dennoch fragt er ständig und jeden nach DMT (Dimethyltryptamin) - einer Substanz, die einen Rausch mittels jener Stoffe verspricht, die der eigene Körper bei seinem Tod selbst produziert - und Oscar dealt. In kleinem Stil versteht sich und auch nur, weil er seine Schwester Linda (Ruz de la Huerta) nach Tokio holen wollte und dafür Geld brauchte. Als Kinder, durch einen gemeinsamen Schicksalsschlag auf ewig verbunden, haben sie sich geschworen, immer füreinander da zu sein und den anderen nie allein zu lassen. Wahre Geschwisterliebe. Noé wäre aber nicht Noé, wenn er es dabei belassen würde.

Grenzerfahrung für Augen und Gehirn

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"Enter the Void" ist bei Capelight auf DVD und Blue-ray erschienen.

Oscar, der kurz zuvor noch mit einem Freund über das Tibetische Totenbuch diskutiert hat und über sein Lieblingsthema DMT, wird bei einer Drogenrazzia erschossen. Seine Seele verlässt den zusammengekrümmt neben einem verdreckten Klo liegenden Körper. Die Szene erinnert ein wenig an "Trainspotting“. Oscars Seele steigt auf, die Kameraführung mit und statt des beengten Blicks aus Oscars Augen, sieht der Zuschauer die Welt nun von oben. Oscars Seele schwebt, durchbricht Wände, Decken und dreht sich - wild um mehrere Achsen. Der Zuschauer ist mittendrin, statt nur dabei und fühlt sich wie in einer wild kreisenden Hochgeschwindigkeits-Achterbahn.

Oscar sieht "von oben“ seine Schwester, wie sie die Nachricht von seinem Tod erhält. Er stößt zu ihr hinab, dringt in den Kopf ihres Liebhabers ein, als sie gerade Sex haben. Das ist Geschwisterliebe a la Noé. Aber der Trip geht weiter: zu einer dritten Bewusstseinsebene. Der Zuschauer erkennt sie, denn plötzlich sieht er Oscars Kopf nur von hinten. Es ist die Vergangenheit und Noé liefert so den Grund für die jahrelange Trennung der Geschwister. Der Zuschauer sitzt plötzlich in einem Auto, als kleiner Junge Oscar, neben sich seine Schwester und vor sich seine Eltern. Plötzlich ein lauter Knall, Feuer, Geschrei. Oscar und Linda sind Waisen und werden getrennt.

Ein typischer Noé irgendwie

"Enter the void“ wirkt beklemmend, erschreckend, direkt und verwirrend. "Enter the Void“ ist ein einziger Drogentrip oder wie auf der DVD zu lesen ist: "Zelluloid auf Speed, Acid für die Augen“. Und das über satte 160 Minuten. Ein Skandalfilm wie "Irreversibel“ ist er aber nicht, das zeigte bereits seine beklatschte Weltpremiere bei den Filmfestspielen in Cannes und auch die positive Resonanz beim Fantasy Filmfest.

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Umstritten und geliebt gleichermaßen: Regisseur Gaspar Noé.

Dennoch, ein normaler Film über die Themen Drogen und Tod ist "Enter the Void“ auch nicht. Dafür lassen die farbenfroh-verstörenden Bilder und die aufreibend-ungewöhnlichen Perspektiven zuviel Interpretationsspielraum für den Zuschauer. Am Ende ist "Enter the Void“ eben doch ein typischer Noé.

Quelle: n-tv.de

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