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"Ich wollte meine Sozialisation sampeln" Retter des deutschen Hiphop: Casper

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Sein "Schublädchen" heißt Emo-Rap: Casper.

(Foto: Andreas Janetschko / Four Music / Sony Music)

Mit Gitarrenmusik und Liebe zur Traurigkeit wirbelt Casper die deutsche Rap-Szene durcheinander. Sein Album "XOXO" steht seit Wochen in den Top Ten der Charts. Casper kann es noch immer nicht fassen: "Als wir die Platte abgegeben haben, dachte ich: Die wird jetzt von der Hiphop-Welt gehasst ..."

Der Retter des deutschen Hiphop öffnet persönlich die Tür. Ein kurzer Bart, die Haare nach vorn bis ins Gesicht gekämmt, enge Hosen und ein Shirt der britischen Hardcore-Band "Dead Swans" am Körper: Benjamin Griffey sieht tatsächlich nach dem Stempel "Emo-Rapper" aus, den ihm einige Medien aufgedrückt haben. Anfangs habe er sich noch dagegen gewehrt. "Ich habe versucht, die Bezeichnung durch Übernahme totzureiten. Das hat nicht funktioniert. Dann habe ich mich irgendwann damit abgefunden." Und jetzt sei er eigentlich ganz zufrieden damit, eine eigene Schublade bekommen zu haben. So wie man bei Straßen- oder Gangsta-Rap sofort Bushido im Kopf habe. "Wenn man bei Emo-Rap sofort an mich denkt, finde ich es fast schon wieder ritterschläglich", sagt Griffey. "Wenn da noch nicht so viele drin sind, wohnt es sich ja auch recht gemütlich in meinem Schublädchen."

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Nachdenklich statt prollig ...

(Foto: Christoph Voy / Four Music / Sony Music)

Von wegen. Griffey, besser bekannt unter seinem Rapper-Pseudonym Casper, liegt nicht entspannt in irgendeiner Rap-Schublade herum. Mit seinem aktuellen Album "XOXO" ist der 29-Jährige zum angesagtesten Vertreter des deutschen Hiphop emporgestiegen, zumindest was das mediale Echo und den kommerziellen Erfolg betrifft. Sofort nach Erscheinen schoss XOXO auf Platz eins der Albumcharts, deren Top Ten es noch nicht wieder verlassen hat. Und auch in der deutschen Hiphop-Szene kommt derzeit niemand an Casper vorbei. Sie hassen oder feiern ihn, kalt lässt er nur die wenigsten.

Das liegt daran, das Casper anders ist. Ob im Aussehen, seiner Musik oder seinen Texten: Griffey entspricht nicht den klassischen Vorstellungen, die Medien und breite Öffentlichkeit von einem Rapper haben, oder dem klischeehaften Selbstbild, das in Teilen der Hiphop-Szene gepflegt wird. Casper macht nicht ständig einen auf harten Jungen von der Straße, erzählt eher nachdenklich denn prollig aus seinem Leben. In seinen Liedern klingt die Lust an Traurigkeit wieder, man hört Verletzlichkeit und Selbstzweifel durch. Und musikalisch ist sein Sound oft mehr von Gitarren als von Breaktbeats und Scratchen geprägt. Casper ist ein neues, bislang unbekanntes Phänomen im deutschen Rap-Business. Wohl deshalb stürzen sich die Musikkritiker so auf ihn - vielleicht auch, weil er ihnen näher ist, sie ihn besser verstehen, als den meisten anderen Deutschrap. Und deshalb haben so manche Rap-Puristen mit Casper ein Problem. Sie wissen noch nicht, was sie davon halten sollen, dass er musikalisch, textlich und im ganzen Auftreten ihre Grenzen sprengt.

"Das ist doch Scheiße"

Dabei entspricht Caspers Album eigentlich genau dem, was Hiphop schon immer ausgemacht hat. "Ich wollte meine musikalische Sozialisation sampeln", sagt Griffey. Früher habe er Rap-Platten gemacht, die auf Musik basierten, die nicht von Relevanz für ihn gewesen sei. Irgendwelche Beats mit irgendwelchen Funk- und Soul-Versatzstücken. "Das hatte überhaupt nichts mit mir zu tun." Er habe oft nicht mal gewusst, womit die Songs gesampelt waren. "Das ist doch Scheiße." Deshalb fragte sich Casper, was er wirklich hört. "Das sind dann halt Echo & The Bunnymen, New Order, Joy Division, The Smiths und The XX", erklärt er. Mit Funk, Soul oder gar Hiphop haben die Bands allesamt nichts zu tun. Und deshalb klingt Caspers Album im Ergebnis auch so sehr nach Indie-Rock. Deshalb ist Tomte-Sänger Thees Uhlmann einer der wenigen Gäste auf der Platte. Deshalb spricht sie nicht nur Rap-Fans an.

