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Zur Künstlerin geboren: Allie X.
Zur Künstlerin geboren: Allie X.(Foto: Twin Music Inc)
Mittwoch, 20. Dezember 2017

Von der Meerjungfrau zur Musik: Allie X, die bessere Lady Gaga?

Sie ist schon ein bisschen verrückt, die Allie X. Aber zugleich fließen der kanadischen Musikerin wirklich wunderbare Pop-Perlen aus der Feder. Mit n-tv.de spricht sie über ihre Meerjungfrauen-Vergangenheit, Gaga, Spaß, Kunst - und das "X" in ihrem Leben.

n-tv.de: Du hast in einem Interview gesagt, eigentlich wolltest du Meerjungfrau werden. Dann hast du es dir aber anders überlegt und bist Musikerin geworden. Was hat dich umgestimmt?

Allie X: (lacht) Irgendwann kam wohl der Punkt, an dem ich feststellte, dass Meerjungfrau kein richtiger Beruf ist. Aber ich wollte auch schon immer singen. Als ich klein war, dachte ich tatsächlich, Meerjungfrauen wären auch Sängerinnen. Erst habe ich von mir als Meerjungfrau geträumt - und dann von mir in einer Boa. (lacht) Ich habe den Traum von einer Fischflosse gegen den Traum von einer Boa getauscht.

Wenn du auf dein heutiges Leben blickst: War es eine gute Entscheidung, doch lieber Musikerin zu werden?

Als Künstler zu arbeiten, ist schon ziemlich herausfordernd. Aber manche Menschen haben keine Wahl - sie sind dafür bestimmt. Ich würde mich dieser Kategorie zuordnen. Manchmal würde ich mir wünschen, dass es etwas anderes gäbe, in dem ich gut bin, sodass ich ein etwas ruhigeres und stärker ausbalanciertes Leben führen könnte. Aber das gibt es wohl nicht.

Alles in allem ist es ja auch nicht so überraschend, dass du dich für eine Musikkarriere entschieden hast. Es heißt, du hättest dich schon in sehr jungen Jahren für Musicals, Opern und Klaviermusik interessiert. Hast du deine Wurzeln also eher im klassischen Bereich?

Ja, ich habe klassisches Piano und klassischen Gesang studiert und Musiktheater gemacht. Ich habe Musiktheorie und all dieses Zeug gelernt. Das ist für das, was ich jetzt mache, schon hilfreich - aber auch nicht so wichtig. (lacht)

Allie X stammt aus Kanada, lebt inzwischen jedoch in Los Angeles.
Allie X stammt aus Kanada, lebt inzwischen jedoch in Los Angeles.(Foto: Brendon Burton)

Du hast sogar mal an einer TV-Show teilgenommen, in der es darum ging, eine Musical-Rolle zu gewinnen ...

Oh mein Gott, lass uns nicht darüber sprechen.

Okay, aber hättest du theoretisch auch Musical-Sängerin werden können?

Nein, weil mir irgendwann klar geworden ist, dass das nicht das Richtige für mich ist. Ich hatte das Gefühl, dass ich in dem Bereich meine Kreativität nicht ausleben kann, sondern immer nur dirigiert und wie ein Bühnenelement durch die Gegend geschoben werde. Ich glaube, ich bin besser darin, mein eigenes Ding zu machen.

Du stammst aus Oakville in Kanada, bist dann aber nach Toronto gezogen und hast dort auch schon mit einigen Bands Musik gemacht und Platten aufgenommen ...

Ja, ich bin nach Toronto gezogen und habe angefangen, Songs zu schreiben. Ich habe mich mit verschiedenen Menschen angefreundet und mit ihnen zusammengearbeitet. Ich denke mal, wenn jemand mit Anfang 20 von irgendwo in Deutschland nach Berlin zieht, ist das so ähnlich. Irgendwann gehört man zu einer bestimmten Szene - so war es bei mir mit Toronto. Aber auch wenn ich wirklich viele tolle Menschen kennengelernt habe und meinen Spaß hatte, habe ich musikalisch dort nie meinen Platz gefunden. Ich glaube, weil ich Popmusik gemacht habe, ohne es richtig zu merken.

Oakville ist ganz in der Nähe von Mississauga. Billy Talent kommen von dort. Hast du sie je getroffen?

Ja, ich war vor Jahren mal auf einer Party und saß am gleichen Tisch wie sie. Ich war wirklich betrunken und habe angefangen, auf dem Tisch zu tanzen. Irgendwann kam ihr Manager zu mir und sagte: "Das kannst du hier nicht machen." Und ich meinte: "Das ist aber doch auch mein Tisch." (lacht) Das war mein Billy-Talent-Erlebnis.

