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Killerlesben, tote Rentiere und schießwütige Russen "Helden des Polarkreises"

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Sehen so Killerlesben aus? Oder gibt es Unterwasserrugby wirklich?

(Foto: Pandastorm)

Früher jagten Männer große Tiere. Wenn es sein musste, töteten sie Mammuts mit ihren bloßen Händen, nur um den Frauen zu gefallen. Und heute? Heute reicht es, eine Digi-Box zu besorgen, weil es das analoge Fernsehen nicht mehr gibt. Klingt tierisch einfach. Aber Janne aus Lappland beweist, dass am Polarkreis die Uhren und die blonden Frauen anders ticken.

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Der Baum des Dorfes: Hier hängen sich seit Generationen die Einheimischen auf, sei es wegen des Wetters oder der Erfolglosigkeit des Eishockey-Teams.

(Foto: Pandastorm)

Der Finne an sich hat viele Probleme: Der heimische Fußball ist schlecht, die Eishockey-Nationalmannschaft meistens auch. Nokia ist nicht mehr Weltmarkführer, Arbeit Mangelware. Und dann natürlich die vielen Vokale - und das Wetter: Es ist kalt und fast immer dunkel. Oder anders gesagt: Es ist kalt und fast nie hell. Kein Wunder, dass die Selbstmordrate hoch ist, ganz im Gegenteil zum männlichen Selbstwertgefühl: Der Finne an sich ist der geborene Verlierer. Im hohen Norden haben die Frauen die Hosen an.

Das ist bei Janne (Jussi Vatanen) nicht anders. Nicht, dass der Mittzwanziger nicht versucht hätte, etwas aus seinem Leben zu machen. Er hatte schließlich einmal eine eigene Firma. Die ist allerdings bereits vor Jahren pleitegegangen. Seitdem ist er arbeitslos, lebt von Sozialhilfe - und von seiner überaus gut aussehenden blonden Freundin Inari (Pamela Tola). Immerhin die hat er noch. Aber nicht mehr lange. Das macht sie ihm eines Tages klar. Davor hat sie ihm 50 Euro in die Hand gedrückt, damit er eine Digi-Box kauft, weil das analoge Fernsehen aufhört zu senden. Es ist Mittag und Janne hat eigentlich genug Zeit - bis 17.00 Uhr - um beim örtlichen Elektrohändler eine zu kaufen. Aber stattdessen trifft er seine beiden Kumpels Kanne (Jasper Pääkkönen) und Ralle (Timo Lavikainen) in der Dorfkneipe. Ralle spielt "Boobs", eine Variante von Pacman, bei der bei jedem geschafften Level eine Frau die Hüllen fallen lässt. Ein Level fehlt ihm noch. Und Kanne? Der typische Finne halt: ständig miesgelaunt, nur einen Schnaps vom Selbstmord entfernt.

Die hohe Kunst des Scheiterns

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Janne, Kanne und Ralle: sympathische Verlierertypen.

(Foto: Pandastorm)

Janne vergeigt's. Er kann den Elektrohändler zwar überreden, seinen Laden noch einmal aufzuschließen, aber durch das bezahlte Kneipenbier hat er nicht mehr genug Geld, um die Digi-Box zu kaufen. Niedergeschlagen macht er sich auf den Heimweg, die beiden Freunde im Schlepptau. Vielleicht kann er Inari mit einer "Titanic"-DVD besänftigen? Nein, Inari reicht’s. Das Maß ist voll. Sie setzt Janne die Pistole auf die Brust: Entweder bis zum nächsten Morgen 9.00 Uhr ist eine brandneue Digi-Box im Haus, oder Inari ist weg.

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Eine Spritztour durch die finnische Nacht, bei der nicht nur das Zwerchfell kopfüber landet.

(Foto: Pandastorm)

Janne, nicht auf den Kopf gefallen, versucht sich zuerst die elterliche Digi-Box auszuleihen. Aber ein Aufkleber darauf verhindert das. Janne schluckt seinen Stolz herunter und ruft seinen Schwiegervater in spe an, der hat ein Elektrogeschäft in Rovaniemi und auch jede Menge Digi-Boxen. Das Problem: Rovaniemi ist 200 Kilometer entfernt und so schnappt Janne sich Kanne, Ralle und das knallgelbe Auto von Ralles Mutter. Gemeinsam geht es auf in die finnische Nacht und nach Rovaniemi.

Killerlesben, Rentiere, Russen

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"Ich schaffe das", denkt sich Janne - und sticht zu.