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In die Rap-Szene sei er eher "zufällig reingerutscht", sagt der Sänger.

(Foto: Andreas Janetschko / Four Music / Sony Music)

"Wenn in den USA Rapper sich Funk- und Soul-Stücke nehmen, die zerstückeln, daraus Beats machen, hat das ja fast schon einen volkstümlichen Hintergrund", sagt Griffey in der Küche seines Plattenlabels "Beat the rich" in Berlin-Kreuzberg. Darum funktioniere Hiphop dort auch so gut, erreiche eine breite Masse. "Weil, als 50 Cent noch der kleine 10 Cent war, hat er wahrscheinlich Aretha Franklin mit seiner Mutti gehört. Das haben Millionen andere auch." Und egal, was für einen Text er dann über ein Aretha-Franklin-Sample rappe, der Song wecke dadurch Gefühle bei anderen wieder. Deshalb sei Rap in den USA so groß.

Um Gefühle geht es bei Casper auch. Das verrät schon der Name seines Albums: "XOXO" steht in der Zeichensprache des Internets für "Umarmung und Küsse". Ein Titel, den wohl die wenigsten Rapper wählen würden. Es geht darauf um die "Kernthemen" Familie, Liebe, Freundschaft. "Es ist doch viel interessanter darüber zu reden, als am Tresen zu stehen und zu sagen: Deine Kumpels und du, ihr seid alles Lappen, ich raube euch aus, töte euch und fick' deine Mutter", sagt Casper, der privat allerdings auch auf prolligen Rap steht, wie er sagt.

Bielefeld statt Jersey

Als "Manifest einer Generation" wird sein Album auch angepriesen. Aber was für eine Generation ist das denn? "Ich beziehe mich auf der Platte hauptsächlich auf meine kleinstädtischen Wurzeln", sagt Giffrey, der aus Extertal-Bösingfeld im Kreis Lippe stammt. Das ist so klein, wie es klingt. Nach einigen Jahren in Georgia, USA, hat Giffrey dann in Bielefeld gewohnt. "So wie Bruce Springsteen über Jersey schreibt, so ähnlich versuche ich, diese Bielefeld-, Ostwestfalen-Sache zu beschreiben." Mit einer gewissen Traurigkeit, Melancholie im Unterton. "Es ist aber nicht alles so traurig gemeint", sagt Casper. Vielmehr sei es eine "romantische Tristesse".

Was er auf seinem Album so gut schafft, das Gefühl von vielen jungen Menschen zu beschreiben,  nimmt im Kreuzberger Küchengespräch etwas chaotischere Formen an. Als "Umbruchsgeneration" bezeichnet er seine Altersgruppe. Es gebe eine große Haltlosigkeit momentan, auch Perspektivlosigkeit. Trotzdem dauernd Party. Dabei nur lauter projektbezogene Jobs, keine feste Bindung an Familien mehr. Die Verunsicherung sei groß. "Ich versuche das zu schreiben, ohne eine 'Früher-war-alles-besser-Attitude'. Weil das stimmt ja einfach nicht." Dafür bekommt seine Musik einen kräftigen Schlag Melancholie oben drauf.

Burton statt Spielberg

Woher kommt denn diese Traurigkeit? "Wenn man Rap-Musik als Blockbuster sieht, was sie ja wirklich ist, mag ich eben nicht Steven Spielberg, groß, aufgeblasen - ich mag dann eher Tim Burton. Aber das nicht aus einer Haltung 'Ich bin depressiv oder der klügste, wortgewandteste Mensch der Welt', sondern ich finde das einfach gut." Deutschland habe leider ein generelles Problem damit, wenn man traurige Sachen schön finde. Emo eben. Damit habe er sich aber nie bewusst absetzen wollen, sagt Casper. "Ich habe immer schon in diese Stimmungskerbe geschlagen." Jetzt gerade treffe sie offenbar auf den Zeitgeist. Deshalb sei sein Album einerseits selbstbezogen, andererseits zeitgeistig geworden. "Falls das irgendwie Sinn macht", fügt Giffrey an und lacht laut los.

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Auf den richtigen Rap-Partner wartet Casper noch.

