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Misfits, Riot Grrrl und "Free my pussy" Kate Nash geht neue Wege

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Der neue Look von Kate Nash wird von Fans nicht nur freundlich aufgenommen.

(Foto: Promo)

No more Popsternchen: Einst wurde Kate Nash in einem Atemzug mit Adele und Amy Winehouse genannt, als Teil der britischen Popsensation. Nun geht sie neue Wege: Statt Pop gibt es Punk, statt Klavier Gitarren. Fans sind schockiert, die britische Musikwelt gespalten. Aber auch Nash selbst ist verunsichert, wie ein Berliner Konzert zeigt.

"Kate Nash" prangt in rosa Neonschrift über der Bühne. Vielleicht ist das eine Art Selbstvergewisserung, vielleicht auch eine Erinnerungsstütze für das Publikum: Ja, das auf der Bühne ist Kate Nash, wirklich! Denn die Künstlerin, die dank MySpace einen kometenhaften Aufstieg erlebte, zwei erfolgreiche Alben veröffentlichte und in Deutschland bekannt wurde, weil Lena sie in "Unser Star für Oslo" coverte, hat sich äußerlich wie musikalisch verändert. Nicht jeder findet das gut.

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Auch auf der London Fashion Week im September zeigte sich Nash im neuen Look.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Nach einer Minitour durch Großbritannien im Juni ist sie derzeit auf dem Kontinent unterwegs, vier Konzerte spielt sie in Deutschland. Ihre zweite Station hierzulande ist Berlin, der Magnet-Club. Ausgerechnet jener kleine Rockschuppen an der Spree. Zwar ist der Club ausverkauft, aber trotzdem verwundert die vergleichsweise winzige Location angesichts einer Künstlerin, deren letztes Album "My Best Friend Is You" es sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland unter die Top 10 schaffte.

Andererseits passt der Ort zu ihrem Auftreten. Kate Nash erscheint - vom jungen und größtenteils weiblichen Publikum begeistert begrüßt - im schwarzen Kleid mit weißen Pünktchen und ausladendem Kragen. Ihre Haare sind inzwischen schwarz gefärbt, sie wirkt in dieser Aufmachung wie eine Mischung aus Betty Boo und der verlorenen Schwester der Misfits. Das Image der Horror-Punker passt aber auch gut zu ihrem letzten Video "Fri-end?", das mit Horror- und Zombieelementen spielt und pünktlich zu Halloween veröffentlicht wurde.

Gitarren statt Klavier

Es ist ein Vorgeschmack auf ihre EP "Death Proof", die kommende Woche erscheint. Wer Nashs Karriere bisher verfolgt hat, ihre Mischung aus Indie und Mainstream-Pop, dürfte sich verwundert die Augen reiben angesichts der neuen Töne. Das war schon auf dem Song "Under-Estimate the Girl" zu hören, den sie im Sommer ebenfalls zum freien Download anbot. Die Kritik, die Fans auf YouTube äußerten, war aber ebenfalls deutlich: "Das Schlimmste, was ich je gehört habe", schrieb da etwa ein bekennender Nash-Fan. Einen "Scheiß-Song" nennt ihn ein anderer.

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Nash 2008 auf dem Roskilde Festival - rote Haare und am Klavier.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Diesen Wandel sieht man nun natürlich auch auf der Bühne: Kein Klavier oder Keyboard steht da, mit denen Nash bisher ihre Hits spielte, meist im Sixties-Kleidchen. Stattdessen vier Frauen in klassischer Rock-Besetzung: Schlagzeug, Bass und zwei Gitarren. Nash allerdings wirkt nervös und angespannt. Sie würden vor allem Songs vom neuen Album spielen, das Anfang 2013 erscheinen soll, erklärt sie fast entschuldigend, noch bevor der erste Ton erklingt. Sie hat wohl große Angst, mit dem neuen Stil Fans zu verprellen.

