Unterhaltung
Simin (Leila Hatami) und Nader (Peyman Moadi): In guten wie in schlechten Zeiten?
Simin (Leila Hatami) und Nader (Peyman Moadi): In guten wie in schlechten Zeiten?(Foto: Alamode Film)
Freitag, 15. Juli 2011

Die Schuld der anderen: "Nader und Simin" erzählt vom Überleben

von Markus Lippold

Kein Wort über Ahmadinedschad, über die Ajatollahs und die Gewalt gegen Demonstranten. Und doch seziert "Nader und Simin" die iranische Gesellschaft. Weil Menschen auch an den Verhältnissen zerbrechen können, in denen sie leben. Weil es in Diktaturen keine einfachen Antworten gibt.

Es ist kompliziert. Viel komplizierter, als man denkt. Für einfache Antworten ist in "Nader und Simin - eine Trennung" kein Platz. Simin will sich scheiden lassen. Sie will mit der Tochter Termeh den Iran verlassen, um ihr eine bessere Zukunft bieten zu können. Ihr Mann Nader möchte und kann nicht mitgehen. Sein Vater leidet an Alzheimer und ist pflegebedürftig. Nun sitzen Nader und Simin, die sich eigentlich irgendwie noch lieben, vor dem Richter - und der verweigert die Scheidung. Es gebe schließlich keinen Grund dazu, sagt er.

Hodjat (Shahab Hosseini, Mitte) verliert sein Kind und verlangt Genugtuung.
Hodjat (Shahab Hosseini, Mitte) verliert sein Kind und verlangt Genugtuung.

Simin zieht trotzdem aus der gemeinsamen Wohnung aus. Und Nader braucht Hilfe bei der Pflege des Vaters. Er stellt Razieh ein, eine arme, strenggläubige Muslimin. Ihr arbeitslos gewordener Mann weiß nichts von dieser Tätigkeit in der Wohnung eines alleinstehenden Mannes, mit einem dementen Alten, den sie im Notfall auch ausziehen und im Intimbereich waschen muss. Die Moralwerte von Razieh stoßen an ihre Grenzen, doch sie braucht das Geld für ihre Familie.

Als Nader eines Tages nach Hause kommt und seinen Vater an das Bett gefesselt vorfindet, kommt es zum handfesten Streit. Razieh wird aus der Wohnung geworfen - noch am Abend erleidet sie eine Fehlgeburt. Hier beginnt der Streit, beginnen die Ausflüchte und Lügen, zeigen sich die Risse in den Familien immer deutlicher: Hat Nader von der Schwangerschaft gewusst und so den Tod des Ungeborenen verschuldet? Immerhin drohen ihm eine Anklage wegen Totschlags und bis zu drei Jahre Gefängnis. Nader bestreitet die Vorwürfe, doch Raziehs Mann Hodjat will Genugtuung.

Mit Bären überhäuft

Simin ist die treibende Kraft des Films.
Simin ist die treibende Kraft des Films.

Regisseur Asghar Farhadi lässt Welten aufeinanderprallen. Der emanzipierten Simin, die sich den Wünschen ihres Mannes nicht unterordnet und ein selbstbestimmtes Leben im Ausland führen möchte, steht die strenggläubige Razieh gegenüber, die ihren Iman anruft, ob sie den dementen Mann im Intimbereich waschen darf. Der Bankangestellte Nader streitet mit dem aufbrausenden und verzweifelten Hodjat über den Tod des Kindes. Der arbeitslose Mann hat Schulden, seine Gläubiger sitzen ihm im Nacken, er ist auf die Zahlung eines Blutgelds angewiesen. Doch Nader weigert sich, zu zahlen, solange seine Schuld nicht erwiesen ist.

Eheprobleme, die Entscheidung zwischen Gehen und Bleiben, Konflikte zwischen Alt und Jung, zwischen Mittel- und Unterschicht, zwischen liberal und streng religiös und dann noch ein Kriminalfall um den Tod eines ungeborenen Kindes: Regisseur Farhadi lässt kaum etwas aus in "Nader und Simin". Dass der Film, der auf der Berlinale im Februar den Goldenen Bären gewann, trotzdem so wunderbar funktioniert, hat mehrere Ursachen. Es liegt einerseits an den Schauspielern, die jeweils als Ensemble die Silbernen Bären als beste Darstellerinnen und Darsteller erhielten - für einige war es das Spielfilmdebüt.