(Foto: picture alliance / dpa)

Alles ein großer Zufall also? Casper ist es zumindest gewohnt, ein Außenseiter zu sein. In die Rap-Szene "bin ich zufällig reingerutscht". Giffrey war Sänger der Hardcore-Band "Not Now Not Never". Aus dieser Zeit ist seine Reibeisenstimme geblieben. Er hat als Sohn eines US-Soldaten einige Jahre in den Staaten gelebt, am Ende aus Geldmangel in einem Trailerpark. "Wenn du da wirklich warst, willst du da nicht mehr hin", erzählt er. "Das ist keine coole Sache, da willst du auch nicht mehr drüber reden." Auch wenn es so richtig schön nach Eminem und seinem Kinohit "8 Mile" klinge und andere Rapper sich ewig um ein solches Klischeebild bemühen.

Besser jetzt als früher

Verstehen kann Giffrey die ganze Aufregung um seine Person eigentlich nicht, aber genießen tut er sie schon. "Es ist jetzt natürlich der Wahnsinn", ruft er in der Küche. Es sei "total krass-schmeichelhaft-super-mega-toll", dieser Hype um ihn. "Als wir die Platte abgegeben haben, dachte ich: Die wird jetzt von der Hiphop-Welt gehasst, die wird vom Feuilleton gar nicht erkannt, und die breite Masse wird sie nie erreichen." Dass der Erfolg jetzt erst - mit fast 30 - kommt anstatt mit Anfang 20, sei wahrscheinlich sogar gut. "Da wäre ich ganz krass abgehoben. Ich glaube, dann wäre ich ein Arschloch geworden."

Giffrey genießt also die Aufmerksamkeit, die ihm als Casper gerade zuteil wird. Und auch seine Kritiker in der Hiphop-Szene kann er zum Teil verstehen. Er selbst hat sich deshalb den Begriff Post-Hop für seine Musik gewählt, weil er treffender beschreibe, dass sie über den klassischen Hiphop hinausgehe. Trotzdem passiere da "viel Quatsch" in der deutschen Rap-Szene. "Die sitzen in ihren Rap-Gewässern und fragen sich, warum da kein Ufer kommt. Es kommt kein Ufer, weil sich niemand außer Rap-Hörern damit identifizieren kann." Wer sage, der Casper mache voll den Scheiß, dem antworte er: "Kann ja sein, aber was du machst, ist nicht cleverer."

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Das Album "XOXO" ist seit Juli im Handel.

(Foto: Four Music / Sony Music)

Trotzdem verteidigt Giffrey deutsche Straßen- und Gangstarapper wie Sido und Bushido jederzeit, den Rap-Puristen Kool Savas sowieso. Momentan sei "Haftbefehl" der "absolute Rap-Wahnsinn", ein kurdisch-stämmiger Rapper aus Offenbach. "Alle können seine Texte rappen, weil es so witzig ist", sagt er. Aber es müsse auch mal wieder einen Gegenpol zu der ganzen Gangsta-Welle und den vielen schlechten Nachahmern geben. "Wir kommen jetzt endlich zu einer gesunden Vielfalt."

Für Casper wird der Rap-Wahnsinn jetzt mit voller Wucht weitergehen. Interviews, Konzerte - der ganze Hype eben. Außerdem hat er schon Anfragen für die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. Allerdings "leider" keine Rapper, sondern Indie-Rocker. Marcus Wiebusch von der Hamburger Band "Kettcar" zum Beispiel. Dabei würde Casper gerne mit einigen zusammen was machen. Mit wem, will er aber nicht verraten. Er verrät nur noch, dass er auch "riesiger" K.I.Z.-Fan sei. Die Berliner Rapper sind ebenfalls bei seinem Label unter Vertrag. "Ich hoffe, dass wir eines Tages ein Lied zusammen machen. Ich traue mich aber noch nicht, zu fragen."

Das Album "XOXO" von Casper im n-tv Shop bestellen

Casper befindet sich im Oktober 2011 auf Tour: Heidelberg (1.10.), Aachen (2.10.), Gießen (4.10.), Stuttgart (5.10.), Augsburg (8.10.), Freiburg (10.10.), Frankfurt (11.10.), Bielefeld (12.10./13.10.), Hamburg (14.10.), Potsdam (15.10.), Dortmund (18.10.), Erfurt (19.10.), Leipzig (20.10.), Dresden (21.10.), Nürnberg (23.10.), Hannover (26.10.), Kassel (27.10.), Bremen (28.10.), Köln (29.10.), Duisburg (30.10.), Münster (31.10.)

Quelle: ntv.de

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