Und dann legen sie endlich los: treibende Gitarren, darüber der manchmal melodische, manchmal raue Gesang von Nash, der hin und wieder in Schreien ausartet. Laut und schnell klingt das, irgendetwas zwischen Indie, Punk und Riot-Grrrl. Ihre Nervosität legt Nash trotzdem nur langsam ab. Sie bedankt sich mehrmals nach jedem Song, sagt oft "Hi" und "Hallo", als müsse sie sicherstellen, dass das Publikum noch da ist und dran bleibt. Irgendwann allerdings unternimmt sie mitten im Song einen Ausflug ins Publikum, das sie begeistert begrüßt. Von da an wirkt Nash denn auch selbstsicherer, am Ende wird sie über die Bühne hüpfen und bekennen, dass Berlin ihre Lieblingsstadt auf der Welt ist (und sie kommt immerhin aus London).

"Free my Pussy"

Bis dahin gibt es ein größtenteils überzeugendes Set aus meist neuen Songs. Erstaunt nimmt man dabei zur Kenntnis, dass Nash den Anteil der Schimpfwörter nochmal erhöht hat. Waren schon mehr als die Hälfte der Songs des letzten Albums als "Explicit" gekennzeichnet, also als nicht für Kinderohren geeignet, dürfte sich dieser Anteil künftig noch einmal deutlich erhöhen. Das gilt zum Beispiel für den Song "Free my Pussy", eine Hommage an die russische Band Pussy Riot. "Free my Pussy now, miauuuuuuuu", heißt es da. Zudem covert sie "Cocaine" der Band Fidlar, denen sie jüngst auch ihre Stimme lieh - ein brachiales Stück mit verzerrten Gitarren.

An anderer Stelle sing Nash lautstark "I Don't Wanna Fit". Und vielleicht ist genau das ihr neues Motto. Freilich, sie gehörte noch nie zum absoluten Pop-Mainstream, dazu war ihre Musik dann doch zu sperrig, ihr charmanter Akzent (der perfekt zur neuen Musik passt) zu ungewöhnlich. Vergleiche mit Adele, Duffy und Amy Winehouse musste sie sich trotzdem immer wieder gefallen lassen. Mit neuem Look und neuer Musik will sich Nash nun vielleicht bewusst davon abgrenzen.

Dazu passt nicht nur, dass Nash zuletzt zwei neue Songs zum freien Download anbot, sondern auch, dass sowohl die für kommende Woche angekündigte EP als auch das für kommenden März angekündigte Album auf ihrem eigenen Label erscheinen. In Zeiten, in denen Musik sich permanent neue Vertriebskanäle sucht, ist diese Entscheidung nur folgerichtig. Es ist ein Akt der Emanzipation einer Künstlerin, die ihren Erfolg vor allem ihrem Talent, ihrer Hartnäckigkeit und dem Internet zu verdanken hat.

Dass dieser neue Weg Nash auch verunsichert, war ihr auf der Berliner Bühne deutlich anzusehen. Groß ist wohl die Angst, Fans zu verlieren oder vor den Kopf zu stoßen. Das gipfelte darin, dass sie zum Schluss sagte, durch ihr seltsames ("weird") Auftreten hoffentlich keine Fans zu verschrecken. Ein Neuanfang kann eben auch Zuneigung kosten, damit muss sich Nash wohl oder übel abfinden. Den meisten Applaus erhielt sie immerhin, als sie ihren ersten großen Hit "Foundations" spielte. Sonst begleitete sie diesen immer auf dem Klavier, diesmal war nur eine Gitarre dabei. Allerdings hatte man dabei das Gefühl, dass der Song schon immer so gedacht war. Man muss beobachten, ob Nash der Neuanfang gelingt, vor allem aber, ob sie ihn auch glaubwürdig vertreten kann.

Am 15. November spielt Kate Nash im Münchner "59to1", am 19. November in Köln in "Die Werkstatt".

Quelle: n-tv.de

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