Kino

Danach erstmal duschen Mit dem Wischmob durch die Mauerstadt

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Alexander Scheer (als Blixa Bargeld), Marc Hosemann (als Nick Cave) und Tom Schilling (als Robert, v.l.)

(Foto: dpa)

Alles geht Robert in seinem Heimatkaff auf den Sack: die Freundin und die Penne, die Hippies und die Lehrer. Das Ziel lautet Berlin. Oskar Roehlers neuer Film "Tod den Hippies! Es lebe der Punk" als knallige Zeitreise zwischen Achtziger-Nostalgie und Groteske.

Sperma, Sperma, nichts als Sperma. Literweise, eimerweise. An den Wänden, auf dem Boden und vor allem an den Scheiben. Robert (Tom Schilling) und sein Fensterleder kommen kaum dagegen an. Die Mädels in der Peepshow, wo der Bengel mit dem Iro seinen Reinigungsdienst versieht, sind einfach zu scharf. Der Showteller dreht sich, die Kabinen sind besetzt. Die handarbeitende Stammkundschaft entledigt sich der Körpersäfte, Sandra und Gunter Gabriel ertönen aus den Lautsprecherboxen. Hose wieder hoch, Schlitz wieder geschlossen, zurück ins Büro, zurück zu Muttern. Willkommen in Berlin. Willkommen in den 80er-Jahren.

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Es gibt so Typen, die können aber auch alles tragen ...

(Foto: dpa)

Einmal mehr kramt Autor und Regisseur Oskar Roehler seine Erinnerungen hervor und bringt sie ins Kino. In "Die Unberührbare" (2000) hatte Roehler von seiner Mutter erzählt, zuletzt adaptierte er mit "Die Quellen des Lebens" (2013) seinen autobiografischen Debütroman "Herkunft". Jetzt schickt er mit dem rasenden Robert sein postpubertäres Alter Ego auf die Rampe. Der hat in seiner piefigen Provinz wenig zu lachen. Die Hippies kommen meditativ durch die Schulgänge, die Eltern nerven, selbst die Lehrer haben lange Haare und sein einziger Kumpel Gries (verrückt-verpickelt: Frederick Lau) ist ein vereinsamter Freizeit-Nazi und Schäferhund-Besitzer, der sich nächtens im Gebüsch pimpern lässt. Und Roberts Freundin, mit Faltenrock und Kassenbrille, träumt schon von Hochzeit und Familie.

Pickel, pimpern, Kassenbrille, heiraten

Die Folge: Robert rattert mit dem Rasierer über den Kopf und macht sich als frischgebackener Iro-Träger auf in die Mauerstadt. Die Lage dort: Erster Job in der Peepshow seines besten Kumpels (Wilson Gonzales Ochsenknecht), Schweinebraten kaufen für die Tänzerinnen, Wodka satt im Absturzladen "Risiko", erste Liebe mit Sanja (Emilia Schüle), für Muttern (Hannelore Hoger) Tabletten besorgen und den Alten (Samuel Finzi), ein Ex-Kassenwart der RAF, um einen Koffer voller Terroristenkohle erleichtern. Et jeht Einijes in Balin. Selbst Gries, der olle Autist, hat hier sein Glück gefunden und ist Schreihals bei einer Punkband namens "Anal Fucking Bastards".

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Hannelore Hoger, Samuel Finzi, Emilia Schuele, Oskar Roehler, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, Tom Schilling und Frederick Lau bei der Premiere.

(Foto: imago/Future Image)

Anfang des Monats ist Roehlers neuer Roman "Mein Leben als Affenarsch" erschienen, "Tod den Hippies! Es lebe der Punk" nun ist die cineastische Ergänzung des erneut biografischen Werks. Dabei legt Roehler, so scheint es, weniger Wert auf ein lineares Abbilden, vielmehr gerät der Film zu einer durchgeknallten Huldigungscollage ans West-Berlin der 80er-Jahre. Punk scheint hier nur namentlicher Unterbau zu sein, der Film hätte ebenso gut "Tod dem Dorf! Es lebe die Stadt" heißen können. Aber das hätte nicht so cool geklungen.

Würste für die Scheichs

Und dieses Stadtbild montiert Roehler als von Begrüßungsgeld finanzierten Anything-goes-Trip: Da stolpern Blixa Bargeld (herrlich stoisch: Alexander Scheer) und Nick Cave (Marc Hosemann) trunken durch die Nacht, steht plötzlich Rainer Werner Fassbinder an der Tanzfläche einer Lederdisco, wird albernst gevögelt wie in einem alten Paukerfilm mit Ilja Richter.

Zwischendurch knipst Roehler autobiografisches Schwarz-Weiß an, stehen Rolf Zacher und Oliver Korritke als grandiose Cameos genauso dämlich in Berlin herum wie im Heimatkaff die Hippies.

En passant wird noch ein Krankenhausjob fäkalienschwer abgehandelt und am Ende, man glaubt es kaum, reiten Robert und Schwarz in die Wüste, um die Scheichs im Nahen Osten mit Schweinswürsten zu versorgen.

Ein Film, nach dem man erstmal duschen möchte, um anschließend voll Karacho die Einstürzenden Neubauten zu hören. Eklig und übertrieben, aber in gleichem Maße äußerst kurzweilig und in seinem rauschartigen Verlauf konsequent und stimmig. Fazit: Punk ist nicht tot, er riecht nur etwas streng.

Quelle: n-tv.de

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