Kino

Liebenswerte Lümmel Interview-Versuch mit Jedward

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Edward und John - oder John und Edward? Wer weiß das schon so genau.

(Foto: Universal Music)

Sie haben den Song Contest aufgemischt wie niemand sonst: Jedward, die beiden irren Iren mit der Sesamstraßen-Bert-Gedächtnisfrisur alias John und Edward. Nun soll ganz Europa folgen. Doch erst einmal treiben sie uns im n-tv.de Interview an den Rand der Sprachlosigkeit.

Es gibt im Leben bekanntlich immer ein erstes Mal. Dass ich dieses erste Mal mit den beiden Flummis in Zwillingsgestalt von Jedward haben würde, wäre mir allerdings bis vor Kurzem nicht im Traum eingefallen. Nein, ich bitte Sie! Natürlich (!) nicht das, was Sie jetzt womöglich denken, sondern der Umstand, bei einem Interview derart überrumpelt zu werden. Ehe ich mich auch nur hingesetzt und geschweige denn für eine Frage Luft geholt hätte, quasseln mich die beiden Iren schon ohne Punkt, Komma und jegliche Rücksicht darauf, dass das alles später mal verschriftlicht werden soll, zu.

Darum: Sollten Sie jemals in einer Zeitung oder online ein Wortlaut-Interview mit den beiden lesen - glauben Sie es nicht! John und Edward, Edward und John, also eben Wardohn und/oder Jedward fallen sich gerne ständig gegenseitig ins Wort, springen mitten im Satz auf und laufen herum oder packen während des Gesprächs ein Buch aus, um sich über die echt spitzenmäßigen Design-Fotografien darin zu unterhalten. Das in purer Frage-Antwort-Form niederzuschreiben, ist de facto unmöglich. Macht aber ja auch nichts, weil wir Ihnen schließlich sonst auch nicht all die schönen Geschichten um dieses Interview herum erzählen könnten.

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Beim Eurovision Song Contest waren sie Favoriten - und wurden doch "nur" Achte.

(Foto: dpa)

Als ich den Raum, in dem das Gespräch stattfindet, betrete, sitzen die beiden 19-jährigen Jungs da in voller Montur, also mit - wenn auch unterschiedlichen - Glitzer-Outfits und zu Berge stehenden Haaren. Gerne würde ich sie fragen, ob sie den Song "Ich hab' ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein Döner" kennen, doch dazu komme ich, wie gesagt, nicht. Stattdessen geht aus dem von mir aus gesehen rechten Atompilz-Kopf auf der Stelle eine verbale Maschinengewehr-Salve auf mich nieder: "Es ist so toll, hier zu sein. Jetzt sind wir in Berlin. Wir waren noch nie in Berlin. Und wir kommen von der Eurovision 2011. Das war so eine fantastische Sache. Ganz Europa hat uns gesehen. Und Deutschland hat uns gesehen. Und wir haben einen so bleibenden Eindruck bei der Eurovision hinterlassen. Und …" Jetzt setzt der linke der beiden dazu an, seinen Bruder zu übertönen: "Das ist so cool. Es gibt ja viele Zwillinge. Aber es ist cool, dass wir eineiige Zwillinge sind. Wir passen aufeinander auf. Wir machen irgendwie beide das gleiche, trotzdem ist jeder von uns für sich stark. Ich bin Edward, und er ist John …"

Mit Stefan Raab im Shoppingcenter

Ha, stopp, das ist jetzt der Moment, in den ich aber mal einhaken muss. Schließlich muss das geklärt werden, damit ich später auch noch weiß, wer von beiden eigentlich was gesagt hat. "Ah, also du bist Edward - und er ist John?", wiederhole ich in etwa einem Drittel der Geschwindigkeit die letzten Worte des linken Zwillings. "Ja, es ist so cool …", bestätigt der als John identifizierte Teil des Duos irgendwie die Frage, muss sich dann aber auch schon wieder seinem sich etwas lautstärker artikulierenden Bruder geschlagen geben. Und auch ich kapituliere für den Moment vor dem sowohl zwischen den Personen als auch inhaltlich kreuz und quer gehenden Redeschwall der beiden, in dem mir allenfalls die für mich ungewohnte Rolle zugedacht ist, Fragen zu bestätigen.

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Ihren "Planet Jedward" gestalten sie weitgehend in Eigenregie.