(Foto: Pandastorm)

Weit kommen die drei aber nicht. Das Auto bleibt plötzlich liegen, der Motor geht aus. Das Benzin ist alle. Statt die Benzinanzeige reparieren zu lassen, hat Ralle lieber das Geld in einen Subwoofer investiert. Also geht’s zu Fuß weiter, schließlich wohnt ganz in der Nähe Mikko (Kari Ketonen). Da kann man sich ja ein paar Liter Benzin "borgen". Als sich Janne an Mikkos Auto zu schaffen macht, steht dieser plötzlich mit einem Gewehr hinter ihm. Dazu kann er noch Jiu-Jitsu, wie er Janne eindrucksvoll beweist. Das größte Problem aber ist: Mikko war mal ein paar Wochen mit Inari zusammen und ist noch immer hoffnungslos in sie verliebt. Als er von Jannes Problem erfährt, unterstützt er dessen Spritztour nach Rovaniemi mit Benzin, aber danach macht er sich sofort schnurstracks zu Inari auf, um ihr tatkräftig beim Auszug zu helfen.

Janne versucht indes mittlerweile an Geld ranzukommen. Denn ohne kann er sich auch keine Digi-Box kaufen. Er versucht es als billiger Taxifahrer, schließlich sind überall Weihnachtsfeiern. In einem Hotel verdient er sich dann 50 Euro, weil er mit einer Kettensäge ein Loch zum Eisbaden sägt - für ein schwedisches Unterwasserrugby-Team. Kanne hängt in der Zeit an der Bar ab, schüttet sich einen Brandy nach dem nächsten hinter die Binde und sinniert über Selbstmorde. Ralle wiederum hat die "Boobs"-Frau aus dem höchsten Level entdeckt. So ein Zufall. Einem Autogrammwunsch folgt eine gemeinsame Karaoke-Einlage und danach … ein Anruf bei seiner Mutter. Er schickt ihr ein Foto der Videospiele-Frau, die sich als Marjukka (Miia Nuutila) vorstellt und Mutter eines kleinen Kindes ist - und seine Mutter redet sie ihm wieder aus. Schließlich sei Marjukka über 40. Viel zu alt. Und Frauen in dem Alter hätten sehr hohe Ansprüche, vor allem was "die Größe" angeht, da könne ihr "kleiner Ralle" nicht mithalten.

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"Helden des Polarkreises" ist bei Pandastorm auf DVD und Blu-ray erschienen.

(Foto: Pandastorm)

Ralle flüchtet verlegen aufs Klo und sucht nach einem Ausweg, um ungesehen aus dem Hotel abhauen zu können. Das Klofenster ist perfekt - aber zu klein. Er bleibt stecken. Janne ist indes beim Unterwasserrugby-Team in arger Bedrängnis. Die Anführerin will etwas von ihm, er aber nicht von ihr. Janne landet ihm Wasser, kann gerade noch den 50-Euro-Schein festhalten, dann gehen die Lichter aus. Kanne kommt volltrunken angerannt und rettet ihn aus dem Pool. Die 50 Euro gehen für den Feuerwehreinsatz drauf, den Ralle und das Klofenster auslösen. Alles wieder auf null und die wilde Fahrt geht weiter …

Für diesen Film muss man Finnland lieben

Dieser Wahnsinns-Roadtrip, der neben der eben geschilderten Episode noch unzählige weitere dieser Art beinhaltet - wie etwa ein nur betäubtes Rentier schlachten, vor einem nackten Russen mit Gotcha-Gewehr fliehen, Scheibenwaschen an einer Kreuzung bei minus 15 Grad -, ist ein Angriff auf die Lachmuskeln. Der Film des Drehbuchautoren Pekko Pesonen und des Regisseurs Dome Karukoski ist so voll schwarzen Humors, dass es nicht wundert, dass das Irische Filmboard den Streifen unterstützt hat.

In ruhigen wunderschönen Bildern erzählt Karukoski die Geschichte: Weißer Schnee, soweit das Auge reicht. Dazu Wald, wohin das Auge blickt. Finnische Natur pur. Lappland pur. Man kann gar nicht verstehen, warum der Finne an sich und der Lappe sowieso so schwermütig daherkommen. Selbst die filmbegleitende Musik reizt das Zwerchfell: Auch wenn finnische Schlager nicht jedermanns Geschmack sind, sind sie dermaßen schräg, dass man sie am liebsten direkt mitsingen möchte - wenn die vielen finnischen Vokale nicht wären.

"Helden des Polarkreises" ist eine absolute Granate, witzig vom philosophischen Anfang bis zum überraschenden Ende. Eine perfekte Komödie über Verlierer. Typisch finnisch halt.  

 

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Quelle: n-tv.de

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