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"England ist krank" Nächster Halt: Maxïmo Park

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Nach Maxïmo Park einsteigen bitte!

(Foto: n-tv.de)

Mit Songs wie "Apply Some Pressure", "Our Velocity" oder "Books From Boxes" mauserten sich Maxïmo Park zu Indie-Lieblingen. Nun sind sie zurück - mit neuem Album, Anmerkungen zur Lage der Nationen, wiedererlangter Spielfreude und einer ungewöhnlichen Aktion im Herzen Berlins.

Warum nur war klar, dass Paul Smith einem mit einem Hut gegenübersitzen würde? "Weil das inzwischen das Markenzeichen einer wahren Musiklegende ist", sagt der Sänger und lacht über seine klitzekleine Übertreibung. Trotzdem hat er nicht ganz unrecht. Dachte man früher beim Anblick einer nicht für den Verzehr geeigneten Melone an fiktive Figuren wie Pan Tau oder John Steed, liegt inzwischen auch die spontane Assoziation mit Paul Smith nicht mehr allzu fern. Oder genauer: mit Maxïmo Park, der Band, der er seit bald einem Jahrzehnt als Frontmann vorsteht.

Seit einem Jahrzehnt und vier regulären Studio-Alben. Denn mit "The National Health" melden sich Maxïmo Park zurück - nach rund drei Jahren Band-Pause. Dass die nötig war, darüber sind sich die fünf Mitglieder der Gruppe einig. "Wir waren auf dem Weg, etwas müde zu werden und in ein Loch zu fallen", erklärt Gitarrist Duncan Lloyd. "Wenn du andauernd unterwegs und auf Tour bist, ist es außerdem wirklich schwer, Lieder zu schreiben. Du musst auch ein wenig dein Leben leben - nach Hause gehen, Freunde treffen, mit deiner Familie zusammen sein", fügt er hinzu.

"Ja, es gab Kämpfe"

Dabei waren die Band-Mitglieder in den vergangenen Jahren nicht untätig. Zusammen schrieben sie den Soundtrack zu einem Stummfilm. Lloyd und Smith gingen auch eigenen musikalischen Projekten nach - bei Smith mündete dies 2010 in sein Soloalbum "Margins". Andernfalls wäre er womöglich durchgedreht, erklärt der Sänger seinen Alleingang. Und jetzt? Ist er geheilt? "Absolut!", versichert Smith.

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Nach drei Jahren hat sich die Band wieder zusammengerauft.

(Foto: Universal Music)

Doch auch sonst scheint es durchaus heilsam gewesen sein, Maxïmo Park für eine Weile auf Eis zu legen. "Wir hatten wieder frische Ideen", sagt Lloyd über den Moment, als sie zu fünft zurück an einen Tisch kamen. Die unterschiedlichen Vorstellungen unter einen Hut zu bringen, gestaltete sich indes schwierig, gibt der Gitarrist unumwunden zu: "Ja, es gab auch Kämpfe und wir haben gestritten. Aber im positiven Sinn. Nicht so, dass man dem anderen 'Ich hasse dich' an den Kopf geworfen hätte. Eher so: 'Schau doch. Das funktioniert so nicht. Wie schaffen wir, dass es funktioniert?'"

Schließlich besann man sich auf das, was alle in der Gruppe eint. "Wir lieben alle Pop-Musik. Also haben wir gesagt: Lasst uns eine Pop-Platte machen. Und wir lieben Melodien. Sie waren immer das Herzstück unserer Songs", erklärt Llloyd. Gesagt, getan. Und so legt die Band mit "The National Health" einmal mehr ein Werk voll eingängiger, bittersüß-schöner und bisweilen melancholischer Indie-Rock-Perlen vor. Hier und da mit etwas mehr elektronischen Elementen angefüllt als bis dato gewohnt. Doch ansonsten typisch Maxïmo Park. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wenn Smith über das Album scherzhaft sagt, es sei so etwas wie "die Greatest-Hits-Scheibe, die wir nie hatten", wandelt er abermals zielsicher im Terrain zwischen ironischem Überschwang und einem Funken Wahrheit.