(Foto: dpa)

Während John von einem Ausflug der beiden in ein Shoppingcenter erzählt, der ganz toll gewesen sei, weil jeder sie erkannt und Fotos gemacht habe, schwärmt Edward parallel dazu, wie großartig doch Stefan Raab sei. "Stimmt es, dass er seinen Rückzug von der Eurovision angekündigt hat?", interviewt er mich. "Ja", antworte ich pflichtschuldig, woraufhin Edward sofort wieder Fahrt aufnimmt: "Das sollte er nicht machen. Er hat einen so guten Job gemacht und ist so talentiert …"  Jetzt ist offenbar auch John von seinem geistigen Abstecher ins Einkaufscenter zurückgekehrt und stimmt in die Lobeshymne auf Raab mit ein. Für einen gefühlt unendlichen Augenblick reden beide auf mich ein. Gleichzeitig.

Möglicherweise stand mir die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Vielleicht habe ich auch unbewusst eine väterlich-strenge Miene aufgelegt. Aber vermutlich war entscheidend, dass ich demonstrativ meinen Fragen-Zettel in die Hand genommen und auf diesen geblickt habe. Auf jeden Fall ruft auf einmal einer der beiden, den ich nicht mehr näher bestimmen kann, in den Raum: "Question One!"

Frage 1

Leicht verdattert über diese unerwartet plötzliche Gelegenheit, wieder mitspielen zu dürfen, stammele ich meine "Question One" hervor: "Gibt es irgendwelche Unterschiede zwischen Euch, an denen Euch Eure Mutter erkannt hat? Also, ich meine physische Unterschiede", erkläre ich sinnloserweise, da sie mir jetzt ja wohl bitte kaum erzählen werden, dass einer von ihnen als Kind viel introvertierter gewesen sei als der andere. "Ja, jeder denkt: Wow, die sind identisch. Wir sind auch identisch. Aber es gibt trotzdem total viele Unterschiede", sagt John. "Ich habe eine Narbe über meiner Lippe, die ich mir zugezogen habe, als ich mal vom Fahrrad gefallen bin", wirft Edward ein. "Ich habe eine Narbe auf meiner Nase und eine auf meiner Stirn", meldet sich John wieder zu Wort. "Ich habe Ohrlöcher. Gerade im Moment habe ich andere Haare als er. Und wir haben auch unterschiedliche Jacken an", fährt John fort, der die Sache mit den "physischen" Unterschieden da vermutlich schon wieder vergessen hat und an dessen Haaren ich gerade beim besten Willen keinen Unterschied zu denen von seinem Bruder erkennen kann. Aber immerhin: Ab jetzt gelingt es mir, auch mal Fragen zu platzieren - und mehr oder weniger Antworten darauf zu bekommen.

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In Irland und Großbritannien kannte sie schon vor dem ESC jeder.

(Foto: Universal Music)

Natürlich dreht sich dabei viel von dem Gespräch noch einmal um den Eurovision Song Contest (ESC) und die, so John, "gigantische Erfahrung" damit. Ich beglückwünsche die beiden, denn auch, wenn sie am Ende "nur" Achte geworden sind, haben sie doch jede Menge Aufmerksamkeit auf sich gezogen und wurden von nicht Wenigen als absolute Favoriten gehandelt. Ja, das hätten sie auch gespürt, erklären die Zwillinge. Vor dem Wettbewerb hätte sie von überall her Zuspruch erreicht. Dass es mit dem Sieg nicht geklappt habe, sei daher auch nicht so schlimm. "Es geht nicht nur darum, zu gewinnen, sondern darum … zu gewinnen", gibt Edward auf einmal zwischen all dem Geschnatter den Hobby-Philosophen. Und sein Bruder ergänzt: "Darum, die Herzen von Millionen zu gewinnen."

Die Sache mit dem Lena-Date

Von ihren Mitbewerbern in Düsseldorf sprechen die Jungs nur positiv - auch und vor allem natürlich von Lena. "Ich finde, sie war die Coolste der ganzen Teilnehmer", sagt John. "Sie ist ein Sweetheart, sehr bodenständig und man kann mit ihr ganz normal reden", fügt er hinzu. Na, bodenständig seid ihr doch auch, und das mit dem Reden klappt bei Euch auf jeden Fall mehr als normal, könnte ich da jetzt einwerfen, lasse es aber. Dafür erklärt John, dass "Taken By A Stranger" vielleicht nicht der richtige Eurovisionssong gewesen sei: "Ich finde, das sollte in einem James-Bond-Film verwendet werden."