Du sagtest, du bist in Toronto nie wirklich musikalisch angekommen. Bist du deshalb dann nach Los Angeles gezogen oder hatte das andere Gründe? Das Wetter zum Beispiel ...

(lacht) Nein, das Wetter war nur eine schöne Zugabe. Ich hatte einfach den Drang, dort hinzugehen - ohne mir anfangs groß Gedanken darüber zu machen, dass Los Angeles das Pop-Zentrum der Welt ist. Und ohne das Wissen über das dortige Musikbusiness, das ich heute habe. Ich bin einfach hin. Schließlich habe ich dann in Los Angeles auch einen Vertrag als Songwriterin bekommen.

Trotzdem bist du nach Toronto zurückgekehrt, als du dein zweites Album "CollXtion II" aufgenommen hast, das im Juni erschienen ist ...

Den Vergleich mit Lady Gaga nimmt sie als Kompliment.
Den Vergleich mit Lady Gaga nimmt sie als Kompliment.(Foto: Jungle George)

Das stimmt. Los Angeles war mir auf Dauer zu anstrengend. Ich liebe viele Dinge an Los Angeles, aber es gibt dort wenig Gemeinsinn. Alle sind immer im Stress und beschäftigt. Mir hat dort ein Stück weit Menschlichkeit gefehlt, wenn du so willst. Ich bin nach Kanada zurück, um mir eine Pause davon zu gönnen. Das hat mir geholfen, wieder richtig kreativ zu werden. Ich habe angefangen, einfach nur mit meinem Laptop an Songs zu arbeiten. Am Ende kamen dabei dann die Songs heraus, die jetzt auf dem Album sind.

Wo bist du jetzt zu Hause?

In Los Angeles. Ich muss schon in L.A. sein. Aber die Erfahrung hat mir gezeigt, dass man von Zeit zu Zeit mal weggehen muss.

Schon die erste Single, die du 2014 als Allie X veröffentlicht hast, "Catch", hat ziemliches Aufsehen erregt. Katy Perry erwähnte den Song in einem Tweet und nannte ihn ihren Frühlingshit. Was hast du dir da gedacht?

Das war wirklich surreal. Ich war gerade erst in Los Angeles angekommen, veröffentlichte meinen ersten Song - und ein so großer Star sprach darüber. Das fühlte sich schon an wie ein abgefahrener Traum.

Hat dir das geholfen?

Ja, auf jeden Fall. Schau, du sprichst es heute noch an. (lacht) Offensichtlich hat es eine Wirkung gehabt und zum Beispiel auch einige Labels aufmerksam gemacht.

Wenn du gefragt wurdest, wie du deine Musik beschreiben würdest, hattest du bisher unterschiedliche Definitionen parat. Mal sagtest du, deine Musik sei "elektronisch verstimmter Traum-Pop", ein anderes Mal hast du sie mit Begriffen wie "hochfliegender Pop", "Borderline", "theatralisch" und "Disney" charakterisiert. Welche Definition hast du für mich heute parat?

"Elektronisch verstimmter Traum-Pop" finde ich immer noch passend. Aber ja, es gibt da schon auch diese Disney-Elemente. Ich bin mit Disney-Filmen aufgewachsen und habe all die Songs aus ihnen gesungen. Ich mag auch wirklich diese hochfliegenden, ABBA-mäßigen Melodien.

Und du magst Synthesizer ...

Ich liebe Synthesizer!

Ich weiß nicht, ob du das gar nicht gerne hörst oder es als Kompliment nimmst: Anfangs, als ich dich gesehen und gehört habe, hast du mich ein bisschen an Lady Gaga erinnert. Kannst du das verstehen?

Ja, das höre ich natürlich nicht zum ersten Mal. Ich habe sehr viel Respekt vor Gaga. Von daher nehme ich das als Kompliment.

Unter anderem schrieb sie auch Songs für Troye Sivan.
Unter anderem schrieb sie auch Songs für Troye Sivan.(Foto: Logan White)

Einer der Künstler, mit denen du zusammengearbeitet hast, ist Troye Sivan. Du hast an einigen Songs auf seinem Album mitgeschrieben und warst mit ihm in den USA auf Tour. Er ist Australier - wie habt ihr zueinandergefunden?

