Kino

Ohne jegliche Spannung "Melancholia" zerstört alles

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Kirsten Dunst als manisch-depressive Braut in "Melancholia".

(Foto: picture alliance / dpa)

"Melancholia" hält, was er verspricht. Er lässt den Kinobesucher kraftlos und melancholisch zurück. Unscharfe Wackelbilder werden gemischt mit wuchtigen, surrealen Einstellungen und ohrenbetäubender Musik. Diese Kombination löst beim Zuschauer im besten Falle einen Fluchtreflex aus. Aber vielleicht wollte Lars von Trier genau das erreichen?

Dass die Erde ein für alle Mal untergehen wird, daran lässt Lars von Trier in seinem neuen Film "Melancholia" dank seiner surrealen Eingangsbilder keinen Zweifel. Damit nimmt der Däne von vornherein die Aussicht auf Spannung. Vom Himmel fallende Vögel, niedersinkende Rappen und ein riesiger Planet, der sich auf die Erde zubewegt und mit ihr in einer sagenhaften Explosion verschmilzt. Nichts bleibt von der Erde übrig! Nichts!

Nach diesem Nichts scheint sich die manisch-depressive Justine in "Melancholia" zu sehnen. "Die Erde ist schlecht. … und keiner wird sie vermissen" sagt sie zu ihrer Schwester Claire in Anbetracht des Weltuntergangs. Kirsten Dunst wurde die Rolle der Justine quasi auf den Leib geschneidert. Sie ist durch "Melancholia" zu einer erwachsenen und ernst zu nehmenden Schauspielerin geworden. Auch Charlotte Gainsbourg als gut funktionierende Claire ist überaus authentisch. Als Dritter im Bunde spielt Kiefer Sutherland Claires wohlhabenden Ehemann John, der als Amateurastronom regelmäßig das All beobachtet. Auch er ist brillant. Leider reichen aufwendig inszenierte Bilder und brillante Schauspieler manchmal nicht aus. "Melacholia" fehlt es an Spannung, an einer nachvollziehbaren Geschichte und vielleicht auch an einem Quäntchen Hoffnung.

Du sollst glücklich sein

Die frischvermählte Justine ist mit ihrem Mann Michael auf dem Weg zu ihrer Hochzeitsfeier. Die angemietete Limousine ist jedoch viel zu lang, um auf engen Waldwegen zum Ort der Feierlichkeiten zu kommen. Schließlich machen sich Justine und der reizende Michael zu Fuß auf den Weg. Sie werden, am Ort der Feierlichkeiten endlich angekommen, mit Vorwürfen von Justines Schwester und ihrem Mann empfangen. Der Zeitplan ist völlig durcheinandergeraten. Kurz vor dem Betreten des Festsaals entdeckt die Braut einen Stern, den sie nie zuvor gesehen hat und der rot leuchtet.

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Die Faszination am Ende.

(Foto: picture alliance / dpa)

Justines Hochzeit, von Claire genau durchgeplant und von John bezahlt, wird jedoch zur Farce. Schon bei den Reden von Chef, Eltern und Bräutigam wird klar, dass einiges im Argen liegt. Die Braut, die anfangs sehr glücklich scheint, zieht sich mehr und mehr von ihrer Feier zurück und versinkt in tiefem Unglück und schließlich sogar in einer Wanne. Unverstanden und mehrmals angefeindet von ihren Verwandten kehrt sie jedoch immer wieder zu ihrer Feier zurück und sucht Verständnis bei Menschen, denen sie sich anvertrauen will. Die gesamte Hochzeitsgesellschaft jedoch verlangt von der Braut, dass sie glücklich ist. Doch das kann die manisch-depressive Justine auch an ihrem Hochzeitstag nicht leisten. Glück lässt sich einfach nicht erzwingen.

Schließlich sind alle enttäuscht. Der Bräutigam reist noch in derselben Nacht ab und ihr Vater ergreift die Flucht, nachdem Justine ihn um ein Gespräch gebeten hatte. Alle Versuche der blassen, durchscheinenden, elfenhaften Braut, mit ihrer Hochzeit einen neuen Anfang zu machen, schlagen fehl. Sie überwirft sich mit ihrem Chef und verliert in einer Nacht nicht nur ihren Ehemann, sondern auch noch ihren Job. Justine schwankt in dieser Nacht zwischen kämpferischem Dasein und absolutem Desinteresse. Eine Kombination, die sie selbst, ihre Mitmenschen, aber auch den Zuschauer mürbe macht.

Claire als Gegenstück

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Die unmissverständlichen Zeichen für den bevorstehenden Weltuntergang machen Justine glücklich.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der im Film angekündigte zweite Teil beschäftigt sich mit dem Leben von Justines Schwester Claire. Sie stellt den Gegenpart zu Justine dar und führt bei oberflächlicher Betrachtung ein gutes und sicheres Leben mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn in ihrem Schlosshotel mit Golfplatz. Weil sie die Schwester ist, nimmt Claire die von Depressionen völlig zerfaserte Justine in ihrem Schloss auf und päppelt sie gegen den Willen ihres Mannes wieder auf.