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Beim ESC in Düsseldorf gewannen sie auf jeden Fall schon mal neue Fans.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Sympathie der beiden Iren für die Hannoveranerin scheint also ungebrochen - und das, obwohl Lena doch ein Date mit ihnen abgelehnt hatte. "Wir lassen es momentan langsam angehen", erklärt John ihren Beziehungsstatus. "Aber nächste Woche sind wir in Köln. Vielleicht gehen wir ja dann zusammen ins Kino." Meine Frage, warum sie sich eigentlich nicht an das andere Zwillingsduo beim Song Contest, die Twiins aus der Slowakei, gehalten hätten, bügelt Edward hingegen glatt ab: "Die einzigen Zwillinge auf der Welt, die wir daten würden, wären die Olsen-Zwillinge. Sie sind wirklich cool." Schließlich hätten sie Mary-Kate und Ashley Olsen früher immer im Fernsehen gesehen. "Da haben wir festgestellt: Oops, das sind Zwillinge - und wir ja auch!", sagt Edward, ehe er mir mit dem Ausruf "Next Question!" erlaubt, zum nächsten Thema überzugehen.

Auf die Frage, was wohl passiert, wenn sie den ESC gewinnen würden, hatten die beiden noch vor dem Song Contest erklärt, dann käme sicher die Queen nach Irland. Sie hätten ja nun nicht gewonnen, trotzdem besuche  Elizabeth II. gerade ihre Heimat, erinnere ich die Zwillinge an den just in dem Moment unseres Gesprächs stattfindenden Staatsbesuch der englischen Königin in Irland. "Ja, und wir wollen sie unbedingt treffen", versichert John. "Außerdem kommt nächste Woche auch noch Barack Obama", ergänzt er. "Und? Werdet Ihr den auch treffen?", hake ich nach. "Vielleicht … zwinker, zwinker", sagt Edward. Und während ich das in diesem Augenblick noch für einen abstrusen Scherz halte, weiß ich inzwischen, dass sie kurz nach unserem Interview tatsächlich Obama getroffen haben. Sachen gibt's.

Zehn Minuten für die Frisur

Doch jetzt ist es Zeit, sich mal ihren Haaren zuzuwenden. "Wie macht Ihr das, dass die so gut halten?", frage ich. "Für die Haare brauchen wir nur zehn Minuten. Wir benutzen Mousse, Haarspray, Salzspray, Gel und einen Föhn", verrät Edward ihr Frisuren-Geheimnis. Während er mich noch in die einzelnen Arbeitsschritte ihres Stylings einweiht, fällt John ihm - mal wieder - ins Wort: "Unsere Haare sind wie eine Touristenattraktion. Jeder will sie mal anfassen und Fotos mit ihnen machen." Klar seien die Tollen ihre Markenzeichen - jetzt, nach dem ESC, erst recht. So sehen die beiden auch keinen Grund dafür, daran in naher Zukunft etwas zu ändern. "Aber nehmt doch mal Lady Gaga. Sie verändert ihr Aussehen ständig", gebe ich zu bedenken. "Ja, aber sie ist immer noch Lady Gaga", kontert John. Nur wenn ihnen vielleicht die Haare mal ausfallen sollten, müssten sie sich wohl Alternativen überlegen.

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Auf ihrem ersten Album gab es nur Coverversionen.

(Foto: Universal Music)

Apropos Lady Gaga, fällt Edward dabei ein: "Wir haben sie schon fünfmal getroffen", sagt er. Und sein Bruder fährt fort: "Schon bevor wir berühmt waren, haben wir Stunden vor ihrem Hotel auf sie gewartet." Tatsächlich habe die Sängerin ja bereits vor einiger Zeit erklärt, dass sie gerne einmal mit ihnen zusammenarbeiten wolle, erkläre ich. "Warum ist daraus bislang nichts geworden?" Sie sei wohl einfach zu beschäftigt, meint John. "Aber jetzt, nachdem wir beim ESC waren und coole Klamotten haben, wird das schon noch klappen."