Er verbringt auch sehr viel Zeit in L.A. Als ich meinen Song "Bitch" veröffentlicht habe, hat er in einem Tweet etwas darüber geschrieben. Wie schon bei Katy Perry bekam ich auf einmal tonnenweise Twitter-Benachrichtigungen. (lacht) Schließlich haben wir uns Nachrichten geschrieben. Er sagte mir, dass er auch Songs schreibt. Und wir haben einen gemeinsamen Freund, der auch Songwriter ist. Irgendwann saßen wir zu dritt im Raum - und die Chemie stimmte einfach. Seither haben wir viel zusammengearbeitet.

Du hast auch schon für andere Künstler Songs geschrieben ...

Ja, aber das waren bisher eher kleine Sachen. Keine, die so erfolgreich waren wie die mit Troye.

Fällt es dir schwer zu entscheiden, ob du einen Song weggibst oder doch lieber selbst singst?

Bisher nicht. Es könnte schon mal problematisch werden ... Aber nein, bisher war das eigentlich kein Thema.

Wir müssen noch über das "X" in deinem Leben sprechen. Das "X" in deinem Namen soll die unbekannte Variable in der Algebra symbolisieren. Das musst du mir erklären ...

Ja, aber wenn ich zu viel rumspinne, musst du es mir sagen. (lacht) "X" steht für mich dafür, dass alles möglich ist. "X" steht für Unendlichkeit. Als ich mich dafür entschieden habe, das als Nachnamen zu wählen, wollte ich ausdrücken: Ich weiß nicht, wer ich bin. Ich habe viele Fragen an mich selbst und meinen Platz in der Welt. Zugleich besagt das "X", dass das auch okay ist. Es ist okay, verwirrt zu sein. Es ist okay, unvollständig zu sein und daran zu arbeiten, seine Wahrheit zu finden.

Du bist also auf einer Reise zu dir selbst ...

Exakt!

Wie jeder, denke ich. Glaubst du, dass du mal ankommst?

Ich hoffe. Auf der bisherigen Reise durch mein Leben habe ich schon viel über mich gelernt, aber manchmal verwirrt einen das noch mehr. Wenn man älter wird, wird einem die eigene Endlichkeit mehr und mehr bewusst, man nimmt mehr Schmerz und Trauer wahr. Ich bin mir deshalb nicht wirklich sicher ... Aber allein, dass ich mich dazu entschieden habe, zu sagen, dass ich Allie X bin, fühlt sich für mich richtig und angenehm an.

Das "X" kommt aber nicht nur in deinem Namen vor. Das spielt zum Beispiel auch bei deinen Albumtiteln oder in deinen Songs eine Rolle. Könnte man bei dir von einem Gesamtkunstwerk sprechen?

Ja, der Gedanke gefällt mir. Ich bin schon in erster Linie eine Musikerin. Aber mir gefällt es, darum eine ganze, auch multimediale Welt zu bauen, in der man sich verlieren kann.

Das aktuelle Album der Sängerin heißt "CollXtion II".
Das aktuelle Album der Sängerin heißt "CollXtion II".(Foto: Twin Music Inc)

Du nennst einen Sänger wie Mark Mothersbaugh von den New-Wave-Veteranen Devo ebenso als Einfluss wie Björk oder den Schriftsteller Haruki Murakami. Sie alle verfolgen in gewisser Weise einen surrealistischen Ansatz - die einen eher spaßig, die anderen künstlerisch. Wie viel bei dir ist Spaß und wie viel Kunst?

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass der Spaßanteil größer ist. Aber ich nehme mich selbst zu ernst. Ich nehme das Leben zu ernst. Ich spüre die Schwere von allem. Deshalb glaube ich, was ich ausdrücke, ist überwiegend ernst und Kunst. Zugleich weiß ich, dass Spaß der Schlüssel zum Glücklichsein ist. Als Kind war ich noch unbefangener. Von daher: Spaß ist für mich ein Ziel.

Eines deiner Ziele ist es auch, für den Rest deines Lebens als Songwriterin zu arbeiten. Gibt es einen Künstler, für den du besonders gerne mal arbeiten würdest?

Es gibt so viele Künstler, die ich bewundere, darunter auch so manche Musikikonen, mit denen ich natürlich gern mal zusammenarbeiten würde. Aber ich möchte keine Namen nennen, mit Blick auf die Popmusik jedenfalls. Auf jeden Fall würde ich mit Haruki Murakami gern mal was machen. (lacht) Keine Ahnung, wie das zustande kommen soll, aber das wäre toll. Oder mit einem Regisseur, den ich bewundere - Polanski oder Gus van Sant. Ich glaube, Kooperationen interessieren mich eher außerhalb der Musik.

Aber wir können noch mal festhalten: Die Meerjungfrauen-Sache ist abgeschlossen ...

(lacht) Für den Moment schon.

Mit Allie X sprach Volker Probst

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Quelle: n-tv.de