Claire weiß von dem auf die Erde zusteuernden Planeten "Melancholia". Sie  beobachtet ihn mit Argwohn, liest dazu im Internet und hat ständig wachsende Angst. Sie wird immer wieder von ihrem Mann, der es als Hobbyastronom ja wissen muss, beruhigt. Als die drei die Gewissheit bekommen, dass der Weltuntergang nicht mehr abzuwenden ist, gibt es einen Wendepunkt. Claires Mann John bringt sich mit Schlaftabletten um. Claire selbst verfällt in blinden Aktionismus und will, wie jede Mutter, ihren Sohn retten. Justine scheint nun die Einzige zu sein, die weiß, was zu tun ist. Ihre Teilnahmslosigkeit weicht und sie nimmt ihrem Neffen durch den Bau einer Schutzhöhle aus Ästen die Angst. Für Justine selbst scheint das unausweichliche Ende wie eine langerwartete Befreiung. Kein Entkommen, kein Ausweg.

Zu wuchtig, zu konstruiert

Trotz der hochkarätigen Besetzung, der surrealen Bilder, die manchmal sogar die übertriebene Ästhetik einer gutgepflegten Modelleisenbahnplatte haben, und der Nacktbilder von Dunst, die sich mit der Gewissheit des Todes im Licht zweier Monde räkelt, ist es Trier jedoch nicht gelungen, den Zuschauer in seine Geschichte einzubinden. Der bleibt als Voyeur außen vor und fragt sich, warum er sich die traurigen Geschichten, die anstrengende Musik und die übertriebenen Bilder überhaupt antut. Die von der Handkamera stammenden schnellen Schwenks, Unschärfen und Wackelbilder erzeugen nicht die angestrebte Atmosphäre, sondern lassen den Zuschauer schnell ermüden.

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Noch glauben John und Claire an ein faszinierendes Himmelsspektakel, das sie miterleben dürfen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Zu konstruiert erscheint die Verbindung der manisch-depressiven Protagonistin mit dem Stern am Himmel, der auf die Erde prallen wird und auch noch den Namen "Melancholia" trägt. Zu konstruiert auch die Pferde, die den nahenden Weltuntergang lange Zeit vor den Menschen spüren und ohne Unterlass wiehern. Zu kitschig der letzte Moment der beiden Frauen, die mit Claires Sohn sich an den Händen haltend auf dem Hügel einer grünen Wiese sitzen, während der todbringende Planet von hinten aufsteigt und schließlich mit einer gewaltigen Explosion alles verschlingt. Zu pathetisch die Ouvertüre von Wagners "Tristan und Isolde", die während der Untergangsbilder zu hören ist.

Der Film, an vielen Stellen einfach zu langatmig, macht aus dem Schicksal von drei Personen in den Stunden vor dem Weltuntergang eine öffentliche Therapiesitzung. Die eigentlich psychisch kranke Justine wird durch den nahenden Untergang der Erde schlagartig geheilt. Der zunächst an die wissenschaftlichen Berechnungen glaubende John, der den herannahenden Planeten wie ein Weltwunder betrachtet, nimmt sich im Angesicht des unausweichlichen Endes vorzeitig das Leben. Die starke Claire, die alles im Griff zu haben scheint, kann sich im Augenblick des Todes nicht lösen.

Alles Kalkül?

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Lars von Trier liebt es, sich selbst zu inszenieren.

(Foto: picture alliance / dpa)

Lars von Trier selbst soll die Arbeit für "Melancholia" Spaß gemacht und selbst aus einer langen Depression befreit haben. Der als Misanthrop geltende Regisseur hatte kurz nach der Vorstellung des Streifens bei den Filmfestspielen in Cannes die Befürchtung geäußert, dass sein Film zu "poliert" rüberkommen könnte, weil er anders als andere Werke von ihm keinen Skandal auslöste. Es scheint, als wollte Trier den Skandal selbst entfachen. Nicht nur seine unpassenden und wirren Äußerungen zu Adolf Hitler auf der Pressekonferenz in Cannes im Mai dieses Jahres, sondern auch Widersprüchliches zu seinem Film weisen darauf hin. Im Presseheft von "Melancholia" will Trier seinen Film am liebsten "abstoßen, wie ein Körper ein falsch implantiertes Organ". Dem Hamburger Abendblatt dagegen sagte der 55-Jährige, es sei "der erfreulichste Film, den ich je gemacht habe".

Der Däne hat sich wohl mit "Melancholia" direkt an seinem eigenen Leiden abgearbeitet. Eigenartig nur, dass er dazu Frauenfiguren inszenieren musste. So wie im Film alle Männer geflüchtet sind, so ist auch der Mann im Kino auf der Reihe hinter mir geflüchtet, nämlich in einen gut hörbaren Schlaf.

In den deutschen Kinos zu sehen ist "Melancholia" seit dem 6. Oktober.

Quelle: n-tv.de

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