Ihre Teilnahme am Song Contest, daran besteht kein Zweifel, begreifen die Zwillinge als das große Sprungbrett für eine internationale Karriere. Dabei waren sie schon zuvor zumindest im englischen und irischen Raum längst keine Unbekannten mehr. Nach der Teilnahme an der Casting-Show "X Factor" 2009 schafften sie es dort mit zwei Singles bis ganz nach vorne in die Charts. Auch ihr Album "Planet Jedward", auf dem sich ausschließlich Coverversionen befinden, ging in ihrem Heimatland bis auf Platz 1. Diverse Werbeverträge - etwa für eine Fast-Food-Kette oder ein Konsolenspiel - sorgten zudem dafür, dass sie in Irland und Großbritannien in jüngster Zeit dauerhaft präsent waren. Zugleich jedoch polarisiert ihr skurriles und überdrehtes Auftreten enorm - so sehr, dass sogar der damalige britische Premierminister Gordon Brown meinte, sich zu ihnen äußern zu müssen und sie als "nicht sehr gut" zu bezeichnen. Den beiden ist das durchaus bewusst: "Nicht alle mögen uns. Aber ich denke, wir haben bei der Eurovision bewiesen, dass wir eine gute Performance abliefern, neue Fans hinzu gewinnen und Leute umstimmen können", erklärt John.

Ein Song mit Lena? Yeeeaaahhh!

Damit der Jedward-Zug weiter Fahrt aufnehmen kann, soll schon bald ein neues Album der beiden erscheinen. "Wir haben schon vor der Eurovision Songs dafür aufgenommen", erklärt Edward. Diesmal sollen es aber keine Coverversionen sein, sondern neue, eigene Lieder. "Wie wäre es mit einem gemeinsamen Song mit Lena?", schlage ich vor. "Yeeeaaahhh! Yeeeaaahhh! Das wäre wirklich cool", zeigen sich die beiden von der Idee begeistert und rufen wild durcheinander. Na, das hatten wir uns doch gedacht.

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Der aktuellen Single "Lipstick" soll bald ein neues Album folgen.

(Foto: Universal Music)

Welche deutschen Künstler außer Lena sie denn sonst noch kennen würden, will ich wissen. "Tokio Hotel", kommt es wie aus der Pistole geschossen. "Ihre Alben habe ich alle", sagt Edward und wird wieder zum Interviewer: "Wer ist denn sonst noch groß in Deutschland?" Nach kurzem Überlegen fallen mir ausgerechnet Herbert Grönemeyer und Rammstein ein - die wahrscheinlich schrägsten Partner für eine musikalische Zusammenarbeit mit Jedward, die man sich nur vorstellen kann. "Ich bleibe bei Tokio Hotel. Das sind ja auch Zwillinge", sagt John."Mit ihnen einen Song aufzunehmen, wäre echt cool", ergänzt Edward. "Ja, das Zusammentreffen der Zwillinge!", freut sich John und singt "Running Through The Monsoon" an, als wäre das Ganze schon beschlossene Sache.

Gute Jungs

Allmählich ist es auch für mich an der Zeit, das Gespräch zu beenden. Also bedanke ich mich artig bei den beiden, rolle meinen Fragen-Zettel, der selten zuvor so überflüssig war wie in den vergangenen 20 Minuten, zusammen und drücke die Stopptaste an meinem Aufnahmegerät. Doch so leicht lassen mich die beiden natürlich nicht gehen. Als wollten sie ihrem Prolog vom Anfang noch einen Epilog am Ende hinzufügen, reden sie weiter auf mich ein, erzählen mir von ihrem eigenen YouTube-Channel, von dem Clip zu ihrem ESC-Song "Lipstick", den sie in Paris selbst gedreht und geschnitten hätten, und davon, dass sie eigentlich alle Ideen rund um Jedward selbst entwickelten - von den Klamotten und den Frisuren bis hin zu den Videos und der imposanten LED-Show beim Song Contest.

"Wir machen nie etwas Schlechtes", erklärt Edward, als müsste er mich doch noch ganz schnell davon überzeugen, dass sie echt gute Jungs sind. "Wir trinken nicht, wir rauchen nicht. Die erste Party, auf der wir je waren, war die Aftershow-Party bei der Eurovision - und auf der waren wir auch nur für vielleicht eine halbe Stunde." Ob ich ihm das nun wirklich glauben soll, weiß ich nicht so recht. Aber in einem bin ich mir sehr sicher: Mit den Eltern von John und Edward tauschen wollte ich nicht unbedingt. Die beiden sind echt Lümmel. Aber ganz schön liebenswerte.

Quelle: ntv.de

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