Hintergründige Botschaften

Seinen Anteil an der geglückten Rückkehr des Quintetts aus dem englischen Newcastle hat sicher auch der Produzent von "The National Health". Mit Gil Norton, der bereits dem zweiten Maxïmo-Park-Werk "Our Earthly Pleasures" den letzten Schliff verpasst hatte, ist dies erstmals ein alter Bekannter - bislang hatten die Briten bei jedem Album den Mann hinter dem Mischpult ausgetauscht. "Er kennt uns bereits in- und auswendig. Und wir kennen ihn", sagt Schlagzeuger Tom English über Norton. Und Lloyd ergänzt: "Mit ihm zusammenzuarbeiten, hat uns relaxter gemacht. Das merkt man dem Album an. Die Songs waren ja alle schon da und geschrieben. Aber er half uns, sie in die richtigen Bahnen zu lenken."

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Ihr neues Album "The National Health" ist ab sofort erhältlich.

(Foto: Universal Music)

Eher aus der Bahn geraten ist für die Band indes die Lage in ihrem Heimatland. Und nicht nur da. "England is ill and it is not alone" (England ist krank und es ist nicht allein), heißt es im Text des Album-Titelsongs. "Wir stecken in einer weltweiten Rezession und trotzdem werden wir mit fröhlicher, knallbunter Musik bombardiert", sagt Smith und ergänzt mit der bekannten Vielschichtigkeit in seinen Aussagen: "Das Land ist außer Kontrolle und das Album soll dem Kontrollverlust entgegenwirken." Anstatt auf eindeutige politische Aussagen setzen Maxïmo Park auf hintergründige Botschaften, die jedoch unschwer zu dechiffrieren sind.

So nachdenklich und wehmütig Smith und seine Mitstreiter bisweilen in ihrer Musik rüberkommen, so fröhlich und humorvoll erscheinen sie, wenn sie einem gegenübersitzen. Und auch die Begleit-Aktionen zu ihrer Album-Veröffentlichung belegen, dass sie keine Kinder von Traurigkeit sind. Im Video zum Song "Hips And Lies" etwa macht sich Schauspieler Thomas Turgoose, hierzulande vor allem durch seine Rolle im Skinhead-Drama "This Is England" bekannt, bereitwillig zum Affen. Dazu, im Maxïmo-Park-T-Shirt in einem mit Band-Postern ausgekleideten Raum wild zu dem Lied abzutanzen, musste er nicht lange überredet werden. Er ist ein bekennender Fan der Gruppe.

Auch der Einfall, den die Band zur Bewerbung ihres neuen Albums in Deutschland hatte, zeigt, dass sich die fünf von der Insel selbst nicht zu ernst nehmen. Kurzerhand mietete die Gruppe eine Straßenbahn in Berlin an - für ein Konzert auf Rädern sozusagen. "Es war ein wenig abgedreht. Aber das wollten wir auch", sagt Lloyd über die Aktion. Schon immer habe man sich bei Album-Veröffentlichungen irgendetwas Besonderes einfallen lassen. "Wir haben schon auf einem Boot gespielt, in einer Kunst-Galerie und in einem Kino. In Berlin hatten wir bisher noch nichts Derartiges gemacht. Aber wir haben sehr viele Fans hier - für sie wollten wir uns mal etwas einfallen lassen", erklärt Lloyd.

So setzte sich die mit einigen Journalisten und ausgewählten Fans besetzte Tram in Bewegung. Die Menschen auf der Straße, an denen sie vorbeizog, dürften sich nicht nur über die laute Musik, die aus den Waggons ertönte, gewundert haben, sondern auch über das auf der Bahn ausgewiesene Ziel. Wo bitte schön ist denn der Maxïmo Park? Na, ganz klar, natürlich im nächsten Plattenladen.

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Maxïmo Park sind im Oktober 2012 in Deutschland auf Tour: Erlangen (16.10.), Berlin (19.10.), Leipzig (20.10.), Hamburg (21.10.), Frankfurt am Main (23.10.), Köln (27.10.)

Quelle: n-tv.de