Es liegt zudem am Drehbuch. Farhadi, der auch als Autor fungierte, erschafft glaubwürdige Charaktere, deren Zwangslagen und Handlungen nie aufgesetzt erscheinen. Zudem liegt Farhadi nichts an allzu offener Kritik am iranischen System, an den herrschenden Ajatollahs oder dem amtierenden Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Die Vertreter der "Islamischen Republik", die tatsächlich eine theokratische Diktatur ist, kommen in diesem Familiendrama meist nur am Rande vor - und dann auch nicht als Hardliner, sondern als mehr oder weniger verständnisvolle Beamte und Richter. Farhadi geht wesentlich subtiler vor: Zwar wird der Machtapparat nicht als böser, unbezwingbarer Riese gezeigt, doch im Grunde sind es doch "die Umstände", wie Simin das formuliert, die die Konflikte erst auslösen: Der Wunsch, das autokratische Land zu verlassen, erschüttert das Fundament einer Familie und reißt einen nach dem anderen mit.

Auch das Verhältnis zwischen Nader und Tochter Termeh (Sarina Farhadi) wird stark belastet.
Auch das Verhältnis zwischen Nader und Tochter Termeh (Sarina Farhadi) wird stark belastet.

Der beeindruckendste Aspekt in "Nader und Simin" ist freilich die Darstellung der Frauen. Von ihnen geht der Wunsch nach Veränderung aus, sie sind die starken Persönlichkeiten, die - über mehrere Generationen hinweg - die Risse zu überbrücken versuchen. Simin ist die treibende Kraft in diesem Film. Sie versucht, den "Umständen" im Iran zu entfliehen, auch wenn sie dafür ihren Mann verlassen muss. Ihre Tochter Termeh ist es, die das Lügennetz des Vaters in Frage stellt und ihn zwingt, sich damit auseinanderzusetzen. Die strengreligiöse Razieh geht bis an ihre Grenzen, um ihrem Mann zu helfen. Und sie hält an ihren moralischen Regeln fest. Die Darstellerinnen Leila Hatami, Sarina Farhadi (die Tochter des Regisseurs) und Sareh Bayat tragen den Film, machen ihn zu einem Dokument gesellschaftlichen Scheiterns. Denn die Risse in Simins und Naders Familie, die Unterschiede zu Razieh und Hodjat spiegeln die gesellschaftlichen Verhältnisse im Iran.

Wer trägt die Schuld?

Simples Schwarz-Weiß-Denken liegt Regisseur Farhadi aber fern. Die mittelklassige, gutsituierte und liberale Familie ist kein idealer Gegenentwurf zum religiösen Fanatismus. Auch sie verstricken sich in Widersprüche, in Lügen, in Ausflüchte. Die streng religiösen Figuren wiederum sind keine blinden Fanatiker. Sie müssen um ihr Überleben kämpfen und verlangen nach gesellschaftlicher Anerkennung. Wer also trägt die Schuld daran, dass Familien zerbrechen, ein Ungeborenes stirbt und Frustration und Gewalt zutage treten? Simin, weil sie das Land verlassen will, das sie nicht mehr ertragen kann? Nader, weil er sich um seinen Vater kümmern möchte und seine Frau nicht begleiten kann? Razieh, weil sie sich zu viel zugemutet hat? Hodjat, weil er sich verschuldet hat? Farhadi gibt keine Antwort. Aber er zeigt auf meisterliche Weise, warum jede einzelne Figur so handeln muss. Und wie leicht es ist, den ethisch richtigen Weg aus den Augen zu verlieren.

Asghar Farhadi bei den Dreharbeiten zu "Nader und Simin".
Asghar Farhadi bei den Dreharbeiten zu "Nader und Simin".(Foto: Alamode Film)

Ob arm oder reich, ob streng religiös oder nicht - jede der Figuren muss jeden Tag einen Drahtseilakt bestehen. Sie muss permanent auf Diktatur und Repression reagieren, sich mehr oder weniger anpassen, versuchen, zurechtzukommen. Versuchen, zu ihrem Recht zu kommen. Sonst droht sie, an den Verhältnissen zu zerbrechen. Vielleicht können gerade deutsche Zuschauer nachvollziehen, warum die Menschen in "Nader und Simin" so reagieren, wie sie reagieren. Das Leben in einem autoritären Staat ist kompliziert. Viel komplizierter, als man von außen denkt. Für einfache Antworten ist da kein Platz. Für wunderbares, menschliches, nachdenkliches Kino manchmal schon.

"Nader und Simin - eine Trennung" läuft seit dem 13. Juli in den deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de